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Vierte HFolge. 315
dem alten Oberſten Morgan, dieſe Worte in's Herz fuhren. Die meiſten der Officiere, die dort im Gericht bei ihm ſaßen, hatten den Revolutionskrieg mitgemacht und ihren Hals für das Land riskirt, welches Nolan eben verflucht hatte. Er hin⸗ gegen war auf einer Plantage erzogen, dort im Südweſten, wo das„ſpaniſche Complot“ und das„Orleans Complot“ die Hauptepochen in dem Leben der Bevölkerung bildeten, wo er höchſtens zuweilen einen franzöſiſchen oder ſpaniſchen Officier ſah, und wo der Name„die Vereinigten Staaten“ damals kaum noch zu einer Realität geworden war. Es iſt wahr, dieſe„Vereinigten Staaten“ hatten ihn genähyrt, ſeitdem er in die Armee getreten, ihnen hatte er Treue geſchworen, ihnen gehörte die Uniform, welche er trug, und das Schwertan ſeiner Seite, ja, nur der Umſtand, daß die„Vereinigten Staa⸗ ten“ ihn zu einem Vertrauens⸗ und Ehrenpoſten erhoben, war Urſache, daß Aaron Burr ſich mehr für ihn intereſſirt hatte, als für den Bootführer, der ihn den Miſſiſſippi herabgebracht. Ich will Nolan nicht in Schutz nehmen oder entſchuldigen; ich will nur zeigen, wie er dazu kam, ſein Vaterland zu ver⸗ fluchen, und den Wunſch zu äußern, daß er niemals wieder von ihm hören möge.
Und nur einmal in ſeinem Leben hörte er wieder von ihm. Von jenem Moment bis zum Tage, wo er ſtarb, traf der Name ſeines Vaterlandes nur einmal wieder ſein Ohr. Ueber ein halbes Jahrhundert war er ein Heimath⸗ loſer.
Der alte Morgan war tief erſchüttert. Er ließ die Mitglieder des Kriegsgerichts in ſein Privatzimmer treten, um ſich dort zu berathen. Als ſie zurückkamen, war Morgan's Geſicht weiß wie die Wand und er ſagte:
„Nolan, hören Sie das Urtheil des Kriegsgerichts. Es iſt dies, daß Sie, wenn der Präſident dazu ſeine Genehmi⸗ gung giebt, niemals wieder den Namen der Vereinigten Staaten hören ſollen.“
Nolan lachte laut auf, aber Niemand lachte mit ihm. Der alte Morgan ſprach zu feierlich, und während ſeine bebenden Lippen das Urtheil verkündeten, hätte man eine Nadel zu Boden fallen hören können. Als das Gelächter des Verurtheilten erſtorben, fuhr Morgan fort:
„Man führe den Gefangenen nach New⸗Orleans und übergebe ihn dem dort commandirenden Flottenofſicier.“
Nolan wurde fortgeführt. Als er den Saal verlaſſen, rief der Oberſt den wachehabenden Officier zurück.
„Es darf Niemand den Namen der Vereinigten Staaten in der Gegenwart des Gefangenen nennen,“ ſagte er.„Er iſt ſofort auf ein Kriegsſchiff zu bringen, und es darf nicht zu ihm geſprochen werden, bis ſchriftliche Befehle für die Behandlung dieſes Menſchen eintreffen.“
Ich glaube, daß Oberſt Morgan perſönlich nach Waſhington ging, um über das Urtheil Nolan's genauen Bericht zu geben. Genug, der Präſident billigte es und gab ſeine Unterſchrift. Bevor der„Nautilus“, auf den der Verurtheilte gebracht, von New⸗Orleans die nordatlantiſche Küſte erreicht, hatte Nolan kein Vaterland mehr.
Als ich dreißig Jahre ſpäter zweiter Lieutenant auf dem Intrepid war, ſah ich das Original der Inſtructionen des Marineminiſteriums, die auf Nolan Bezug hatten. Ich habe immer bedauert, daß ich nicht gleich eine Abſchrift nahm, doch lauten ſie folgendermaßen:
„Lieutenant Neale wird einen gewiſſen Philipp Nolan,
früher Officier in der Armee der Veretnigten Staaten, Ihrer
Obhut überliefern.
Derſelbe hat, während ein Kriegsgericht über ihn ab⸗
gehalten wurde, den mit einem Fluche über ſein Vaterland begleiteten Wunſch geäußert, daß er niemals wieder von den Vereinigten Staaten hören möge, und das Gericht hat es für gut befunden, dieſem Wunſche Genüge zu leiſten.
Dem Marineminiſterium iſt die Ausführung des dahin zielenden Befehls des Präſidenten geworden.
Sie werden daher den Gefangenen auf Ihr Schiff neh⸗ men und ihn dort mit allen Vorſichtsmaßregeln gegen einen Fluchtverſuch umgeben. Die einem Officier ſeines früheren Ranges zukommenden Rationen ſind ihm zu verabreichen, wie auch die nöthige Kleidung. Die Officiere Ihres Schiffes können, ſoweit es ein geſelliges Zuſammenkommen mit dem Gefangenen betrifft, ganz ihren Neigungen folgen, doch iſt es der Wunſch des Präſidenten, daß ihm keine entehrende Behandlung werde, und daß man ihn nicht unnöthiger Weiſe daran erinnere, daß er ein Gefangener iſt.
Aber unter keinen Umſtänden darf in ſeiner Gegenwart von den Vereinigten Staaten geſprochen oder ihm Auskunft irgend welcher Art über ſein früheres Vaterland ertheilt werden, und Sie werden die Schiffsofficiere nicht allein beauftragen, dieſe Regel unter keiner Bedingung zu über⸗ ſchreiten, ſondern ihnen auch ein durch Ehrenwort verbürgtes Verſprechen zu dieſem Zwecke abnehmen.
Die Regierung wird dafür ſorgen, daß Nolan ſein Heimathland niemals wiederſehe. Bevor Sie von Ihrer jetzigen Sendung zurückkehren, werden Ihnen Befehle zu⸗ kommen, welche dieſe Abſicht in Ausführung bringen werden.“
Wenn ich die übrigen dieſer Inſtruction angehefteten Papiere hätte durchſehen können, ſo würde ſich keine Lücke in meiner Geſchichte einſtellen. Ich kann aber jetzt nur die Vermuthung ausſprechen, daß der Capitän des„Nautilus“ denſelben Befehl des Marineminiſteriums ſeinem Nachfolger einhändigte, und die Inſtruction dem unglücklichen Nolan auf jedes Schiff folgte, auf das er verſetzt wurde. Der Führer des„Levant“ mag ſie wohl jetzt noch beſitzen.
Aber auch das Syſtem der Behandlungsweiſe des Ge⸗ fangenen verpflanzte ſich von Schiff zu Schiff. Keine der Tiſchgenoſſenſchaften, in welche das Officiercorps ſich theilte, mochte ihn als Gaſt bei ſich ſehen, denn in ſeiner Gegenwart durfte man nicht von der Heimath ſprechen, nicht von Politik oder Briefen, nicht von Frieden oder Krieg, Gegenſtände, die doch faſt allein den Stoff zur Unterhaltung auf hoher See abgeben. Aber ſie mochten ihn auch nicht ſo iſolirt, ſo verlaſſen daſtehen laſſen, und ſo kam man denn auf ein Syſtem überein. Montags ſpeiſte er in des Capitains Ca⸗ jüte und an den andern Tagen mit einer beſtimmten Tiſch⸗ genoſſenſchaft. Zuweilen luden ihn auch die Matroſen zu einer ihrer kleinen Feſtlichkeiten ein, und er ging dann in Begleitung eines Officiers dahin, nachdem es den Leuten noch vorher eingeſchärft war nicht von der Heimath zu ſprechen. Er war ſchüchtern und zurückhaltend gegen die Meiſten, doch hatte er ſpäter auch ſeine Lieblinge, und von dieſen war ich der von ihm am meiſten Bevorzugte.
Bald nachdem ich auf die Fregatte commandirt war, gingen einige der Unſerigen mit mehreren Officieren des Brandywine, den wir vor Alexandria angetroffen hatten, an's Land, um einen längeren Urlaub zum Beſuch der Pyra⸗ miden zu benutzen. Das Geſpräch kam auf Nolan, der weil es ihm niemals erlaubt war, das Land zu betreten, auch jetzt zurückgeblieben war, und dem man dafür das innigſte Be⸗ dauern ſchenkte. Man ſprach von dem ſtarren, unbeugſamen Syſtem, das ſeiner Behandlung zu Grunde lag, erzählte von den Büchern, die man ihm leihen durfte, wenn ſie nur nicht


