Jahrgang 
01-26 (1866)
Seite
350
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Unterhandlung abgebrochen.

350 Novellen Schauſpieler auf, der auf dem Komödienzettel ſtand. So kam ich zu einem Herrn Leißring, der nebſt ſeiner Gattin ſoeben im Begriff war, ſich an eine Linſenſuppe zu ſetzen. Die Leute gefielen mir nicht ſo übel. Das hübſche junge Ehepaar empfing mich mit collegialiſcher Freundlichkeit, und ich ließ mich erbitten, die Linſenſuppe mit ihm zu theilen. Ueber Tiſch erfuhr ich denn manche Details über Direction, Theater und Publicum.Wir haben hier viel Nobleſſe, ſagte Herr Leißring.Da iſt der Amtmann, der Forſt⸗ meiſter, wirklich kunſtſinnige Leute. Und Vorſtellungen geben wir, Sie werden ſehen, manche viel beſſer als in Weimar. Was uns betrifft, ſo befinden wir uns nicht übel. Zwar kommt mir der Director, wie allen Andern, in's Rollenfach, denn er ſpielt Alles, was gut iſt; aber was thut man nicht um der guten Gage willen! wir haben fünf Thaler die Woche. Dabei iſt mir das Amt des Zettelträgers contractlich zuge⸗ ſagt, wodurch ich denn an jedem Orte, den wir verlaſſen, ein erkleckliches Biergeld gewinne.

Abends wurdendie Corſen von Kotzebue, der damals das tägliche Brod der kleinen und großen Theater war, gege⸗ ben. In einem Saale, der beiläufig hundert Zuſchauer faßte, war ein Theater von etwa zwölf Schuh Breite aufgeſchlagen, von etlichen Talgkaſten begleitet. Was dieſes Theater vor⸗ theilhaft, ſelbſt von den größten, unterſchied, war der Mangel eines Souffleurkaſtens, derſelbe war nämlich in dem niedri⸗ gen Podium nicht anzubringen geweſen. Man hörte daher den Souffleur, oder vielmehr den hülfreichen Schauſpieler, der, in einer Scene gerade frei, aus dem Proſcenium ſchrie. Bis gegen den Schluß ging das Stück mit Hülfe dieſes Orakels noch einigermaßen zuſammen, aber in der letzten Scene, wo alle Mitglieder auf der Bühne ſein mußten, wollte es durchaus nicht mehr vom Fleck. Ich, der ich mich zum Glück hinter der Bühne befand, ergriff das Buch, den Ver⸗ legenen aus der Noth zu helfen, aber das tief herabgebrannte Licht, welches mir leuchten ſollte, verſagte den Dienſt. Es flackerte noch einmal ſammt dem Papier, mit dem es in den Leuchter gepfropft war, hell in die Höhe und verloſch. Nun ging Alles drunter und drüber, der Director griff in dieſer Kataſtrophe neben hinein, und entfeſſelte die Schnur des Vor⸗ hangs. Er fiel, die Zuſchauer applaudirten und gingen zufrieden nach Hauſe. 3

Andern Tages debütirte ich und gefiel dem zahlreichen Publicum, das ſich um des Weimar'ſchenHofſchauſpielers willen eingefunden, denn als ſolcher war ich ihm aufgeführt, ſo ungeheuer, daß dem Director ein neuer Glücksſtern in mir aufzugehen ſchien. Am Montag Morgen fanden die En⸗ gagementsverhandlungen ſtatt, ich hatte mir die Sache über⸗ legt. Bei ſo einer Bande lange zu verweilen, ſchien mir unmöglich, vielleicht aber erhielt ich ſo viel Gage, daß ich meine durch den Verluſt des Felleiſens höchſt reducirte Gar⸗ derobe wiederherſtellen und ein kleines Erſparniß zur Weiter⸗ reiſe gewinnen konnte. Herr von der Oſten bot mir zwei Thaler und ſtieg endlich auf drei. Ich beſtand auf vier, und da er erklärte, daß dies über ſeine Kräfte ginge, wurde die Schon hatte ich Allſtädt auf tauſend Schritt hinter mir, da ſtrömte unendlicher Regen herab, der lehmige Fußboden hing Klumpen an meine Stiefel,

alle Schrecken kamen über mich, und mit der Frage: wohin?

die Reue, ein Engagement ausgeſchlagen zu haben, das doch Etwas gegen gar Nichts bot. Plötzlich erſcholl hinter mir eine ferne Stimme:Haake! Haake! Director von der Oſten war's, der ſein unbedecktes Haupt den Strömungen des Himmels darbot, mich einzuholen. Auch bei ihm war

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Zeitung.

die Reue wach geworden.Ich gebe Ihnen vierthalb Thaler! ſchrie er aus der Ferne. Gott ſei Dank! dachte ich. Zwei Minuten ſpäter war der Vertrag durch Handſchlag unter einem ſchützenden Baume geſchloſſen und ich wanderte mit ihm zurück.

Bald waren Wohnung und Koſt gefunden, und ein munterer College, der das Talent hatte, über alle Miſére des Theaterlebens zu witzeln und zu lachen. Es war ein junger Schauſpieler, Namens Kunſt, den ich ſchon bei Iffland's Gaſt⸗ ſpiel im Parterre als entzückten Zuſchauer kennen gelernt hatte. Er ſpielte die Harfe und zog gelegentlich zu den be⸗ nachbarten Edelhöfen nach Nebenverdienſt umher. Daneben beſaß er einen talentvollen Hund, den er auf Spaziergängen auf den Haſenfang ausſchickte; wir verlebten in unſerm engen Stübchen manche heitere Stunde.

Ich ſpielte wöchentlich vier neue Rollen, die ich mir ſelbſt ausſchreiben mußte: Liebhaber, Väter, Intriguants und dumme Jungens. Unbequem war mir's, daß ich täglich, gleich jedem anderen Mitgliede, ein Dutzend Theaterzettel liefern mußte. Dennoch ſchrieb ich neben ſo überhäufter Arbeit noch an einem Luſtſpiel eigner Fabrik.

Bald wurde der Theaterbeſuch in Allſtädt ſchwächer; da wurde eines Morgens ein Leiterwagen bepackt, und die Geſellſchaft reiſte, Herren und Damen zu Fuße, nach Ra⸗ ſtenburg, einem Flecken, zwei Meilen von Weimar Hier wurde das Theater auf dem Rathhausſaale aufgeſchlagen; un⸗ glücklicher Weiſe war dieſer Saal der Länge nach in zwei Hälften durch einen dicken Balken getheilt, der von der Bühne in's Parterre ſeine Richtung nahm und bei der ohnedies nie⸗ drigen Decke den Uebelſtand bewirkte, daß nicht allein der Vorhang nicht ganz in die Höhe ging, ſondern auch die Schauſpieler genöthigt waren, wenn ſie von einer Seite zur andern gingen, jedesmal einen tiefen Bückling zu machen.

Huſſiten vor Naumburg. Das ganze Heer von Kindern aber, das den wilden Procop mit Rührung überwältigen ſollte, beſtand aus vier Knaben, welchen die Hemden aus den Beinkleidern gezogen waren, und ſo waren die Sterbehemden

fertig! 6.

Die Erdbeeren. Böhmiſche Volksſage.

Es war eine junge Frau, der ſtarb ihr Mann und bald darauf auch ihr Kind. Da war die Frau ſehr traurig und weinte immerfort. Und weil die Frau arm war und ſich mühſam von der Hände Arbeit nähren mußte, ſo ging ſie ein es Sonntagsmorgens in den grünen Wald, um Erdbeeren zu leſen. Dort war es aber gar wunderlieb, denn auch die Vöglein hielten Sonntagsandacht und ſangen ſchöner denn je. Kaum jedoch hatte die Frau einige Erdbeeren gepflückt, ſo

das war gar bleich und traurig. 2 erwachte ſie und mußte mit leerem Korbe nach Hauſe gehen. Am nächſten Sonntage ging ſie wieder in den Wald, doch

mals ein und erblickte ihr Kind und das war noch bläſſer und ttrauriger als vordem. Sie erwachte wieder erſt in der Abend⸗ dämmerung und eilte, beunruhigt von dem düſtern Traumbilde, unverrichteter Sache heim. Trotzdemging ſie am dritten Sonn⸗ tage nochmals in den grünen Wald nach Erdbeeren. Kaum

Auf dieſer Bühne ſpielte nun ich den Viertelsmeiſter in den

verſank ſie in tiefen Schlaf und ſah ihr geſtorbenes Kind und

Erſt in ſpäter Abendſtunde

ſobald ſie die erſten Erdbeeren gepflückt hatte, ſchlief ſie aber⸗

hatte ſie jedoch die erſte Erdbeere berührt, da ging ein wunder⸗

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