Jahrgang 
28-52 (1866)
Seite
637
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Vierte

Eine ſeltſame Art der Thierjagd.

Eine ſolche finden wir in dem Gebrauch, welcher unter den Südamerikanern Chiles bei der Jagd auf den mehr ſchädlichen als gefürchteten amerikaniſchen Löwen herrſcht und in der That viel von einem dörflichen Familienfeſt.

Wir leſen von einem neuen, in unſerm Blatte näher zu erwähnenden Reiſenden darüber folgende intereſſante Schilde⸗ rung, die wir unſern Leſern zum Theil wiedergeben wollen:

Der Puma oder amerikaniſche Löwe, ſagt er, iſt ein ſcheues und vor dem muthig ihn angreifenden Menſchen ſich fürchtendes Thier. Er hat etwas von dem Charakter der Hyäne. Zur Nachtzeit ſchleicht er ſich in die Nähe des Viehes und ſpringt dieſem plötzlich an die Kehle. Seine Zähne und Tatzen gierig in das Fleiſch ſchlagend, zerreißt er das Opfer nur, um das Blut zu trinken, aber ſelten, um das Fleiſch deſſelben zu freſſen. Den Schaf⸗ und Ziegenheerden wird er deshalb gefährlicher wie der Tiger, der ſich gewöhnlich mit einem Opfer genügen läßt, während der Puma oft zwanzig bis dreißig Thieren in einer Nacht die Kehle aufreißt. Die Jagd auf den Löwen wird von dem Gaucho mit einer Art Aufregung unternommen, die von der durch die Tigerjagd verurſachten ſehr verſchieden iſt. Bei der letzteren zieht er

aus, um ſein Leben und das ſeiner Familie zu vertheidigen,

während bei der erſten er nur einen Räuber ſeiner Schafe oder Ziegen erlegen will. Dieſe Jagd wird ihm, weil keine ernſtliche Gefahr zu bekämpfen iſt, zu einer willkommenen Unterbrechung ſeines einförmigen Lebens; ſelbſt die Frauen und Kinder nehmen an dieſer Jagdfreude Theil, und reiten nicht ſelten mit ihren Männern und Vätern aus, um auch bei der Jagd ſelbſt mitzuwirken. Der Auszug zu ſolcher Jagd gewinnt dann den Anſchein einer großen Luſt⸗ Ercurſion; da man nicht weiß, ob man den erſten, zweiten oder dritten Tag den Löwen treffen wird, rüſtet man ſich mit Lebensmitteln, getrocknetem Fleiſche(Charqui) für mehrere Tage aus, läßt zwei oder drei Männer zurück, die die Hütten und Ziegen in Obacht nehmen und fort geht es, auf manchem Pferde mit zwei und ſelbſt drei Perſonen, die aber begreiflicherweiſe nicht zu den corpulenten gehören dürfen. Hat man die Spur des Wildes wiedergefunden(ohne die Fußſpur des Löwen erkannt zu haben, ſetzt ſich nie eine größere Jagdge⸗ ſellſchaft in Bewegung), ſo reiten zwei der erfahrenſten Gauchos vorauf, genau die Spur durch Berg und Thal, Schluchten und Ebenen verfolgend. Die ganze Caravane folgt ſtill und vorſichtig, um dem Löwen keine Warnung gegen die ihm drohende Gefahr zukommen zu laſſen. Sind die Wege zu ſchlecht, um den Pferden den Durchgang zu ge⸗ ſtatten, dann reiten einige Burſche voraus, um die Richtung der Spur beizubehalten, nur der Reſt der Expedition ſucht ſich mit ihnen auf beſſerem Wege zu vereinen. Ueberraſcht ſie die Nacht, ſo wird Halt gemacht, die Bivouakfeuer werden angezündet und der Charqui geröſtet. Auch Brod, aus der Frucht der Algarobabäume bereitet, wird vertheilt. Der Allögo, ein berauſchendes Getränk, aus demſelben Baume gewonnen, darf natürlich nicht fehlen. Den nächſten Morgen ziehen ſie weiter, immer der Spur nach, die ſie in den ſchwächſten Eindrücken und mit viel größerer Gewißheit als ihre Hunde wahrnehmen. Nichts wäre im Stande, ſie von derſelben abzubringen. Wird der Eindruck der Spur auf dem Boden friſch, ſo daß der Löwe ſie erſt vor wenigen Augenblicken zurückgelaſſen haben kann, ſo hält die Geſell⸗ ſchaft. In der größten Stille bereitet man die Laſſos und Bolas zum augenblicklichen Gebrauche. Gewöhnlich iſt ſolcher Ort eine Schlucht, wohin ſich der Löwe zur Tageszeit

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zurückzieht. Drei oder vier Gauchos zu Fuß, mit dem Meſſer zwiſchen den Zähnen, in der Hand den Laſſo, dringen vorwärts, der Spur nach; der Reſt der Männer, auf den ſchnellſten Pferden, vertheilt ſich im Halbcirkel um die Schlucht, nicht den Laſſo, ſondern die Bolas ſchwingend. Die Frauen und Kinder ziehen ſich nach einer andern Seite zurück, den Ausgang der Scene mit Spannung erwartend. Es iſt faſt eine Viertelſtunde verfloſſen, ſeitdem die Gauchos in die Schlucht eingedrungen ſind und ihre Gefährten ungeduldigt auf das Reſultat ihrer Forſchungen warten, als plötzlich einag lautes, faſt donnerndes Gebrüll die ganze Aufmerkſamkeit der letzteren auf ſich zieht. Zu gleicher Zeit theilt ſich das dichte Gebüſch und mit weiten Sätzen ſucht der Puma ſeinen Ver folgern in der Schlucht zu entfliehen. Aber er wählt ein ſchlechtes Mittel zu ſolcher Rettung, hier auf der Pampa, die er jetzt durcheilt, hat er ſich gerade in das Element ſeiner Feinde begeben. Die Gauchos zu Pferde erheben bei ſeinem Anblick ein Freudengeſchrei, und ihre Bolas ſchwingend, fahren ſie wie der Blitz auf das erſchreckte Thier zu. Iſt es nicht mehr nahe genug, um zur Schlucht zurückzukehren, ſo wird es ſich im nächſten Augenblick unter den Würfen der Bolas winden und ein geſchleudertes Meſſer wird ihm bald den Garaus machen. Gewöhnlich aber findet die Katze noch Zeit, ſich nach dem Dickicht der Schlucht zurückzuretten, doch nur für einen Moment, bald werden ſie die Gauchos, die ſie zum erſten Male herausgetrieben, auch wieder erreichen. Endlich klettert das gehetzte Thier auf einen Baum, um in den Aeſten Schutz zu ſuchen. Iſt der Stamm nicht dick, ſo wird er umgehauen, und die Bolas empfangen das fallende Thier, um, durch dieſe ohnmächtig gemacht, von den Meſſern der Gauchos durchbohrt oder von den Hunden zerriſſen zu werden. Aber nicht immer können die Jäger auf dieſe be⸗ queme Weiſe zu ihrem Wilde gelangen. Vergebens werfen dann die Gauchos ihre Bolas nach dem Gipfel des Baumes, wo ſich gewöhnlich das Thier anklammert, die Aeſte hindern immer, daß es getroffen wird; auch die Hunde umheulen umſonſt den Baum, vergebens ſuchen ſie hinaufzuſpringen oder in die Aeſte zu klettern. Sie erreichen durch ihre Be⸗ mühungen nichts, als ein furchtbares, faſt höhnendes Brüllen des Puma. Es wäre wohl etwas gewagt,höhnend zu ſagen; der Puma iſt im Gegentheil ängſtlich, und mehr wie einen Gaucho hörte ich erzählen, daß derſelbe, wenn er ſich ohne Rettung von ſeinen Feinden umringt ſieht, ein dem Weinen ähnliches, klägliches Wimmern hören läßt. Sehen die Jäger, daß kein anderes Mittel bleibt, ſo tritt der Ent⸗ ſchloſſenſte hervor und beginnt den Baum zu erklettern, das Meſſer zwiſchen den Zähnen; in der rechten Hand den Laſſo, kann er nur mit dem linken Arme den Stamm umfaſſen. Nähert er ſich dem Thiere, ſo ſucht er die Schlinge demſelben über irgend einen Theil ſeines Körpers zu werfen; gewöhnlich gelingt es ihm beim erſten Wurf, denn nur der beſonders Geſchickte unternimmt dieſes Wagniß. Raſch gleitet er wieder hinab und der Puma wird heruntergezogen und auf eine der oben beſchriebenen Arten getödtet; nicht ſo, verfehlt er den Wurf, die Katze würde dann unmittelbar auf ihn zuſpringen, und er wäre dann gezwungen, ſich nur auf ſein Meſſer zu verlaſſen, welches auf ſo unſicherem Terrain nur ſchwer zu brauchen iſt. Schwere Verwundungen müßte er dann unfehlbar davon tragen; aber wie geſagt, ein ſolcher Fall iſt ſelten, ſo ſelten, daß von allen Männern in Salinas, die ich nach ſolchem Ereigniß fragte, kein Einziger es je erlebt haben wollte. 6.