Novellen
le-Grand an und war im Jahr 1682 für eine königliche Stiftung erklärt worden. Wie blühend dieſe Lehranſtalt im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts war, läßt ſich daraus erſehen, daß ſie nach den Angaben des Präſidenten Hénault im Jahr 1694 von 300 Externen beſucht wurde, und im Jahr 1729 nach Barbier 500 Penſionäre zählte. Voltaire blieb, wie er in ſeinen Schriften ſelbſt mittheilt, ſieben Jahre als Penſionär in dieſem Collegium und die Briefe ſeines ganzen Lebens ſind voller Erinnerungen aus jener Zeit. „Wie uns im Jahr 1709 bei einem erbärmlichen Feuer die Zähne klapperten!“ ſchrieb er 1767 an den Abbé d'Olivet, ſeinen fühern Lehrer.„Ich habe während eines ganzen Jahres im Collège ſchwarzes Brod gegeſſen,“ ſagte er 1769 zur Marquiſe de Florian.
Wie ging es aber zu, daß der Vater Voltaire's, der gleich⸗ zeitig zu den Juriſten und der Finanzwelt zählte, ein Freund des bekannten Epicuräers Abbé Chateauneuf, des Liederdichters Rochebrune und des Fräuleins Ninon de Lenclos und der Vater eines wüthenden Janſeniſten war, ſich entſchloß, den jüngern Sohn den Jeſuiten anzuvertrauen? Pierron meint, gerade deshalb, weil der Vater über den frühen Fanatismus ſeines ältern Sohnes erſchrocken ſei und weil er an Einem Janſeniſten in ſeiner Familie genug gehabt, ſei der jüngere Sohn den Patres der Geſellſchaft Jeſu übergeben worden. Das war aber keineswegs der Hauptgrund. Die unter der Leitung der Jeſuiten gemachten Studien ſtanden in großem Rufe und die Söhne des hohen Adels wurden ihnen als Zög⸗ linge übergeben, und das war für einen hohen bürgerlichen Beamten Grund genug, ſeine Söhne ebenfalls von ihnen erziehen zu laſſen, die damit den erſten Schritt in der Welt machten; für einen bürgerlich Gebornen war das die erſte Stufe zum Adel. Dazu kam, daß über das Collège Louis- le-Grand ausgezeichnete Lehrer den Glanz des Wiſſens und des Geiſtes verbreiteten und daß ſie ihren Unterricht ihrer Zeit anzupaſſen wußten. Für die Literatur des Jahrhunderts waren ſie ſehr nachſichtig und den neuen literariſchen Er⸗ ſcheinungen bewilligten ſie eine glänzende Toleranz. Der claſſiſche Geſchmack war bei ihnen voller Schonung und Milde. Der franzöſiſche Vers, dieſer junge Nebenbuhler des griechiſchen und des lateiniſchen Verſes, ohne im Unterricht wie ſeine ältern Brüder Bürgerrecht zu haben, wurde von ihnen wie ein Gaſt aufgenommen und wie ein neu Gekommener fétirt. In der Disciplin der Claſſen galt es für ein erlaub⸗ tes Vergnügen, für eine nützliche Erholung.
Der Streit über die alten und die neueren Sprachen wurde damals in der akademiſchen Welt mit Leidenſchaft geführt. Die geſchickte Geſellſchaft Jeſu, ohne den Claſſikern untreu zu werden, hatte für die neue Literatur ein Lächeln und Auf⸗ merkſamkeiten. Sie hatte aufgehört, Racine in Bann zu er— klären und ſagte nicht mehr von ihm,„er ſei weder ein Chriſt, noch ein Dichter; ſie ſtellte ihn in ihren Reden neben und ein wenig unter Corneille und ihre Feindſchaft beſchränkte ſich darauf, ihn Mollis columbulus„ein Turteltäubchen“ zu nennen, im Gegenſatz zu dem mit dem Blitz bewaffneten Adler, der in Corneille's Cid und Polyeucte ſchwebt. Sie fuhr fort, Molisre zu excommuniciren, aber ſie erkannte ſein ſchreckliches Talent an und ſagte von ihm beinahe, was ſie jetzt von Voltaire ſagt: Optimo nequitiae artifice nihil pejus.„Nichts Schlimmeres als der Künſtler, welcher ſich im Böſen auszeichnet.“
Weit entfernt, ſich wie Boſſuet gegen die wachſende Vorliebe für das Theater zu erheben, ermuthigte ſie dieſelbe durch die im Collège aufgeführten Stücke, die davon ein
„Zeitung.
Bild im verjüngten Maßſtabe boten. Indem ſie den herr⸗ ſchenden Geſchmack liebkoſte, ſchmeichelte ſie ſich, ihn zu leiten und zu heiligen. Sie wollte, wie Ariſtoteles, die Leidenſchaften reinigen. Eine ſchöne Jugend, von ihren Lehrern der Dicht⸗ kunſt ernährt, mit Ungeduld den eigentlichen Schauſpielen und dem freien Theater entgegen blickend, ging aus ihren Händen, trunken von Verſen und den Kopf nach dramatiſcher Berühmtheit gewandt.
Zu derſelben Zeit hielt man die Geiſter durch die Reden und die Stücke, welche bei gewiſſen Gelegenheiten in Gegen— wart der Würdenträger der Kirche und des Staats im großen Saale gehalten und gegeben wurden und deren Gegenſtand gewöhnlich die Geburt eines Prinzen, eine gewonnene Schlacht, ein neuer, berühmter Act des öffentlichen Lebens war, in Aufmerkſamkeit auf das, was in der Außenwelt ſich ereignete; man eröffnete heitere und lichtvolle Ausſichten auf die Gerüchte, Angelegenheiten, das Glück und die Größen der Welt. Man zog das Jahrhundert und ſeinen Pomp an ſich und ging zu ihm.
Unter den Jeſuitenvätern gab es beſonders zwei, zu denen Voltaire ſich hingezogen fühlte: die Patres Tournemine und Porée, die Beide zu den glänzendſten Lichtern der Geſellſchaft gehörten. Pater Tournemine war unterrichtet, geiſtreich, höflich und berühmt. Er war nacheinander Profeſſor, Schrift⸗ ſteller, Director, Prediger, Gelehrter und Salonmann ge— weſen, war damals ungefähr 45 Jahre alt und bekleidete zu Voltaire's Zeit im Collège den Poſten als Bibliothekar. Voltaire verlebte ſeine meiſten Erholungsſtunden bei ihm und bei ſeinem Profeſſor der Rhetorik, dem Pater Porée. Beide Männer waren ſehr verſchieden, aber Beide waren Dichter. Tournemine war Vertheidiger der Orthodoxie, aber zugleich ſo erfahren in den Angelegenheiten des Theaters, in der Vertheilung der Scenen und in der Wiſſenſchaft der Effecte, daß man von ihm hätte glauben können, er ſei ein regelmäßiger Beſucher des Schauſpiels. Die Dramaturgen wandten ſich in ihren Verlegenheiten an ihn und der Plan der Semiramis von Crebillon wurde nach ſeinen Ideen ganz umgeſtaltet. Als Bewunderer von Corneille ſchrieb er im Jahr 1738 im Alter von 78 Jahren eine Flugſchrift, um ihn zu vertheidigen. Pater Porée wurde berühmt, ohne je das Collsge zu verlaſſen; ſein Name verbreitete ſich in der Welt, ohne daß er je in der⸗ ſelben erſchien. Als er 1741 ſtarb, war ſogar der König Ludwig XV., der große Unempfindliche und Gefühlloſe, da⸗ von ergriffen und ließ es merken. Condorcet hat über dieſen Pater das Urtheil gefällt:„Er war ein Mann von Geiſt und ein guter Menſch.“ Er lehrte ſeit zwei Jahren im Co- lége Louis-le-Grand die Rhetorik, als er 1710 Voltaire da⸗ rin zum Schüler hatte. Damals war er 35 Jahre alt. Seine Reden und ſeine Theaterſtücke rechtfertigen ſeine Berühmtheit. Porée würde Dichter geworden ſein, wäre er kein Jeſuit geweſen, und er würde trefflich in franzöſiſcher Sprache geſchrieben haben, hätte ihm ſeine Stellung nicht zur Pflicht gemacht, Lateiniſch zu reden und zu ſchreiben.
Der Unterricht dieſes Lehrers, ſein liebenswürdiges Wort, das die didaktiſche Trockenheit durch viele witzige Ein⸗ fälle zu beſeitigen verſtand und die alten Beiſpiele durch neue Anwendungen verjüngte, ſeine tiefe Kenntniß des Theaters, ein offener Geiſt, der immer geneigt war, den literariſchen Horizont lieber zu erweitern, als ihn zu beſchränken; dabei eine angeborene Milde, die weſentliche Güte eines Charakters, welcher durch die Achtung, die er einfloͤßte, Gehorſam verlangte, der zugleich Liebe erzeugte, während er ſeine Zöglinge in die
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