„Er fühlt, daß er eine kleine Welt
In ſeinem Gehirne brütend hält;
Daß die fängt an zu wirken und zu leben, Daß er ſie gern möchte von ſich geben.“
Dies Gefühl äußerte ſich auf eine wunderbare, faſt komiſche Weiſe eines Abends bei Oerſtedt's, als der Phyſiker das Doctorexamen gemacht hatte und einige junge und ältere Männer der Wiſſenſchaft bei ihnen waren. Sie ſprachen zuerſt über verſchiedene gelehrte Dinge. Ich ſaß ſtill in einem Winkel, leerte zuweilen mein Glas, füllte die Gläſer der Andern und ließ ſie reden; wie ich überhaupt ſelten laut in großen Geſellſchaften bin.— Nun kam endlich auch die Dichtkunſt an die Reihe und in Bezug hierauf äußerte eine barmherzige Seele ihr Mitleid mit der däniſchen Dichtkunſt, daß ſie ſeit Ewald's Zeiten ſo außerordentlich geſunken wäre. Bei dieſen Worten erfüllte mich Geiſt und Feuer, ich ſtehe raſch auf, trete mitten in den großen Kreis, ſehe ihnen Allen kühn und ſtolz in die Augen und rufe, indem ich mit geballter Fauſt auf den Tiſch ſchlage:„Ja, es iſt wahr, ſie iſt geſunken, aber ſie ſoll ſich, hol' mich der Teufel, wieder erheben!“
Ich hatte damals noch nichts Anderes drucken laſſen, als einige Lieder und ein kleines Stück:„Der zweite April“, eine dramatiſche Situation, wie ich es nannte. Ich durfte mich nicht beleidigt fühlen, wenn mich die ganze Geſellſchaft aus⸗ gelacht hätte; aber mochten ſie nun aus Gutmüthigkeit mich nicht demüthigen, oder glaubten ſie vielleicht, in dem Kerl muß doch etwas ſtecken;— genug, ſie ſchwiegen, blickten mich verwundert an und nicht einmal ein ſpöttiſches Lächeln ſtrafte mich. Aber dieſer Hochmuth war gerade allein geeignet, mich zu demüthigen; ich ſchlich mich wieder in meinen Winkel zu⸗ rück und fühlte, daß ich eine Dummheit begangen hatte.— Aber Oerſtedt's, meine Freunde, betrachteten es als eine Prophezeihung. Wir glaubten ſchon damals gegenſeitig von einander, daß Jeder von uns es in ſeinem Fache weiter, als bis zu dem Gewöhnlichen bringen würde.
In ſpäterer Zeit, als ich ſchon dichteriſch thätig war, lebte ich eingezogen im häuslichen Treiben, beſonders bei Rahbek und Oerſtedt's. Auch Steffens kam oft und gern in beide Häuſer. Unſer Verhältniß zu Rahbek war eigenthümlich. Er war ſueru Beider erſter Geſchmacksbildner geweſen, und noch jetzt ſtand er als Haupt⸗ und Wortführer an der Spitze der poetiſchen Schule, die wir bekämpften. Und doch blieben wir recht gute Freunde; denn Rahbek ließ auch uns etwas gelten und ſprach in ſeinem Blatte oft vermittelnd gegen allzu große Einſeitigkeit. Disputiren mochte er nicht; er wußte ſich ſtets mit Beiſpielen und witzigen Einfällen aus der Sache zu ziehen. Wenn wir unſere Anſichten ausſprachen, ſchwieg er und blickte durch das Fenſter, wo er eine ſchöne Ausſicht über den See nach Amager hin hatte; wurden wir allzu be⸗ geiſtert, ſo ging er in ſein Studirzimmer, wo ſeine Canarien⸗ vögel frei über den Büchern umherflatterten. Wenn er nun in ſeinem Zimmer bis zur Eßzeit gearbeitet und ſeinen Schnaps„Brenndarium“, wie er es nannte,— getrunken und etwas in die falſche Kehle bekommen und er darauf ge⸗ huſtet hatte,— ſo wurde er aufgeräumt und das Geſpräch nahm dann gewöhnlich ſtatt einer philoſophiſchen und lyriſchen, eine epiſche Wendung. Er erzählte uns dann gern Anekdoten und Charakterzüge aus einer älteren Zeit, und bei dieſer Gelegenheit bewunderten wir eben ſo ſehr ſein Gedächtniß, wie den Witz und Humor, mit dem er erzählte. Beſonders amüſirte es mich, Etwas von ihm über unſere dramatiſchen Dichter Ewald und Weſſel zu hören. Wie Jener, wenn er Abends mit einem Rauſch nach Hauſe ging, mit ſeinem ge⸗
Novellen⸗
Zeitung.
zogenen Degen auf das Pflaſter ſchlug, ſo daß die Funken ihm um die Ohren ſprühten, und ausrief:„Nun graſſirt der Poet Eward,“ denn den Buchſtaben l konnte er nicht im nüchternen Zuſtande, geſchweige denn, wenn er betrunken war, ausſprechen.— Wie Rahbek ihm einmal als junger Mann beſcheidene Complimente gemacht, und wie Ewald ihn aufgemuntert und geſagt hatte:„Lobe mich nur, Gevatter, ich mag das gern hören,“ wie Ewald endlich, als er krank und bettlägerig war, und der Doctor ihm Punſch verboten und Thee verordnet hatte, Punſch aus einer Theekanne in die Taſſe goß, um den Doctor und ſich ſelbſt zu betrügen.
Von Weſſel hörten wir, wie er an einem warmen Sommernachmittag verſtimmt und niedergeſchlagen an einem Seiler vorbeiging, der fürchterlich von der Hitze litt, weil er zwei Hemden anhatte. Der Seiler behauptete eifrig, daß nichts in der Welt den Menſchen ſo in Hitze bringen könne, als zwei Hemden.„Was meint Er denn von dreien?“ fragte Weſſel. Ein Freund beſuchte ihn und fand zwei Bücher auf der Commode ſeiner Frau.„Potztauſend, Weſſel,“ ſagte der Freund luſtig,„ſind das alles Deine Bücher?“„Nein,“ antwortete Weſſel,„nein, die meiſten davon ſind geliehen.“ Ein vermögender Mann lud ihn ein, Punſch bei ihm zu trinken, er habe einen vortrefflichen Rum bekommen.— „Lieber Freund,“ ſagte Weſſel,„ſchicke mir lieber ein paar Flaſchen nach Hauſe, ich trinke ihn am liebſten trocken.“— Er wohnte eines Sommers auf der Weſterbrücke, in der ſogenannten Galgenmühle.„Beſuche mich einmal, Du!“ ſagte er zu dem Schauſpieler Saabye,„ich wohne dort in der ſchönen Natur.“ Saabye kam, fand ihn aber nicht zu Hauſe, er war auf das Feld hinausgegangen. Dort ſtand das Hochgericht, das ſeit langer Zeit nicht benutzt war, und unter dem gemauerten Galgen, dem einzigen ſchattigen Orte auf dem Felde, lag Weſſel und las in einem Buche mitten in der ſchönen Natur!
„Nein, Weſſel,“ ſagte einmal ein Freund zu ihm,„Du mußt doch verſuchen, Dein Glück zu machen. Du mußt Miniſter Guldberg beſuchen. Er iſt ſelbſt ein gelehrter Mann, ein tüchtiger Kopf und wird gewiß etwas für Dich thun.“
„Das geht unmöglich,“ antwortete Weſſel.—„Wes⸗ halb?“—„Ich habe keine Perrücke.“—„Die will ich Dir geben.“—„Ich habe auch keine Hoſen.“—„Ich will Dir ein paar hübſche, ſchwarzſeidne Beinkleider darleihen!“— Er ging zu Guldberg. Der Miniſter fragte:„Wer ſind Sie?“—„Ich heiße Weſſel.“— Guldberg weiß noch nicht recht Beſcheid. Weſſel glaubt, die Perrücke mache ihn un⸗ kenntlich, er nimmt ſie ab und ſteckt ſie in die Taſche. Nun erkennt Guldberg ihn und fragt, womit er dienen könne?— „Ew. Excellenz, es müßte ein Amt ſein, wo viel zu verdienen und wenig zu thun iſt, denn dazu fühle ich mich beſonders disponirt.“— Guldberg weiß noch nicht recht, wie er dies verſtehen ſolle, dreht verlegen ſeine Doſe in der Hand, und wiederholt die Frage, womit er dienen könne?„Nun,“ ſagt Weſſel,„dann geben Sie mir eine Priſe Tabak, Gevatter!“ Die bekam er, verbeugte ſich und ging ſeiner Wege.
Vermuthlich wollte Weſſel kein Amt haben. Er meinte, daß er als ausgezeichneter Dichter, der dem Vaterlande Freude und Ehre bereite, eine kleine Penſion verdiene. Aber ſo weit war man damals noch nicht gekommen, daß man glaubte, ein guter Dichter verdiene den Lebensunterhalt als
Dichter.


