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Vierte Folge. 323
kein Wunder.— Mühſam folgte ſeiner Couſine der Bräutigam, wie die Leute meinten, und es war ihnen nicht zu verdenken, wenn ſie ihre Gloſſen über das Paar machten.
„Er ſieht recht blaß aus!“ ſagte die Einzige, welche nicht einſtimmte, zu der alten Frau, mit welcher ſie grade vorübergekommen war, als Kallenberg ausſtieg.
„Wie gefäͤllt Dir die Braut?“ fragte die alte Frau, indem Beide nach ihrem Hauſe gingen.
„Sie iſt ſeine Braut gar nicht,“ erwiderte das Mädchen kurz.
„Was? Und ſie wohnt bei ihm? Na, Chriſtel, das ſind ſchöne Geſchichten. Und da kommt er und will einem rechtſchaffenen Mädchen—“
„Ach Mutter! Sie iſt ja ſeine Schweſter— es ſoll's aber Niemand wiſſen,“ unterbrach Chriſtine die eifrige Rede.
Die Mutter ſtand ſtill und machte wieder große Augen.„Nun, wer hat's Dir denn geſagt?“ fragte ſie ungläubig.
„Ich hab's gehört aus ihrem eigenen Munde— aber wir wollen nicht weiter davon reden, Mutter.“
Das ließ ſich allerdings bei der Mutter nicht durchſetzen, denn die Neugier derſelben war zu ſtark angeregt, aber letztere blieb unbefriedigt, denn ſie erfuhr nicht einmal, wie die Dame dazu gekommen war, ihr Geheimniß einem Brunnenmädchen zu offenbaren. Chriſtine ließ ſich auf keine Erklärung ein, ſie war in ihrer Anſtellung und dem Umgange mit vornehmen Leuten offenbar der Mutter über den Kopf und aus ihren bisherigen Verhältniſſen herausgewachſen.
„Nun, wenn er alſo keine Braut hat und noch einmal anfragte, nähmſt Du ihn wirklich nicht?“ forſchte die Mutter endlich.
„Nein, Mutter!“ erwiderte das Mädchen mit einem ſo feſten Aufblick, daß an ihrer Aufrichtigkeit gar kein Zweifel mehr war.— Die Mutter ging ſeufzend an ihre Stickerei und auch die Tochter ſetzte ſich ſtill zu ihrer Arbeit.
Drüben in der Wohnung, welche ſich Angelica hatte einrichten laſſen, ſaß der Mann, von welchem in der Hütte geſprochen worden war, neben ſeiner Schweſter und beobachtete deren Geſichtszüge, während ſie Blatt für Blatt eine Sammlung von Briefen las, welche er ihr übergeben hatte. Auf dem Tiſche vor ihm ſtand ein Käſtchen von wohlriechendem Holz mit fremdartiger eingelegter Arbeit: es war die Schatulle, zu welcher er ihr ſchon früher, als er ſeine letzte Stunde nahe meinte, den Schlüſſel mit ſeinen ſämmtlichen andern gegeben hatte. Jetzt war es von ihm ſelbſt zu ihr getragen und vor ihren Augen geöffnet worden; er hatte ihr die Koſtbarkeiten, welche es enthielt,
darunter einigenvon ſehr bedeutendem Werth, gezeigt und dann Papiere aus dem doppelten Boden heraus⸗ genommen, aus denen er die Briefe gewählt, die ſie nun mit ſchmerzlichem Antheil las. Es waren die Briefe der Frau, welche in ihrer Liebe zu ihm, endlich enttäuſcht, ein ſo tragiſches Ende genommen hatte— „gerettet zwar, aber wahnſinnig!“ Seit dem ver⸗ hängnißvollen Telegramm hatte er in ſeiner Krankheit keinen Schritt weiter thun können, um etwas Näheres zu erfahren— wahrſcheinlich würde er auch bei voller Geſundheit nichts dazu gethan haben. Ihr Schickſal hatte ſich erfüllt; der Wahnſinnigen konnte er nichts mehr helfen, ihre kleinen Töchter waren bei Verwandten wohl verſorgt, er hatte ja auch gegen fremde Kinder nicht die mindeſte Verpflichtung. Mit ſolchen Gedanken beruhigte er ſich ſelbſt in dieſem Momente.
Angelica war tief erſchüttert, als ſie den letzten verzweiflungsvollen Brief geleſen hatte. Derſelbe war ge⸗
ſchrieben, als ihr die grauſame Erklärung gemacht wor⸗
den, daß der Verlobte ſich unfähig fühle, ſie glücklich zu machen, daß er ſich ſchwer an ihr verſündigt, indem er um ſie geworben, und es nun für ſeine Pflicht halte, noch zu rechter Zeit zurückzutreten, um ihr ein langes Elend zu ſparen. Was darauf die Unglückliche in unzurechnungsfähigem Zuſtand ihrer umnachteten Sinne gethan und was aus ihr geworden war, wußte Angelica— durch die Briefe, welche ſie geleſen, hatte ſie aber jetzt einen tiefen Blick in ein reiches Gemüth gethan, das vielleicht ihrem Bruder eine ſegensreiche Zukunft bereitet, ſeine Liebe dennoch gewonnen hätte:
„Ich ſehe, Du verurtheilſt mich!“ ſagte er.„Ich konnte nicht anders.“ Er nahm haſtig die Briefe vom Tiſche und barg ſie wieder in das geheime Fach, wo noch viele andere Papiere lagen. Als Angelica noch immer ſchwieg, ſah er ſie an:„Ich werde aber thun, was Du für meine Pflicht hältſt— ich werde reiſen, ſobald ich kann, und wenigſtens verſuchen, was Du für möglich hältſt, durch meine Erſcheinung der Armen geiſtige Ruhe wieder zu geben— aber in Ketten ſchlage ich mich nicht! Unterdeſſen, Angelica, Du Perle Deines Geſchlechts— kröne Dein Werk für mich, der es nicht verdient— Du weißt, um was ich Dich bitte!“.
„Das gieb auf!“ erwiderte ſie.„Aus voller Ueberzeugung kann ich Dir nur wiederholen: Du haſt nicht die fernſte Ausſicht, dies Ziel zu erreichen. Ich geſtehe Dir ein, daß ich über den Gedanken, der mir erſt ſo unnatürlich erſchien, eine andere Meinung gewonnen habe, ſeit ich— doch wozu das weiter erklären! Ich betheure Dir, Du mußt den Gedanken aufgeben.“
„Niemals!“ fuhr er auf.„Sie muß mein werden,


