Novellen⸗
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unter das blutige Meſſer neigte. Es büßte hart für die Fehler der Vergangenheit und flüchtete ſich in die Zukunft.
In jenen Zeiten wurden Alle, die weinten, verurtheilt, ſelbſt Camille, ſelbſt Danton. Wer durfte daher wohl auf dieſen Ruinen ſtehen bleiben? V
Aber am 5. Thermidor ſchickte eine Frau— es iſt ſtets eine Frau, welche den Finger der Vorſehung zeigt— einem Manne, den ſie liebte, ihren Dolch. Dieſer Dolch tödtete die rothe Tyrannei.
Dieſe Frau nannte ſich Thereſia Cabarrus; dieſer Mann hieß Tallien.
Camille Desmoulins ſchrieb eines Morgens in ſeinem Journal:„Heute hat ſich in Paris ein Wunder ereignet;
pierre’s wurde getödtet, aber Camille büßte ſein Wort auf
dem Schaffot. Tallien wird das Wort Camille's wieder aufnehmen,
Tallien iſt der am wenigſten bekannte Mann der Re⸗ volution, aber er iſt eine große Figur. Man darf nicht ver⸗
Kühnheit, ohne Vergangenheit, ohne Wurzeln, ohne Freunde im Alter von fünf und zwanzig Jahren im National⸗Convent den Vorſitz führte.
Es fehlte ihm blos, wie die anderen großen Figuren, ſein Leben auf dem Schaffote zu verlieren; er war aber von der Größe der Danton, Camille, Saint Juſt auf der Redner⸗ bühne, in den Clubs, vor dem Feinde.
Die Revolution hat die Baſtille niedergeriſſen und die Gulllotine aufgerichtet..
Man hätte die Baſtille ſtehen laſſen und die Todes⸗ ſtrafe unterdrücken ſollen.
Anſtatt dieſe ſchöne Ernte blühender Intelligenzen, die
mähen, hätte man ſie am Tage ihrer Niederlage in die Ba⸗ ſtille— dieſe Schule Voltaire's— werfen ſollen. Die Baſtille hätte ſie gegen ihre Feinde, gegen ihre Freunde, gegen ſich ſelbſt bis zur Stunde beſchützt, wo ihr Tag wieder ge⸗ kommen wäre und wo man ſie an das rieſenhafte Werk zurück⸗ gerufen hätte.
Welche Kraft für die Revolution, ſich immer wiederzu⸗ finden, Alles zu verſuchen: Athen mit Camille und ſeinem claſ⸗ ſiſchen Genie; Rom mit Danton und ſeinen leuchtenden Blitzen; Sparta mit Saint Juſt und ſeinem goldenen Zeit⸗ alter, das ein eiſernes Zeitalter iſt; das beredte und groß⸗ müthige Arcadien mit den Girondiſten, den Contrat social mit Robespierre; Böotien mit dem blauen Wein mit den Hebertiſten; das communiſtiſche Utopien mit Babeuf.
Wer weiß, ob dieſe Schule der Baſtille; welche für Mirabeau, wie für Voltaire eine Schule geweſen war, nicht alle dieſe Beſtrebungen, dieſe Zornausbrüche, dieſe Flammen und Ideen zu einer wahren Republik, dieſes Mal zu der einen und untheilbaren Republik geführt hätte?
„Danton's Blut erſtickt ſie!“ rief Tallien am 9. Ther⸗ midor Robespierre zu. Die Republik triumphirte zu Lande und zur See; ſie verſprach alle Siege und alle Größen. Aber Robespierre ſah nicht, daß das Blut ſie erſticken würde. Selbſt Fouquier⸗Tinville ſtand eines Tages vor Schrecken auf dem Pont⸗Neuf ſtill:„Ich glaubte alle Verurtheilte er⸗ ſcheinen zu ſehen!“ So werden ſie ihm am Tage des jüngſten Gerichts erſcheinen. In Paris allein rollten vom 1.—9. Ther⸗ midor mehr als 300 Köpfe in den revolutionären Abgrund:
ein Mann iſt in ſeinem Bette geſtorben!“ Die Macht Robes⸗
indem er den Dolch von Thereſia Cabarrus Robespierre zeigt.
geſſen, daß er blos durch die Kraft ſeiner Beredtſamkeit und
Vergniaud, Danton, Camille Desmoulins, Saint Juſt, zu
Zeitung..
3000 Familien wurden davon berührt, zu Grunde gerichtet, geächtet; 300,000 Verwünſchungen gegen die Republik!
Am 10. Thermidor fielen die Köpfe von Robespierre und Saint Juſt.
Am 11. ruhte die Guillotine.
Von da fiel ihr nur von Zeit zu Zeit ein Opfer.
Das republikaniſche Frankreich athmete wieder auf
und ſtößt endlich den Ruf aus, welcher die ganze Welt durch⸗
dringt: Freiheit! Nun, wer weiß, was am 10. Thermidor ſich ereignet
haben würde, wenn der mit dem Dolche von Thereſia Cabar⸗ rus bewaffnete Tallien nicht den Schleier zeriſſen hätte? Die
Philoſophen, welche die Ideen zählen, aber nicht die Köpfe, werden nur ſagen, daß ich bei einem weniger als Nichts— einem guillotinirten Menſchen verweile!
Aber ein Menſch iſt größer als eine Idee: er iſt das Werk Gottes, er trägt ſeinen Theil der menſchlichen Größen und des menſchlichen Elendes.
Weil man die Rechte des Menſchen decretirt hatte, hatte man ſeine Rechte auf das Leben decretirt. 3
In den Gefängniſſen gab es keine Verſchwörer; man tödtete aus Gewohnheit, zu tödten. Tallien hatte das gottloſe Wort geſagt:„Die Freiheitsbäume müſſen mit Blut be⸗ goſſen werden!“ Sie wurden es und darin liegt der Grund, daß ſie an ihrer Wurzel abſtarben.
Tallien wuſch ſeine Hände mit den Thränen der Thereſia Cabarrus und deshalb ſtarb er eines natürlichen Todes.
Thereſia Cabarrus bewaffnete den Arm Tallien's und deshalb wurde ſie an einem Feſte der Republik mit dem rühmlichen Namen:„Notre Dame de Thermidor“ acclamirt. (Fortſetzung folgt.)
Künſtlers Erdenwallen.
Wenn gegenwärtig nur noch bei kleinen Bühnen ein abenteuerliches, beſchwerdevolles Leben ſtattfindet, wie es Goethe unter obigem Titel geſchildert hat, ſo waren früher ſelbſt Talente beſten Ranges ſolcher Romantik unterworfen, während ſie jetzt eine raſche, bequeme Speculationscarrière mit Eiſenbahnfahrten zweiter Claſſe und vorher abgeſchloſſenen Gaſtſpielen zu machen pflegen. Der Bekannte Künſtler Auguſt Haake, ein Zeitgenoſſe der vorzüglichſten Mimen, hatte ſolche Jugendſchickſale. Er hatte ſchon viel verſucht und geſtrebt und zog in Deutſchland erfolglos von einer Bühne zur andern. Die Kreuz⸗ und Querzüge ſind lehrreich für jeden Freund der Zeitgeſchichte und der Kunſt.
Nach langem Umherwandern wollte der junge Künſtler nach Baſel, dort ſollte, wie er wußte, ein gewiſſer Herr Vogel mit ſeiner Gattin Vorſtellungen geben und einer„dritten Perſon“ bedürfen. Bald hatte ich, ſo erzählt er ſelbſt, die Landſtraße erreicht, ſetzte mich ſeitwärts unter einen Baum und überdachte meine Lage. Ein Weg von ſechsunddreißig Stunden lag vor mir, in meiner Taſche war nicht die geringſte Baarſchaft, meine Füße waren wund, meine Stiefeln ſo gänzlich zerriſſen, daß ſie unbrauchbar waren, und ein ver⸗ zehrender Hunger lähmte meine Kraft. Ein Junge, der eine Heerde Gänſe hütete, geſellte ſich zu mir, ſein frugales Mahl an meiner Seite zu verzehren. Noth macht erfinderiſch und liſtig; mit derſelben feinen Diplomatie, womit Kotzebue's Don Ranudo de Colibrados dem Bauer ein Stück Käſe ab⸗ ſchwatzt, gelang es mir, den Jungen zu einer ungleichen Theilung ſeiner Mahlzeit zu bewegen. So wanderte ich denn getroſt über Freiburg nach Baſel. Kein Dorf verſagte dem
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