Jahrgang 
01-26 (1866)
Seite
389
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Dierte

die Vorſtellungen eines verdienten alten Generals in ſeiner Umgebung, welcher die früheren freund⸗ ſchaftlichen Verhältniſſe, in denen er zum königlichen Generallieutenant O'Flaherty geſtanden, nicht ab⸗ gebrochen hatte, beſtimmt, keine Unterſuchung über den Starrkopf zu verhängen, als Moreau wegen an der Republik beabſichtigten Verraths der Proceß gemacht wurde. So kam es, daß General O'Brien unter dem Schutze ſeiner ihm mitunter gänzlich unbekannten Freunde und bewacht von einer treuen, liebevollen Gattin, welche durch ihre geheimnißvollen Vebindungen von jeder beabſichtigten Regierungsmaßregel die ſchnellſte Kunde erhielt, einer Sicherheit genoß, deren ſich in damaliger Zeit eine personne suspecte, als welcher er in den polizeilichen Controleregiſtern aufgeführt war, nicht eben zu erfreuen hatte.

Einen ihm ſpäter unter den glänzendſten Aus⸗ ſichten gemachten Antrag, ſich dem, ſchon während des italieniſchen Feldzuges vom Oberſt Oudet dem⸗ ſelben, der 1812 auch in die Mallet'ſche Verſchwörung verwickelt war geſtifteten Bunde der Philadelphen⸗ beizutreten, wies er ſtandhaft zurück. Der Zweck der Verbindung, nicht allein in Frankreich, ſondern auch in Italien und Deutſchland die republikaniſche Frei⸗ heit zur Herrſchaft zu bringen, ſchien dem beſonnenen Manne zu idealiſtiſch, als daß er nach ſeinem eigenen Ausſpruche vor den nächſten funfzig Jahren in Ueberlegung gezogen werden könne. Das ſchon früher in Irland von ihm angeſtrebte Ziel, in dem er für alle Zeit das Heil von Europa erkannt zu haben glaubte, war nicht die Republik, es war das Königthum mit einer Verfaſſung, gleich ſtark nach oben, wie nach unten, gegen jeden Mißbrauch geſchützt.

Als im April 1804 vom Tribunal der Antrag geſtellt wurde, Napoleon zum erblichen Kaiſer zu erheben, ſprachen nur Carnot und O'Brien dagegen. Sie wurden für ihren mannhaften Sinn zur Dispo⸗ ſition geſtellt, am Tage, nach dem Napoleon Buonaparte zum Kaiſer proclamirt war.

Erſt nachdem die aufeinander folgenden Kriege in Deutſchland und Spanien wie die Heere, ſo auch die Zahl ſeiner erprobten Anführer bedeutend gelüftet hatte, ſah ſich der Kaiſer veranlaßt, auch Männer zum activen Dienſt wieder zu berufen, die er, trotz ihrer ausgezeichneten Talente, wegen ihrer politiſchen

Meinungen zurückgeſtellt hatte. Unter dieſen befand

ſich auch O'Brien. Er folgte willig dem Rufe zu den Fahnen, ſobald es eine Zeitlang den Anſchein gewann, als ob die gloire zu ſchwinden anfing, den die große Armee auf zahlloſen Schlachtfeldern ſeit achtzehn Jahren errungen hatte.

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Es war im Spätherbſt des Jahres 1808, als das Erſcheinen des Kaiſers auf der pyrenäiſchen Halb⸗ inſel genügte, das Siegesglück wieder zu feſſeln, welches ſeinen Adlern treulos geworden war. Bis zur Einnahme von Madrid befand ſich O'Brien als Generaladjutant im Gefolge des von Sieg zu Sieg eilenden Kriegsfürſten. Dort wurde er im erſten Tagesbefehle zum Commandeur einer Diviſion in dem vom Marſchall Soult befehligten Armeecorps ernannt. Als ein beſonderer Beweis kaiſerlicher Ach⸗ tung und wiedergeſchenkten Vertrauens ward es in der Armee betrachtet, daß die tapfere brigade irlan- doise dieſer Diviſion zugetheilt wurde, welche unter General O'Brien's Anführung weſentlich zu dem am 20. December bei Benevente errungenen Siege bei⸗ trug, durch den der britiſche General Moore zu dem verhängnißvollen Rückzuge nach Corunna gezwungen wurde. General O'Brien ſelbſt, dem in dieſem mörde⸗ riſchen Kampfe zwei Pferde unter dem Leibe getödtet wurden, trug gegen Ende der Schlacht noch eine ſo ſchwere Wunde davon, daß er vom Schlachtfelde ge⸗ tragen werden mußte.

Faſt ein Monat war verfloſſen, ehe man es ohne Gefahr wagen konnte, General O'Brien mit anderen ſchwer verwundeten Officieren in das Armeedepöt nach Madrid abzuführen.

Der traurige Zug erreichte an demſelben Tage die Hauptſtadt, an welchem der Kaiſer an die Armee die klaſſiſche Proklamation erließ, in der er für die großen, ihm in drei Monaten geleiſteten Dienſte ſeinen Dank abſtattete und ſeine Rückkehr nach Paris anzeigte Sobald Napoleon von der Ankunft der Verwundeten unterrichtet war, ſtieg er zu Pferde, um auch von dieſen Braven perſönlich Abſchied zu nehmen. Als man ihm auf die Frage nach dem General O'Brien erwiderte, daß dieſer, wegen der ſchweren Wunde am Schen⸗ kel, am Gehen noch behindert ſei, ließ er ſich nach dem Kloſter St. Annunziate führen, in deſſen Refeckorium man den General und den mit ihm gekommenen verwundeten Officieren ein Unterkommen bereitet hatte, ſo gut, wie es eins der überfüllten Hospitäler nicht hätte gewäh⸗ ren können. Der Kaiſer winkte ſchon aus der Ferne, ſobald ſein ſcharfes Auge bei dem Eintritt in den geräumigen Saal O'Brien erkannt hatte, der ſich bemühte, eine ſitzende Stellung auf ſeinem Lager einzunehmen. Dem Gefolge einige Schritte voran, trat er raſch an das Lager des Verwundeten. Mit ſeinem bekannten bezaubernden Lächeln reichte er ihm die Hand mit den Worten:Eh bien, ce sont enfin toujours les mémes idées de gloire qui vous inspirent!Sire, la gloire de la France est la gloire de l'armée.

Der Kaiſer ward ernſt, nickte jedoch gleich darauf.