Jahrgang 
28-52 (1866)
Seite
728
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7 28. Novellen⸗

tion erkennen, die ſich vielmehr einer geiſtig aufer⸗ bauenden Lectüre, als einer nüchternen Kritik empfiehlt. Bilden doch dieſe Bücher ſelbſt gewiſſermaßen eine kritiſch-contemplative Rundſchau des zurückgelegten Lebens und Strebens, wie es ſich bei dem hochver⸗ dienſtlichen Autobiographen in ſegensvollen und reichen Thaten zu Gunſten ächt civiliſatoriſchen Fortſchreitens nach vielſeitigſten Richtungen hin ſo ſchön verbrei tet hat. 3

Man nahm ſeit lange bei Vernachläſſigung ſchuldiger Anerkennung keinen Anſtand, den Carus' ſchen Aufzeichnungen eine zur Gewohnheit gewordene, nach einem Nimbus ſtrebende Selbſtbeſpiegelung zum Vorwurf zu machen. Man braucht indeß das Werk nur an irgend einer beliebigen Stelle aufzuſchlagen, um ſowohl zu ſehen, wie dieſer Vorwurf entſtanden iſt, als wie er ſich ſehr weſentlich bei objectiver Beur⸗ theilung modificirt.

Carus verweilt in ſpäteren Jahren in Leipzig und ſchreibt darüber unter Anderm in ſein Tagebuch:

Als ich geſtern im klarſten, feinſten Frühlings⸗ morgen unter manchen wiſſenſchaftlichen Geſprächen mit Victor Carus durch das Roſenthal wanderte, war meine Seele ſtill für ſich freudig verſenkt im Schauen dieſes Waldes, wo die feingeriefte Rinde alter knorri⸗ ger Eichen, in ihrem grünlichen Anfluge feuchter Waldesluft und in ihrer vor blauem Himmel ſchön aufſtrebenden Veräſtung, den anmuthigſten Contraſt bildete zu den jüngeren Stämmen und dem jugend⸗ lichen Grün friſch knospender Sträucher! Alles, was mich ſchon in jungen Jahren hier ſo oft feſtge⸗ halten hatte, es wirkte mit neuem Zauber auf mich, ja ich darf ſagen bewußtvoller und reiner als damals.

Mit voller Macht drängten ſich mir heute jene trefflichen Worte Schillers hervor, mit welchen ich einſt ſchon meineBriefe über das Erdenleben eröffnete, und die ich hier, weil ſie für ihre Bedeu⸗ tung lange nicht bekannt genug ſind, nochmals ein⸗ füge:

Wie wohlthätig iſt uns doch die Identität, dieſes gleichförmige Beharren der Natur! Wenn uns Leidenſchaft, innerer und äußerer Tumult lange

Zeitung.

wenn wir dieſe fliehenden Schätze nicht bei dieſer unveränderlichen Freundin in Sicherheit bringen könn⸗ ten! Unſere ganze Perſönlichkeit haben wir ihr zu danken. Denn würde ſie morgen umgeſchaffen vor uns ſtehen, ſo würden wir umſonſt unſer geſtriges Selbſt ſuchen!

Auch das Dorf Gohlis, wo wir noch die Anſtalt des Dr. Kern beſuchten, der dort das milde Werk der Pflege und Vermenſchlichung blödſinniger Kinder übt, hatte doch großentheils das Siegel altgemüthlicher Zuſtände ſich erhalten, zumal dort an der Mühle, wo alte Brücken und Bäume in früher Zeit oft Verſuche im Zeichnen veranlaßten, und wo noch jetzt im Früh⸗ lingskleide und im Sonnenlicht gar anmuthige Bilder ſich ergaben.

Als wir dann wieder zurückgingen und dahin kamen, wo ein großer Wieſenplan ſich weithin in den Wald hineinerſtreckt, einigte ſich das Ganze noch ein⸗ mal zu einem recht ächten Bilde des Frühlings dadurch, daß ein paar Störche durch den blauen Himmel zogen und endlich, unter breiten Flügelſchlägen ihres glän⸗ zend ſchwarz und weißen Gefieders, ſich auf eine junge Eiche niederließen. So ſchloſſen ſich alſo überall die neuempfangenen Eindrücke von dieſer Waldnatur auf das Würdigſte den früheſten Erinnerungen aus meiner Knaben- und Muſenzeit wieder an!

Wir wendeten jetzt noch ein paar Tage dazu an, theils in einigen Touren zu Wagen, durch Stadt und Vorſtädte, die vielen Erweiterungen, Neubauten und neuen Stadttheile kennen zu lernen, mit denen Leipzig ſich erweitert und verſchönt, theils ſuchte ich mehrere ſeit meiner Zeit neu eingetretene Univerſitätsprofeſ⸗ ſoren, wie Mettenius(im votaniſchen Garten), Wun⸗ derlich, Günther, Credé, Coccius und Ruete auf, ſah, wie außerordentlich viel ſeit jenen Jahren geſchehen war, um ein gründliches Studium der Medicin zu erleichtern, beſuchte die Bibliothek unter Hartenſtein und Gersdorf, ſowie die von mir begründete Samm⸗ lung für vergleichende Anatomie unter Victor Carus und führte endlich die Meinigen theils in die Gemälde⸗ ſammlung, welche künftig das zu erbauende Muſeum in ſich ſchließen ſoll, theils eines Abends zum Theater,

genug hin- und hergeworfen, und wenn wir uns ſelbſt verloren haben, ſo finden wir ſie immer als die nämliche wieder, und uns in ihr. Auf der Flucht durch das Leben legen wir jede genoſſene Luſt, jede Geſtalt unſeres wandelbaren Weſens in ihre treue Hand nieder, und wohlbehalten giebt ſie uns die anvertrauten Güter zurück, wenn wir kommen und ſie wiederfordern. Wie unglücklich wären wir, die wir es ſo nöthig haben, auch die Freuden der Vergangen⸗

heit haushälteriſch zu unſerm Eigenthum zu ſchlagen,

wo ich mich doch, trotz des ſchlechten Stücks und alten

Hauſes, wohl erinnern konnte, daß ich einſt, d. h. im

Sommer der Jahre 1809 und 1810, in eben dieſen Räumen mit allem Enthuſiasmus der Jugend den ſchönſten Vorſtellungen jener unter Goethe ſelbſt heran⸗ gebildeten weimariſchen Truppe gelauſcht hatte. Unter den für das Muſeum beſtimmten Gemäl⸗ den übte, neben dem Napoleon von Paul Delaroche und jener merkwürdigen Findung Moſis von Papety, auf welcher der ägyptiſche Raſſentypus in der Geſtalt

Marinnnen: dun auf der Es iſt Calane ſab 6 ſo

in dieſen keine Nah⸗ ließen, die darbieten. alle Part⸗ ver oder dem Gede grunde f weſentlich ſoll und! Anſchauu darf, ſe Ein thäͤ Leben, d mit Be⸗

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