Jahrgang 
28-52 (1866)
Seite
521
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Literariſche Briefe von Otto Banch. Geſchichte der Kunſt, beſonders der Malerei, von Ch. Deleutre. Bearbeitet und mit Zuſätzen vermehrt von G. Feſter. Leipzig, bei Abel.

Eine Umſchau unter den Werken über bildende Kunſt beweiſt nicht ſowohl die Fülle an Tüchtigkeit derſelben, als den Fleiß der Autoren in dieſem Ge⸗ biete. Es treten Ihnen zahlreiche Werke über die geſammte Kunſtgeſchichte, als andere über einzelne Theile derſelben entgegen. Zumeiſt kommt jedoch dem Laien dabei nur zu Geſichte, was von deutſchen Ver⸗ faſſern in populärer Weiſe geſchrieben ward. Nicht

ohne Intereſſe iſt es indeß auch für größere Kreiſe,

zuweilen auch einen Ausländer in ſeinen Auffaſſungen zu beachten, und namentlich ladet hierzu ein Fran⸗ zoſe ein, da die Entwickelung der franzöſiſchen Kunſt unter dem gebildeten Publicum viel weniger bekannt geworden iſt, als die der Italiener, Deutſchen oder Spanier.

Deleutre, nicht frei von einer gewiſſen Phraſe und gewandten Schönrednerei, aber von ſeinem Gegen⸗ ſtande mit echt franzöſiſcher Syntheſe erfüllt und mit mancherlei Detailwiſſen ausgeſtattet, betrachtet nun zwar in ſeinem vorliegenden Werke die Kunſt im All gemeinen in antiker, mittelalterlicher und moderner Culturepoche, ganz beſonderen Accent aber legt er auf die Muſe ſeines Heimathlandes. Oft überſchätzt er ſie wohl, aber er mag Recht haben, daß ſie für den Eingeweihten mehr Originales hat, als man ihr im Auslande gewöhnlich zugeſteht, und in dieſer Be⸗ ziehung iſt es feſſelnd, ein ganz kurzes, für den Kunſt⸗ freund lichtgebendes Reſumé Deleutre's zu verfolgen.

Die Geſchichte der franzöſiſchen Kunſt, die im Anfang ſehr dunkel iſt, beginnt, ſo nimmt er an, ſich mit dem funfzehnten Jahrhundert aufzuhellen. Am Hofe der franzöſiſchen Könige finden wir zunächſt Lichtemont, Fouequet, Bourdichon und Perreal, lauter Maler, von denen wir wenig wiſſen und keine Ge⸗ mälde mehr haben. Von Nicolas Pion, über den wir ebenfalls keine biographiſchen Nachrichten beſitzen, hat ſich wenigſtens ein Gemälde erhalten: die Kreuz⸗ abnahme im Louvre. Gegen das Ende des funfzehnten und zu Anfang des ſechszehnten Jahrhunderts entſteht und gedeiht in der Picardie eine nationale Schule. Die Familie der Clouet oder Janet blühte von 1420 bis 1580 und lieferte eine Reihe von Malern, die der franzöſiſchen Kunſt ihren weſentlichen nationalen Charakter verliehen haben. Sie haben die franzöſiſche Schule, für welche der Einfluß der italieniſchen Kunſt ſo verhängnißvoll wurde, gewiſſermaßen gegründet.

Vierie Folge.

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Nach dem Mittelalter, in dem die Künſtler keine In dividualität hatten und in der großen katholiſchen

V Einheit aufgingen, machten alle Völker Anſtrengungen, ſich mit den Zügen ihres eigenen Geſichtes wieder zu beleben. Nun erſchien bei jedem Volk ein neuer Styl. Italien hat daher kein Recht, den Ruhm der Wieder⸗ geburt faſt ausſchließlich für ſich in Anſpruch zu nehmen; denn Frankreich, Deutſchlaud und die Niederlande haben zu der neuern Kunſt ebenfalls ganz unabhängig beigetragen. Allerdings iſt Italien der prächtigſte Ausdruck derſelben, aber trotz dieſer Ueberlegenheit des italieniſchen Geiſtes im ſechszehnten Jahrhundert iſt es gut, daß man in Deutſchland ein Deutſcher, in Spanien ein Spanier, in Flandern ein Flamländer bleibt. Im Mittelalter hat Frankreich die gothiſche Baukunſt aus ſich ſelbſt heraus erſchaffen, und auch in der Periode der Wiedergeburt hat es von den Janets an, den eleganten Malern der Valois, ſelbſt⸗ ſtändige Künſtler gehabt.

Neue hiſtoriſche Forſchungen, in denen nament⸗ lich die Provinzen großen Eifer entwickelten, haben uns mit verſchiedenen alten Künſtlern bekannt ge⸗ macht. Die Stadt Nantes hat einen großen Bild⸗ hauer, Michael Columb, wieder erweckt, der ſeit mehr als zwei Jahrhunderten vergeſſen war und dem man mehrere wunderſchöne Bildhauereien verdankt, nament⸗ lich das Grabmal des Herzogs Franz II. in Nantes und das Basrelief im Louvre: St. Georg als Drachen⸗ tödter. Das Grabmal ſtammt aus dem Jahre 1606, alſo aus der Zeit der Wiedergeburt, in der die fran⸗ zöſiſchen Bildhauer gar nicht ſelten waren, wenn auch nur wenige, wie Couſin, Goujon und Pilon, vom Hofe verwendet wurden. Von Tours aus übte Johann Juſte, der an der Grabkapelle Ludwig's XII. mitge⸗ arbeitet hat, in der benachbarten Provinz Maine einen bedeutenden Einfluß. Sechszig Stunden von Paris entfernt liegt an den ſteilen Ufern der Sarthe die alte Abtei Solesmes, die 1010 gegründet wurde und merk⸗ würdige Bildhauereien aus der Zeit der Wiedergeburt enthält. Dieſe ſchönen Monumente, die unter dem Namen der Heiligen von Solesmes bekannt ſind, ver⸗ rathen eine fromme Kindlichkeit, eine Ruhe und eine rührende Einfachheit, welche die Bildhauer der Valois bereits durch andere Eigenſchaften, durch Sinnlichkeit und Sittenfreiheit, erſetzten. Während die Leiden⸗ ſchaft für die antike Kunſt und tauſend andere Ein flüſſe in der Hauptſtadt den Charakter der chriſtlichen Kunſt verdrängten, lebte derſelbe in-den Heiligen von Solesmes fort, die in einem fernen Winkel von Künſt⸗ lern des Landes in einem feinkörnigen Werkſtein aus⸗ geführt wurden. Kieſe Bildhanereieu ſtellen die Grab⸗ legung Chriſti dar, die Grablegung der Jungfrau und