Jahrgang 
28-52 (1866)
Seite
724
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Novellen

wie früher Gelegenheit, die Familie Winterfeld zu be⸗ ſuchen. Erſt nach einigen Tagen führte eine freund⸗ liche Einladung des Vaters ihn wieder in ihre Mitte. Wäbhrend ſeine Geſundheit ſich mit jedem Tage mehr befeſtigte, ſchien die Ausſicht, zum preußiſchen Heere zu kommen, ſich immer mehr zu entfernen. Endlich, nach der Schlacht von Bautzen, kam die Nachricht von dem am 4. Juli zu Pleiſchwitz abgeſchloſſenen Waffen⸗ ſtilltande, und die geängſtigte Hauptſtadt mit ihrer weiten Umgebung wurde das lebendige Feldlager des franzöſiſchen Heeres.

So ſtark die Bande waren, die ihn in Dresden feſthielten, ſo mußte er nach ſeinem einmal aus⸗ geſprochenen Entſchluſſe Anna's Achtung zu verlieren fürchten, wenn er länger zögerte, haͤtten ihn auch nicht ſeine vaterländiſchen Geſinnungen getrieben. Er nahm unter dem Vorwande, die Bäder dort zu ge⸗ brauchen, einen Paß nach Teplitz, da Oeſterreich bereits eine drohende Stellung angenommen hatte und außer Sachſen keine Fremden als Badegäſte die Grenze über⸗ ſchreiten durften. Durch Böhmen wollte er ſich den Weg nach Schleſien zum preußiſchen Heere ſuchen.

Bei dem Abſchiede mußte er Winterfeld das Ver⸗ ſprechen geben, ſobald als thunlich Nachricht über ſein Schickſal zu ſenden. Aber er fand keine Gelegen⸗ heit, ein Wort allein mit Anna zu ſprechen. Nur der leiſe Gegendruck ihrer Hand und der Blick ihres Auges, das eine Thräne zerdrückte, ſagten ihm, daß die wärm⸗ ſten Gefühle ihres Herzens ihm auf der neuen Lauf⸗ bahn folgten.

Wer hätte nicht einmal von der ſchönen Gräfin O. gehört, die während mehrerer Jahre am weſt⸗ phäliſchen Hofe zu Caſſel als Stern erſter Größe glänzte? Es war die blendende, faſt abgöttiſch verehrte Schönheit, in deren glänzenden Salons ſich Alles verſammelte, was auf Geiſt und Schönheit Anſpruch machen konnte, in denen Geiſt den Vorſitz führte und die Niemand verließ, ohne von den geiſtigen und körperlichen Reizen der hohen Frau begeiſtert zu ſein. In dieſen Soiréen ſah man neben der geſtrengen alten Landgräfin von Heſſen⸗Philippsthal, einer trotz ihrer antiken Hofmanieren nicht aller Liebenswürdigkeit entbehrenden Dame, die reizende, immer bewegliche junge Baroneß Spiegel, die graziöſe Gräfin Pappen⸗ heim, die zur Intrigue geneigte Gräfin Truchſeß, die geiſtreiche Comteß Conſtanze Fürſtenſtein*) und ihren begabten liebenswürdigen Gemahl, vielleicht der einzige Freund des Königs, der es ernſtlich wohl mit ihm meinte, neben dem Fürſt-Biſchofe von Corvey und dem immer wohlgelaunten Biſchofe, Baron Wendt;

Zeitung.

ſelbſt Malchus Baron v. Marierode, der ſtets rech⸗ nende Finanzminiſter, fand ſich zuweilen ein, um den Huldinnen Lafleche und St. Sauveur von der könig⸗ lichen Oper zur Zielſcheibe ihres leichten franzöſiſchen Witzes zu dienen. Selbſt der König, obgleich ihm von den ſchönen Hofdamen die ſchönſten überall zuvor⸗ kommend entgegen kamen, fühlte ſich nach eigener Aus⸗ ſage nicht glücklicher, als in den Cirkeln der ſchönen Gräfin O. Die geiſtreiche Dame, ſtets bemüht, ihren Salons neue Reize zu verleihen, verſtand die Kunſt, die Majeſtät immer wieder zu feſſeln, ſo oft ihn auch die würdevolle Hoheit, mit welcher ſie den königlichen Anſichten entgegentrat, zurückgeſcheucht hatte. Die Gräfin O. bedurfte aber des Königs zur Ausführung menſchenfreundlicher Zwecke, wozu die damals im

Lande vorherrſchende politiſche Stimmung des öftern Gelegenheit gab.

Wenn Jerome der Gräfin geollte, hörte er doch gern, wenn ſie von ſeinem Freunde, dem Grafen Für⸗ ſtenſtein, der mit der Schillerliteratur durch ſeine Gemahlin wohl bekannt war, eine andere Eboli ge⸗ nannt wurde. Aber die Gräfin O., die hohe, edle Geſtalt mit den dunkeln glühenden Augen, war. wenn überhaupt mit Jemand zu vergleichen, eher de ſchönen Maria von Schottland, als der Eboli ähnlich, der das Schönſte vom Weibe, das Herz fehlte; die Gräfin war edel, ſtolz, großherzig, Liebe erſehnend und bereit, heiße, aber treue Liebe wiederzugeben, nur nicht dem Könige Jerome, der ſie mit glühender Liebe auf jedem ihrer Schritte verfolgte. Es war die ideale Geſtalt, wie Schiller ſie ſeinem Don Carlos und noch mehr dem Poſa verliehen, nach deren Beſitz ihr für das Schöne ſo empfängliche Herz bisher vergebens ſich geſehnt hatte. So wenig als vor der Convenienzverbind die ſie im eigentlichen Vaterlande mit dem zwa achteten, aber ziemlich einfachen Gemahl geſchl ſo wenig hatte ſie ſpäter unter den vielen ſe Rittern und Knappen, welche den Caſſeler Hof in den verſchiedenſten Nationalitäten als buntfarbige Schmet⸗ terlinge umflatterten, das geſuchte Ideal gefunden.

Es war in einer dieſer Soiréen, wo der Premier⸗ lieutenant v. Winterfeld, einer der ſchönſten Officiere des prächtigen Garde du Corps, ohne ſein Zuthun die Ehre hatte, eingeführt zu werden, um dem an⸗ weſenden Könige einen Brief des Kaiſers, laut deſſen peremtoriſchen Befehl, zu eigenen Händen zu übergeben. Seine Majeſtät hatte die Depeſche zwar nur flüchtig geleſen, jedoch war den Näherſtehenden aus des Königs öfterem Zuſammenziehen der Augenbrauen nicht entgangen, daß der Inhalt etwas ihm Miß⸗ fälliges enthalte, vielleicht eine ernſte Mahnung wegen

*) geb. Gräfin Hardenberg.

der am königlichen Hofe zunehmenden Verſchwendung,

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