Jahrgang 
01-26 (1866)
Seite
409
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dieſen ein be⸗ Gegen ängniß, derſelbe

deil der

Vierte Holge.

lichkeit werden dann auch Handel, Gewerbe und Verkehr wieder in den Hafen des Friedens einziehen und die drei fürchterlichen apokalyptiſchen Reiter: Tod, Hunger und Peſt, die bereits am Horizonte Deutſch⸗ lands heraufſchweben, werden um ihre Beute glück⸗ lich betrogen.

Als einen Dichter, dem es ebenfalls nicht an innerem Behagen fehlt, ſtellt ſich Carl Stelter dar, der ſich auch im Felde der Lyrik ſchon durch ſein BändchenGedichte und Sage und durch ſeine SammlungCompaß auf dem Meere des Lebens bekannt gemacht hat.

Mit ziemlich ſtrenger Ausnahme rein politiſcher Lieder behandelt er ſo ziemlich alle Gattungen der Lyrik, wenn auch mit mehr ſubjectiver als objectiver Auffaſſung und vorherrſchender Neigung zum Liebes⸗ lied und zur Betrachtung vom Stillleben des Menſchen⸗ berzens im engeren Kreiſe des Daſeins. Dieſes an⸗ ſpruchsloſe Sichverſenken in die hochwichtigen Räthſel wie kleinen chikanöſen Rebuſe unſeres Erdenwallens verdient Achtung, da es gerade im Gegenſatze zum

Tagestreiben unſerer Zeit ſteht, welches nur zu ſehr ſocialen Problemen nachjagt und darüber nicht ſelten, ohne doch ſein Hochwild zu erlegen, denjenigen geſunden Menſchenverſtand verliert, welcher unerläßlich noth⸗ wendig iſt, um an der eigenen Ofenwand eine Stuben⸗ fliege glücklich fangen zu können. Goethe's Ausſpruch: Eins iſt nicht für Alle ſchicklich gilt auch in der Lyrik. Gar Mancher iſt darin recht wohl im Stande, das Gemüth zu pflegen, während ſich ſtolze Gedanken und eine volltönende Rhetorik zu ſeinem beſcheidenen Saitenſpiel ſehr übel ſchicken würden.

Carl Stelter hat jederzeit ein redliches Streben in Bezug auf ſprachlichen Ausdruck und lyriſche Form bewährt, ein würdiger Fleiß, der um ſo mehr Ver⸗ dienſt bei ſolchen Talenten hat, denen keine muſikaliſche Sprache mit ihren blendenden Rythmen und tändeln⸗ den Reimſpielen angeboren iſt, eine oft ſehr ver⸗ hängnißvolle Naturgabe, indem ſie leicht ihre Beſitzer zu Nonſensſängern ſich in Bequemlichkeit und ſchnö⸗ der Selbſtverblendung herablungern läßt. Sie vergeſſen nämlich nicht ſelten den Inhalt über die Form, in⸗ dem ſie glauben, daß in einem Topf, der einen ſchönen Glanz habe, nicht auch noch etwas darin zu ſein brauche. Manchen Leſern gegenüber erweiſt ſich ſogar dieſes Princip des leichten Gepäcks als nicht unpraktiſch.

Am meiſten von Werth ſcheinen uns diejenigen Lieder Stelters zu ſein, die eine ſtille, reſignirte Be⸗ trachtung ausſprechen, und wenn in ihnen hier und da einige Bitterkeit liegt, ſo iſt gerade darin auch eine Zeitſtimmung zu erkennen, die den vielen bitteren

Täuſchungen unſeres Hoffens Rechnung trägt. Ein

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ſolches Gedicht, welches geradeTäuſchung überſchrie⸗ ben iſt, wollen wir hier hervorheben:

Ja, hoffe nur auf gute Zeiten, Du armer, leichtbetrogner Thor Die Zeiten werdeg weiter ſchreiten, Doch Dir ergeht es wie zuvor. Wie hatteſt Du ſo golden Dir, Wenn dies und jenes überſtanden, Gemalt der Zukunft Glückspanier, Doch Fetzen waren's, die ſich fanden.

Ja, Fetzen von zeriſſ'nen Fahnen,

Die Dir zum Siege ſchon geweht,

Und all dein Hoffen, all dein Ahnen Wie Blüthenſtaub vom Sturm verweht. O hoffe nichts von dem, was kommt, Behalte nur was Du errungen, Und nutz' es ſo, daß es Dir frommt, Dann haſt das Schickſal Du bezwungen.

O denke nie, wenn nur die Bande, 1 Die heut' Dich feſſeln, erſt geſprengt,

Daß dann Dein Schiff im Hafen lande

Und nichts die Seele mehr beengt.

Erwarte nichts als Streit und Krieg

Vom Morgen bis zum Lebensabend,

Der Tod entreißt Dir noch den Sieg,

Mit ſeinen Palmen Dich begrabend.

Das Leben will, ſobald der Morgen Der Erde dunklen Nacht entſteigt,

Den ſtrengen Theil von Deinen Sorgen, Bis wieder ſich die Sonne neigt.

Dann ruh' von Deines Tagwerks Laſt, Kein andres Loos wird Dir beſchieden, Begnüge Dich, wenn ſtill gefaßt

Du nur den Abgrund haſt vermieden.

Wo der Verfaſſer auf ſolche Weiſe, ohne die Be⸗ geiſterung poetiſcher Illuſionen und ohne die Kraft des Glaubens an die Zukunft ſelbſt bei widrigſten Schickſalen des Individuums, das traurige Loos der meiſten Menſchen ausſpricht, macht er den Eindruck der Wahrheit und Sinnigkeit verſtändiger Lebensauf⸗ faſſung. Aehnlicher Stimmung iſt ein anderes Ge⸗ dicht:Was bringt das Leben? Auch hier ſpielt die bittere Enttäuſchung wieder eine Hauptrolle, und der Sterbliche, dieſer Sonntagsjäger auf die Ewig⸗ keit, wird auf das niedere Wild des Augenblicks verwieſen.

Lyriker mit und ohne ein hervorragendes Talent entfernen ſich immer mehr von der Wirklichkeit und thun großes Unrecht, wenn ſie den Ernſt des Lebens mit einem immerwährenden Roſenſchimmer übergießen und in ihrer Traumſeligkeit überall nur den großen aufgeblaſenen Winddarm der Hoffnung wie eine rieſige Cervelatwurſt vor der Naſe des Armen aufgehängt