Jahrgang 
28-52 (1866)
Seite
726
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Novellen

druß am allzu glänzenden, geräuſchvollen Hofleben hat mich veranlaßt, den Geiſt von Zeit zu Zeit wieder den ernſteren Studien zuzuwenden.

Immer neue, mir wahrhaft wohlthuende Ent⸗ deckungen; wir werden Sie alſo mit Recht als einen der Unſrigen betrachten können, und bitte, was leſen Sie, Herr Baron? fragte die Gräfin mit einiger Spannung.

Augenblicklich den Hamlet, meine Gnädige.

Ach, prächtig! fiel Gräfin Fürſtenſtein ein, die das Wort, obgleich in einiger Entfernung, aufgefaßt hatte.Da präſentirt ſich uns Baron Winterfeld ſofort als liebenswürdiger Schwärmer.

Ich finde in dieſem Werke des großen Briten⸗ dichters tiefen Geiſt, Seelenſchilderung, ſo wahr, wie faſt in keinem andern, entgegnete Gräfin O.Fühlen Sie als Sterbliche nicht, liebe Conſtanze, ſo ward die Gräfin Fürſtenſtein ſcherzhaft von ihr genannt die ganze Macht der Worte in Hamlets Frage ⸗Sein oder Nichtſein⸗?

Und wenn er fortfährt, ſprach Winterfeld mit klangvoller Stimme:

Whether it is nobeler in the mind, to suffer

The sling and arrows of outrageous fortune;

Or tame arms against a sea of troubles etc.

St! flüſterte die Gräfin und legte die kleine weiße Hand auf des Sprechers Arm;kein Engliſch! Deutſch oder Franzöſiſch ſind die in Caſſel jetzt gang⸗ baren Sprachen; fürchten Sie Monſieur de Bercagny*) nicht?

Ich habe die Ehre, den Herrn zu kennen; der Polizeiminiſter fahndet nicht auf Britanniens Dichter⸗ worte; ſie klingen unbedeutſam in ſein ſcharfes Ohr, während ſein Falkenblick die Chiffern muſtert, die von den Unſeren zu Englands Küſten laufen und oft Tage lang wie Hieroglyphen vor ſeinen Augen tanzen, ehe er den Schlüſſel dazu gefunden hat.

Und doch muß man vorſichtig ſein, Herr Baron, begütigte die Gräfin Fürſtenſtein;mein Mann lieſt die engliſchen Claſſiker in deutſcher Uebertragung, weil es den König, der täglich unſer Haus beſucht, unan genehm berühren würde, engliſche Bücher vorzufinden.

Den eigentlichen Geiſt aber des Britenheros kann man nur in der Urſprache kennen lernen; deshalb wage ich es, ſelbſt auf die Gefahr, Herrn v. Bercagny mißliebig zu werden, den Shakeſpeare im Original zu leſen, wie es in London ſelbſt gedruckt iſt.

Ich freue mich einer Conſequenz, welche den Dienſt Ihres Königs nicht beeinträchtigt, entgegnete Gräfin O.;und doch hat meine liebe Conſtanze nicht ganz Unrecht, wenn ſie freundſchaftlich wohl⸗

Zeiltung.

meinend Vorſicht empfiehlt, ich kann es nicht ver⸗ meiden, gewiſſe Herren zu empfangen, die aus der Mücke einen Elephanten machen.

Der koſtbare Flügel wurde geöffnet und Gräfin O., vielſeitig gebeten, trug eine Arie aus Cimaroſas «Heimlicher Ehe⸗ vor. Geſang und Begleitung waren gleich meiſterhaft. Die Stimme des klangvollen Sopran, in welchem die meiſten italieniſchen Meiſterſängerinnen excelliren, waren der hehren vollen Geſtalt der ſchönen Gräfin völlig angemeſſen. Man konnte ſich eine andere Stimme aus dieſer Bruſt nicht wohl möglich denken. Es war ein Vortrag zum Entzücken! Nur Comteſſe Fürſtenſtein, die es als frühere Hofdame der Koͤnigin Louiſe von Preußen, unter Leitung der edlen kunſt⸗ liebenden hohen Frau, zur Virtuoſität in der Muſik gebracht hatte, theilte an dieſem Abend die Meiſter⸗ ſchaft mit der Gräfin O.

Da man einmal erfahren, daß Winterfeld ſpielte, konnte er ſich der Aufforderung nicht entziehen, auch ſeinen Antheil zu der jetzt eingeleiteten muſikaliſchen Unterhaltung zu geben. Er ſetzte ſich an den Flügel und präludirte; aber ſtatt den Noten des von der ſchönen Hausfrau vorgelegten Blattes zu folgen, ging er ſchon am Ende der Seite in eine ſo großartige Phantaſie über, daß die hin und wieder in den ent⸗

Unterhaltung verſtummte. Man hatte nur noch ein Ohr für das geiſtvolle Spiel, in dem ſich alle Gefühle, jede Leidenſchaft ausſprach, deren ein menſchliches Herz fähig iſt. Kaum athmend lauſchten die Damen. Die Augen der jungen Gräfin Fürſtenſtein füllten ſich mit Thränen, während die Gräfin O. mit halberſchloſſenem Munde den ſchwärmeriſchen Blick auf Winterfeld gerichtet hielt, deſſen Augen mitunter auf den goldenen Sternen des Plafonds verweilten, als ſuche er den ſeinen darunter. Allgemeiner Beifall ertönte, als er ſich erhob und mit dem Tuche die heiße Stirne kühlte. Ein leiſes Flüſtern aber wurde bald wieder im Saale hörbar, als die Gräfin O. unter kaum hörbaren Worten ihren Dank ausſprach für den gewährten ſchönen Genuß.Sie werden doch künftig vierhändig mit mir ſpielen? fragte ſie, mit leuchtenden Blicken zu ihm aufſehend.

Es wird mich beglücken, Ihr Schüler zu werden, gnädige Frau, entgegnete Winterfeld ſich verneigend und zog ſich dann in die Tiefe des Salons zurück. In demſelben Augenblick rauſchten zwei Hofdamen der Königin vorüber, von denen die eine, die Gräfin Truchſeß, der anderen hinter dem Fächer unter hämiſchem

Lachen zuflüſterte:J'en suis sure la comtesse hat

den Freund nach ihrem Herzen gefunden! Der Blick,

*) Damaliger Polizeiminiſter.

den ſie dabei auf die Gräfin O. warf, die noch

fernten Theilen des weiten Saales noch geführte

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