Jahrgang 
28-52 (1866)
Seite
505
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Vierte Holge. 505

dem er nicht Wohlthaten ſpendete, und wie beſcheiden und verborgen es auch geſchah, man wußte es doch. Niemals hatte ſich ein armer Gefangener an ihn ge⸗ wendet, ohne zu erhalten, was er zur Verbeſſerung

niſſes, der ſich ſchon über ſeinen Schließer verwundert hatte, und theilte ihm die Leiden ſeines Herzens mit, ſeine Liebe zu Johanna Faurie. Dann erzählte er ihm von ihrer Flucht und wie er dieſelbe eingeleitet

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und befördert; er klagte ſich ſeines Vergehens an und verlangte die Strafe dafür, eine Gefangene, eine Ver⸗ dächtige, eine Ariſtokratin befreit zu haben.

Aber der Concierge Benoit, glücklich, daß ein Menſchenleben gerettet, verurtheilte ſeinen Schließer zu leben und behielt die Flucht der jungen Frau Faurie als ſein Geheimniß. Und Beiden zum Glück, ward es nicht von den Schreckensmännern entdeckt, deren Sturz bald darauf erfolgte.

Viel weniger an's rein Tragiſche als vielmehr

Tragikomiſche ſtreifend iſt die Geſchichte eines Ge⸗

fangenen, der ſo zu ſagen ſitzen wollte, um die Ge ſetze in ihrer Mangelhaftigkeit zu compromittiren.

Freilich hat Frankreich trotzdem die Härte des Schuldrechtes nicht völlig geändert.

Dieſe zwanzigjährige Gefangenſchaft des Oberſten Swann in dem Pariſer Schuldgefängniß bildet einen merkwürdigen Proteſt gegen das Geſetz, welches ihn zum Leibeigenen ſeiner Gläubiger machte.

Dieſer Oberſt Swann, ein Amerikaner, war ein Freund Waſhington's geweſen; er hatte in dem Un⸗ abhängigkeitskriege unter Lafayette gefochten und häu⸗ fig ſah man den alten franzöſiſchen Republikaner durch das Thor von St. Pelagie gehen, um ſeinen Waffen⸗ bruder im Schuldgefängniß zu beſuchen. Durch dieſe Verbindungen, durch ſeine Freunde, oder durch die Flucht hätte der Amerikaner wohl ſeine Freiheit wieder erlangen können. Aber er wollte nicht; er gefiel ſich mit der Hartnäckigkeit eines Yankee darin, ein ſchlech⸗ tes Geſetz zu entkräften, und gewöhnte ſich endlich derart an ſeine Gefangenſchaft, daß er ſie höher ſchätzte, als die Freiheit. Wie Proudhon ſagte auch er, daß im Gefängniß der Menſch noch am freieſten ſei. Nicht ohne Mitleid, welches er nicht beanſpruchte, ſah man ihn ſpäter als einen würdigen Greis, deſſen Erſchei⸗ nung viel Aehnlichkeit mit der Benjamin Franklin's hatte, hinter dem Gitter des Hofes ſpazieren gehen und die friſche Luft genießen. Sein langer, geblümter Schlafrock machte ihn ſchon von Weitem kenntlich; ſowie er aus ſeinem Zimmer trat und ſeine Mitge⸗ fangenen ihn ſahen, ſorgten ſie in reſpectabler Auf⸗ merkſamkeit, daß Nichts ihn ſtöre, Nichts ihn ver⸗ drieße. Er galt ihnen als der Neſtor, der von Jedem Achtung beanſpruchen könne und den weder mit Fragen noch mit Blicken zu behelligen allgemeines Geſetz in St. Pelagie war. Oberſt Swann verdiente aber auch

die große Verehrung, welche ihm ſeine Mitgefangenen zu Theil werden ließen; denn kein Tag verging, an

ſeines Looſes erbeten; oftmals hatte er ſolchen das Geld gegeben, mit dem ſie ſich ihre Freibeit erkauften.

Es gab in dem Schuldgefängniß von St. Pelagie zwei Gattungen von Gefangenen: diejenigen Schuldner, welche noch finanzielle Hülfsmittel beſaßen, um davon zu dem kargen Unterhaltungsgelde zuzuſchießen, welches ihre Gläubiger für ſie täglich bezahlen mußten, und ſolche, welche nichts mehr beſaßen, und nur hin und wieder aus der Gefängnißcaſſe einige Sous für ihre kleinen Bedürfniſſe an Tabak oder dergleichen erhielten. Dieſe Letzteren übernahmen gewöhnlich die Dienſt⸗ leiſtungen für die Anderen gegen ein kleines Honorar und führten den Spitznamen: die Baumwollmützen.

Einer dieſer Menſchen, welcher gehört hatte, daß der Oberſt Swann ſeineBaumwollmütze nicht mehr habe, bot ſich ihm zum Erſatz derſelben an. Der Amerikaner wußte bald, daß der arme Kerl für eine Summe von etlichen Hundert Francsſitzen mußte und Vater einer zahlreichen Familie war. Er hatte vom Oberſt ſechs Francs monatlich als Aufwärter⸗ geld verlangt. 2

Ich bin's zufrieden, ſagte der Amerikaner dar⸗ auf und öffnete ein kleines Käſtchen, legte dazu eine Rolle Fünffrankenſtücke und indem er Beides, das Käſtchen mit der Rolle, derBaumwollmütze gab, fügte er hinzu:

Hier iſt das Gehalt von fünf Jahren im Voraus; verhindert Sie Ihr Geſchäft, ſelbſt zu kommen, ſo ſchicken Sie mir Ihre Frau.

Dergleichen kam mehr als einmal vor.

Ein armes junges Mädchen, welches kam, dem alten Vater zu St. Pelagie zu ſeinem Geburtstage Glück zu wünſchen, empfing vom Thürwächter beim Eintritt einen Zettel mit dem Auftrage, ihn nebſt ihrem Bouquet dem gefangenen Vater zu übergeben. Der Alte las auf dem Zettel folgende Worte:Ich beſcheinige hiermit, von Herrn M..(Name des Gefangenen) die Summe von 587 Francs als Capital, Zinſen und Unterhaltungskoſten im Schuldgefängniß erhalten zu haben und bevollmächtige durch Dieſes den Director, ſogleich den erwähnten Gefangenen zu entlaſſen. Es war die Quittung des Gläubigers von dem Alten über deſſen Schuld; Oberſt Swann war es geweſen, der die letztere bezahlt hatte und dem Gefangenen an dieſem Tage durch ſeine Tochter das Geſchenk der Freiheit bringen ließ.

Oberſt Swann war ſelber Niemandem, ſeinem

Gewiſſen nach, Etwas ſchuldig geweſen; aber das