Jahrgang 
01-26 (1866)
Seite
410
Einzelbild herunterladen

410 Novellen

ſehen. Ein hungriger Biß hinein und das Ding fällt in der Regel als das zuſammen, was es gewöhnlich auch iſt. Die Lebensnoth zeigt ſich allgemeiner ver⸗ breitet, als man glaubt, und es gehört eben auch das

Feuil

Das Vergißmeinnicht der Induſtrie. Das ſchöne und das ſtarke Geſchlecht iſt ſich kaum der Thatſache bewußt, daß es hundert alltägliche Dinge giebt, mit denen beide Theile fortwährend zu thun haben, ohne genau zu wiſſen, wie es ſich mit der Natur derſelben verhält. Der gebildete Mann hält auf ſeine Leibwäſche, dieſes nothwendige Bedürfniß geſellſchaftlicher Kulturzuſtände, und die Frau läßt mit Vergnügen ihre trefflichen Tafelgedecke durch die geſchäftige Hand gehn. Sollte man nicht eimal näher nach dem Flachſe, dieſem blauen Vergißmeinnicht der Induſtrie fragen? Es iſt wohl eine zu bekannte Sache? Keineswegs! Bei einer ſehr hübſchen Unterhaltung über dieſen Gegenſtand von Ruß nach einer Vorlage Uhlenhuth's iſt dieſe Verneinung auch feſtgehalten. Der Flachs, welcher ſchon ſeit Jahrtauſenden von unſeren Vorfahren mit gleicher Liebe und Ausdauer gepflegt und ge⸗ zogen wurde, iſt nicht nur das kleineliebliche Pflänzchen der Mädchen, ſondern gewiß eine unſerer allerwichtigſten Nutz⸗ pflanzen und ein beſonderer Freund unſerer ſorglichen, braven Hausfrauen. Nachdem ſchon ſeit dem früheſten Alterthum das Spin⸗ nen, Weben, Waſchen, Walken und Färben der Wolle be⸗ kannt war, zeigte ein lydiſches Mädchen, mit Namen Arachne, zuerſt, daß unter der Haut eines unſcheinbaren Pflänzchens, des Flachſes, Gewebe verborgen lägen von außerordentlicher Stärke, welche der Menſchheit zum unabſehbaren Nutzen ge⸗ reichen ſollten. Dies erweckte nach der Erzählung der Götter⸗ lehre die Eiferſucht der Göttin Minerva, welcher die Kunſt des Webens zugeſchrieben wurde, und der die wollenen Ge wänder geweiht waren. In ihrem Stolze tief verletzt, forderte die Göttin die Lydierin zum Webekampf heraus. Das arme Mädchen ward natürlich beſiegt und zum Lohn für die Dienſte, die ſie der Menſchheit geleiſtet, von der rachſüchtigen Minerva in eine Spinne verwandelt. Doch was half's, die Kunſt war erfunden, und die Menſchen beuteten ſie nach allen Richtun⸗ gen aus. Der Bauer ſäet den Flachs⸗oder Leinſamen nicht gern im Zeichen des Krebſes, er wählt ſich lieber den grünen Marientag, denn da gedeiht er mehr und wird am längſten. In vielen Gegenden Norddeutſchlands herrſcht noch die gute alte Sitte, daß den Knechten und Mägden auf dem Lande vom Bauer oder von ihrem Gutsherrn ein Stück Feld mit Flachs eingeſäet wird; das haben ſie zu ihrem Eigenthum. Die Leinſaat muß mit voller Hand ausgeworfen werden, denn geizen iſt nicht rathſam; dick muß die Saat auflaufen, damit die Pflanzen ſelber dem Boden Schatten geben und ihn vor heißen Strahlen der Sonne ſchützen. Bei günſtiger Witterung läßt der Keim nicht lange auf arten, manchmal geht er ſchon binnen 24 Stunden auf, egt er auch wohl 3 bis 4 Tage, wenn es kaltes Wetter

Zeitung.

zur Aufgabe der Poeſie, ihr eiſernes Weſen ſo aus⸗ zuſprechen, daß das Erſchütternde nicht zum proſai⸗ ſchen Jammer, das Tragiſche nicht zum gemein Trauri⸗ gen herabſinke.

2⁴

[leton.

Oℳ

iſt. Da kommen nun die zarten Pflänzchen aus dem Boden, beſcheiden laſſen ſie ihr Krönchen hängen; aber bald zeigen ſich auch ihre Feinde, die Ackerwinde oder die Diſtel, die nie fehlen, ſo rein man auch immer den Acker auswählte. Dann heißt es:der Flachs muß gewietet werden.

Das Wieten des Flachſes iſt eine mühſame Arbeit, eine erſte ſtarke Geduldsprobe, die man mit der Pflanze zu beſtehen hat; es kommen dann ſchon heiße Tage, und kein Vergnügen iſts, den Tag über, am Boden liegend, gleichſam mit Argus⸗ augen jedes Unkräutlein zu erſpähen und bei den Haaren her⸗ auszuziehen. Sorgſam aber muß die Arbeit gemacht werden, weil das Wieten nur einmal geſchehen kann.

Ein blühendes Flachsfeld iſt ein gar prächtiger Anblick, und gewiß ſind die Leſerinnen ſchon oft vor einem ſolchen in ſtiller Betrachtung ſtehen geblieben. Schlank und keck ſtrebt das zarte Stengelchen empor; mit nur wenigen, umlaufenden Blättchen beſetzt, trägt es ſtolz an ſeiner Spitze das himmel⸗ blaue Köpfchen. Alle Pflanzen gleich hoch in einer Ebene bieten einen Anblick, als ſei ein weiter azurfarbener Teppich hingebreitet, deſſen Milde und Tiefe mit der des Himmels wetteifert. Es liegt das Flachsfeld da wie ein klarer blauer See, während ein ſanfter Weſt leichte Wogen treibt in den höheren Halmen des nachbarlichen Kornfeldes. Dieſe Zeit des Glanzes dauert freilich nicht lange, vielleicht nur acht Tage, dann ſchrumpfen die Kronblättchen zuſammen, fallen zur Erde, und wieder grasgrün iſt die Fläche. Aber ſchon dehnt ſich die Fruchtknospe zwiſchen den friſchen Kelchblättern, und die kleinen Samen ſchwellen, ein jegliches in ſein Kämmerlein ein⸗ geſchloſſen, und bald iſt die pralle Kapſel der Reife nahe. Wenn nun die Blättchen dicht über der Erde gelb werden, dann ſagt man:der Flachs iſt reif, er muß gezogen werden.

Was bis dahin die Natur an der Pflanze thun konnte, iſt geſchehen, ob aber die Menſchen mit den Gaben des Himmels immer zufrieden ſind, iſt eine andere Frage. Beim Flachs iſt hauptſächlich die Länge maßgebend; wir ſehen daher hier wohl eine Bäuerin mit trübſeligen Blicken vor ihrem niedrigen Flachsfelde ſtehen, indem ſie unmuthig die kurzen Halme zwi⸗ ſchen den Fingern zerreibt, um wenigſtens in der Feſtigkeit des Baſtes einen Troſt zu ſuchen..

Bald tragen wir ſorglich das Pflänzchen hinein,

Dann ſchmückt es den Rocken mit ſilbernem Schein;

Wir ſingen zum tönenden Rädchen und drehn

Die Fädchen wie Seide ſo glatt und ſo ſchön.

Wenn draußen die Felder erſtarren von Eis, Dann ruft uns das Pflänzchen zum traulichen Kreis, Jetzt blühend und grünend ergötzt uns ſein Glanz, Dann ſchlingt es uns ſelber zum blühenden Kranz.

So ſchnell, wie in Krummachers ſchönem Flachsliede, geht

es nun allerdings nicht, im Gegentheil, die ganze Zubereitung

☛yDͦ§U.‧ꝗᷓ́ᷓ́ᷓQ.

Wenn wir ich gul atii die gine Dber zwiſhanbeiden ſſtus iel ale forzeſchafft un entfernt werde Mit den tungen, wird ihre Hülfe da geräthet. Waſſer ein u er an der Son bracht. Um d mehrere Nacht hilflich ſind; dann einen m die flinken Fr tummeln, und die geſchäftige Am ande geht es nun Flachs her. liches Inſtrun die Arbeit ih ſehen hat, d und zweiſch Schalen der durchgezogen und fällt nu Dann durchgeheche nur einmale drämal das Ml⸗ und ſich de ur groben, de Dieſe vin aber doch Was Feinflachs werden zu dieſer Fer traulichen poetiſche Zu