Jahrgang 
01-26 (1866)
Seite
328
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Sie ſchreiten ſtill und hätten ſich Doch noch ſo viel zu ſagen; Dort bei dem weißen Kirchlein muß Die Scheideſtunde ſchlagen!

Nun küßt die arme Mutter heiß Des Lieblings bleiche Wangen,

Sie ſieht ihn vielleicht nimmermehr Im ſchmerzlichſten Verlangen!

Sie drückt ſo traurig ihn an's Herz, Ertheilt ihm fromm den Segen,

Dem lieben Gott befiehlt ſie ihn Auf allen ſeinen Wegen.

Sie ſtreichelt ihm das blonde Haar, Bekreuzt die Stirn, die blaſſe;

Wohl fühlt ſie, daß ihr letzter Troſt Für immer ſie verlaſſe!

Der Sohn umarmt das Mütterlein Und möcht' vor Schmerz erblinden; Ach, ſolch ein vielgetreues Herz, Er wird's nicht wiederfinden!

Geſchieden iſt's, er zieht allein, Er zieht ſo trüb von dannen; Er ſieht ſo oft, ſo oft ſich um Was mag ihn denn hier bannen?

Ihm winkt ſo treu das Heimathsthal, Mit all den grünen Hainen;

Da flüſtert's wie ein Scheidegruß In Baum und Rohr und Steinen.

Dort auf der Grünflur hat er oft Manch ſchönen Strauß gebunden;

Dort unterm Laubdach grüßten ihn Der Freude gold'ne Stunden!

Euch ſegne ich zum letzten Mal, O theure Heimathshaine;

Ade, mein trautes Vaterhaus, Ich wand're fort und weine!

Ich grüße Alles ſchmerzerfüllt, Was da nur webt im Kreiſe,

Und irk' ich durch die weite Welt, Gedenk' es meiner leiſe!

Er blickt um ſich, er winket noch Den letzten Gruß beklommen; Schon geht er durch den dunklen Wald

Und wird nicht wieder kommen!

Novellen⸗Jeitung.

4

Literariſche Briefe von Otto Banckh.

Von 1815 1865. Blicke in das Culturleben der jüngſten Vergangenheit Deutſchlands. Von Jo⸗ hannes Fritz. Leipzig, bei Otto Wigand.

Sehr beſcheiden und eben ſchon deshalb beachtens⸗ werth in unſerer Zeit ſehen Sie dieſen von der Sach⸗ lage wohlunterrichteten Autor auftreten. Er tritt nicht mit dem Bewußtſein hervor, eigene Gedanken und Anſchauungen zu geben, ſondern ſtellt vielmehr in kritiſchem Raiſonnement die Eindrücke zuſammen, welche ihm die Lectüre von den bedeutenderen Werken und Zeitſchriften unſerer letzten fünfzig Jahre gemacht hat. Wenn wir keine Anſprüche machen an das, was der Autor ohnehin gar nicht geben will, an den Glanz geiſtreicher Raiſonnements, ſcharfer Antitheſen, pikanter Schlagwörter, tiefſinniger Gedankenreihen, ſo müſſen wir zugeſtehn, daß er mit geſunden Sinnen wahrgenommen und mit männlichem Freiheitsgefühl empfunden hat.

In dieſer Beziehung iſt ſein Buch, das mit Vortheil ärmer an Fremdwörtern und reicher an ein⸗ fachen Satzconſtructionen ſein könnte, recht wohl wei⸗ teren Leſerkreiſen zu empfehlen.

Sehen doch dieſelben darin vorübergeführt, was ſich als eine natürliche Wahrnehmung jedem Gebil⸗ deten mehr oder weniger ergeben ſollte, wenn der Laie die Zeit und die Stimmung gewinnen könnte, das culturgeſchichtliche Material in Literatur, Kunſt und Wiſſenſchaft in ſtetigem Zuſammenhange zu ge⸗ nießen und urtheilend zu überblicken.

Der Verfaſſer betrachtet in ſeinen nicht zu kurzen, aber doch keinesweges ermüdenden Streiflichtern: die

deutſche Nation in der Stellung zu ihren Fürſten;

die Philoſophie im Kampfe mit den kirchlichen An⸗ ſchauungen; die Kirche und den bibliſch⸗kritiſchen Proceß der Gegenwart; den vermittelnden Einfluß der Poeſie; die Macht der Naturwiſſenſchaften; die Be⸗ deutung des Journalismus; den Zwieſpalt im moder⸗ nen Leben; die nivellirende Thätigkeit der Bildungs⸗ vereine; die Schule als Gegnerin des Beſtehenden in Staat und Kirche, und endlich die ſocialen Be⸗ ſtrebungen.

Dieſe Ueberſicht wird vielleicht den Leſern abs⸗ tracter klingen, als ſie in Wahrheit iſt; es findet ſich kaum eine Frage darin berührt, die nicht entſchieden in das Leben jedes Gebildeten eingriffe, und wenn deren Beantwortung auch nicht durchweg neu iſt, ſo kann doch ein ſolcher Gegenſtand nicht oft genug ans Licht gezogen werden. Sehr Beachtenswerthes und zum Theil Neues ſagt dagegen der Autor über den

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