Jahrgang 
28-52 (1866)
Seite
662
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662 Novellen⸗Zeitung.

Barbier in die Lehre gegeben; er lief davon, trieb ſich einige Jahre in der Welt umher, lebte von ſeinem Scheermeſſer und kam nach Paris, wo er ein Jahr blieb, um dann elend und hungrig heimzukehren. Sein Vater nahm ihn auf, lernte von des Sohnes Pariſer Erwerbniſſen und lehrte ihn von der Erfahrung eines langen Lebens. Aber der Burſche hatte keine Ruhe. Als Peter der Große ſeine Reiſe durch Deutſch land machte, hatte Leſtocg das Glück, bei dem Hof ſtaate der Kaiſerin als Bedienter angenommen zu werden. Sein lebhaftes, munteres Weſen gefiel; er begann zu ſteigen; da hatte er die maliciöſe Zuverſicht auf ſein Talent zur Intrigue, welches ſich in einigen plumpen Schurkereien offenbarte, mit dem Exil in Aſtrachan zu bezahlen. Nach Peters Tode wurde er erlöſt. Er kam wieder nach Petersburg und die Kunſt des Scheegneſſers wurde ſeine Ernährerin. Nach und nach nahm er auch einige glückliche chirurgiſche Kuren vor. Alte Connexionen, ſein im Weltſtrome abgeſchliffenes, unterhaltendes, launiges Benehmen

erſchafften ihm Zutritt in beſſere Kreiſe bis die

Prinzeſſin Eliſabeth ihn zu ihrem Leibchirurgus machte und er die Chirurgie an den Nagel hing, um ſein Beſteck nur noch ein Mal zu gebrauchen, da nänlich, als er in der Nacht der Thronbeſteigung dieſer Prin⸗ zeſſin die Trommelbezüge der Wachen zerſchnitt. Während alle ſeine Zeit⸗ und Glücksgenoſſen ihre Carrière hohen körperlichen oder geiſtigen Vorzügen

verdankten, war Leſtocg ohne dieſe emporgekommen;

was Wunder, daß die Unverſchämtheit ſich ihm zu⸗ geſellte; was Wunder, daß dieſer Mann hier um Tauſende pointirte!

Auch die zweite Hälfte ſeines heutigen Gewinnes

war verloren.

Leſtocg wurde wüthend.

Sacré! Sie ſind mein Unglücksrabe, Graf!

Warum hören Sie nicht!

Ich habe Ihnen ſo lange nicht Gehör geſchenkt und immer gewonnen.

Ich habe Ihnen aber ſchon lange geſagt, daß Sie am Ende im Verluſt ſein würden und Sie haben nicht gehört!

Ich wage einen letzten Wurf!

Er wird mißlingen.

Mag er! 1

Der Chirurgus ſetzte fünftauſend Rubel auf einen Point. Er behielt noch ein kleines Häuflein ſeiner Anlage vor ſich.

Sie ſind toll, Leſtocq!

Und Sie, mein Rabe, lieber Graf, laſſen Sie mich!

Taille Chetardie zog die Ducaten zu ſich heran.

Verdammt! ſchändlich! niederträchtig! Ich ver⸗ liere! ich unterliege! Leſtocq fluchte franzoͤſiſch, rufiſch, deutſch durcheinander. Nur der Prinz von Homburg verſtand das letzte, deutſche Wort:nieder⸗ trächtig!

Mäßigen Sie ſich, Monſieur Leſtocq!

Zum Teufel mit der Maßigung bei ſolchen Verluſten!

Sie richten ſich zu Grunde, auf Ehre!

Laſſen Sie mich, ich will die Bank ſprengen!

Menagiren Sie ſich!

Donnerwetter! noch ſechshundert vier, fünf, ſechsundvierzig Rubel habe ich, ein Lumpengeld!

Er ſetzte es aus. Es war verloren.

Geben Sie es auf, das Spiel!

Jetzt? Nimmermehr!

Leſtocg griff in die Taſche. Er zog ein Papier heraus und riß es in Stücke. Auf eines derſelben ſchrieb er mit Blei eine Zahl.

Für Gold! rief er und ſchleuderte es blind

hin.

Chetardie ließ es mit ſeinem Lächeln geſchehen. Er gewann es. Das zweite, dritte, vierte Stück folgte alle gingen in des Marquis Hand.

Nun?

Leſtocg war zurückgeſunken und lehnte halb ohn⸗ mächtig in ſeinem Seſſel.

Nun, Monſieur Leſtocg? fragte der Prinz. Geben Sie ſich überwunden?

Ja! gab der Chirurg kaum hörbar zurück.

Messieurs, fait wollte Homburg jetzt rufen.

Doch höre ich auf, fiel Chetardie ein.

Wie jetzt

Ich habe das meinige gethan!

Bah aber Sie bleiben doch; ich neyme die Bank.

Nein, Prinz; oder wollen Sie mich zum Secun⸗ danten? Das wäre etwas Anderes!

Es gilt jetzt keinen Zweikampf.

So werde ich mich empfehlen ich bin ermü⸗ det und möchte

Die ſchönen Blumen dort drüben noch ein wenig umflattern? Sie Schmetterling! Es iſt ſchon zu ſpät dazu; Frau von Nolken iſt bereits heim. Apropos Sie ſind alſo doch verliebt, Excellenz! 4

Wie

Ihrem Spiele, Ihrem Glücke nach

Meinen Sie immerhin ſo!

Und Sie ſind unerbittlich?

Unerbittlich ich verabſchiede mich hier,

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