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„Ich kenne den jungen Herrn gar nicht.“
„Um ſo beſſer.“
„Man wird ihn mir vorſtellen—“
„Gewiß, und er wird von der Liebe der ſchönen Tochter des großen Kaiſers bereits unterrichtet, er wird ſo bezaubert von ihr ſein, daß er, Alles ver⸗ geſſend, die erſte günſtige Gelegenheit wahrnehmen und Ihnen zu Füßen ſinken wird. Die Gelegenheit wiederum wird nicht lange auf ſich warten laſſen und— wir werden dann geſiegt, die Komödie wird ihr Ende und wir freies Spiel haben.“
„Sie ſcheinen bereits in der Partie thätig geweſen zu ſein?“
„Durchaus nicht, Hoheit! Mon Dieu— ich mußte doch erſt Ihre Zuſtimmung haben, ehe ich irgend Etwas unternehmen durfte.“
„Mir ſcheint aber, Herr Marquis, als hätten Sie dieſe Zuſtimmung mit Leſtocqs Kopfe zugleich gewonnen.“ 4
„Ah— Sie meinen wirklich—“
„Ja,“ ſeufzte die Prinzeſſin,„ich meine!“
„Aber, Hoheit, Sie ſcheinen die luſtige Affaire
ziemlich ernſt zu nehmen?“
„So thue ich auch, Excellenz. dies nachtheilig ſein könne?“
„O nein, im Gegentheil! Sie werden mit dieſem
Ernſte eine gewiſſe Draperie von Aengſtlichkeit um
den entſcheidenden Moment hängen und es wird dies die Wahrſcheinlichkeit und Glaubwürdigkeit nur erhöhen, auf welche natürlich Alles ankommt. Ich darf natürlich nicht befürchten, daß Sie nach dem Ent⸗ ſchluſſe noch ein Mal wankend werden könnten— Sie ſind zu ſehr die Tochter des großen Kaiſers, Prinzeſſin.“
„Aber wie wollen Sie denn die Scene einfädeln?“
„Ich verſichere Sie, Hoheit, daß dies Alles meinem Kopfe noch keine Sorge gemacht hat. Ich werde darüber nachdenken.“
„Und wann meinen Sie den rechten Augenblick gekommen?“
„Ich werde Ihnen Nachricht geben, ein Zeichen.“ V
„Und wie, welches?“
„Melartin wird Ihnen ſeiner Zeit eine künſtliche Roſe überreichen. In dem Kelche würden Eure Hoheit mein Signal finden.“
„Nun gut, Excellenz,“ und Eliſabeth reichte dem Franzoſen die Hand, die er an die Lippe führte.„Ich habe noch eine Bedingung— ja, Sie lächeln, daß ich Bedingungen ſtelle, wo es für mich gilt— lachen Sie immer, ich denke doch, auch Sie haben einen Stein im Brett.“
„Und dieſe Bedingungen?“
„Der Kammerherr Razumowski muß in Erfahrung
Glauben Sie, daß
Novellen⸗ZJeitung.
bringen, daß ich Melartin ſchon heute geſehen, heute zuerſt, und dann—“
„Dann?“
„Dann muß er bei der bewußten Scene zu. Gevatter ſtehen.“
Chetardie ſann nicht lange.
„Nichts leichter, als das.“
„Adieu denn, Excellenz.“
Die Prinzeſſin ſchien plötzlich Diplomatin gewor⸗ den. Sie begann ſchon in diplomatiſcher Art zu denken.
(Schluß folgt.)
Jünglingsloos.*)
1.
Was ich haſſe und verachte, Sinnberaubt ich jetzo liebe,
Denn der Schöpfung Wunderbarſtes Dieſes ſind des Herzens Triebe.
Zarte Mädchenangeſichter.
Hab' ich Jahre lang verachtet, Und nach Einem einz'gen Blicke Mir die Seele jetzt verſchmachtet.
Helle, kecke Mädchenaugen Schwur ich immerdar zu haſſen, Um vor einem wonnevollen Schelmenauge zu erblaſſen.
Schlanke, weiße Mädchenfinger Schwur ich nimmer zu berühren, Und ich laſſe jetzt von Einem Mich nach Weſt und Oſten führen.
Feſtes Herz und Willensſtrenge— Wollt' ich bis zum Tod bewahren— Ach, ich ſeh' gefangen beide
Nun in dieſen ſchwarzen Haaren.
Für ſo große Miſſethaten
Kann nur Strafe mich beglücken; Drum zu holden Züchtigungen Will ich mich zu Boden bücken.
2. Liebſte, ſprich, wie iſt vergangen Meiner Kindheit ſtille Wonne?
Denn ſo wie vor ſieben Jahren Leuchtet heute noch die Sonne.
*) Aus Herzensgrüße von Heinrich vom Sunde. Berlin, 1866. Haude⸗ u. Spener'ſche Buchhandlung.


