314 Novellen⸗Jeitung.
V
Obgleich Mrs. Siddons, in Folge ihrer Anſtreng⸗ ungen, an einem ſchlimmen Kopfübel litt, das nichts zu heilen noch dauernd zu lindern vermochte, erreichte ſie doch ein hohes Alter und bewahrte bis an ihr Lebensende die volle Klarheit ihres Geiſtes und den
Gebrauch ihrer Fähigkeiten. Noch vierzehn Tage vor ihrem Tode, der im Jahre 1831 erfolgte, las ſie, vor einem Kreiſe von dreißig Perſonen, Shakeſpeare's Heinrich V. mit gewohnter Meiſterſchaft und Lebendig⸗ keit.“ 5
Feuilleton.
———
Eine geheimnißvolle Kriegsgefangenſchaft.
Ein ungenannter amerikaniſcher Journaliſt ſchrieb im Atlantic Monthly, wie Lexow berichtet, eine ſehr merkwürdige Enthüllung nieder.
Es erſchien nämlich im vorigen Spätſommer in Amerika die nachfolgende Notiz als lakoniſche officielle Todesanzeige:
„Geſtorben: An Bord der Vereinigten⸗Staaten⸗Corvette „Levant“, ain 11. Mai, Philipp Nolan.“
Selbſt nur wenige Amerikaner, ſo ſagt der Erzähler, mögen dieſe Ankündigung geleſen und zugleich die Ereigniſſe
gekannt haben, welche den Namen des räthſelhaften Ver⸗
ſtorbenen mit der früheren Geſchichte unſeres Vaterlandes verbinden. Aber die Aufmerkſamkeit Tauſender wäre durch dieſe Anzeige angeregt worden, wenn der Führer der„Levant“, ſtatt ſich jener Worte zu bedienen, geſchrieben hätte: Geſtorben am Bord der Ver.⸗Staaten⸗Corvette„Levant“, am 11. Mai, der Mann, der kein Vaterland beſaß. Denn ſo war Philipp Nolan denjenigen bekannt, unter deren Obhut er ſich abwechſelnd geſtellt fand, und es gab unter ihnen Männer, die, obgleich ſie an demſelben Tiſche mit ihm ſpeiſten und aus derſelben Flaſche mit ihm tranken, nicht wußten, daß er Nolan heiße, oder daß er überhaupt einen Namen beſitze.
Seitdem er geſtorben, braucht das Geheimniß nicht länger bewahrt zu werden, das ſich an ſeine Geſchichte knüpfte. Bisher wurde den Officieren, die nach einander zu Wächtern des Unglücklichen gemacht waren, das Ehrenwort abgenommen, daß ſie nichts über ihn ſagen, nichts über ihn berichten wollten. Was über ihn nach Waſhington rapportirt wurde, theilte das Loos der übrigen Archive, als Roß die öffentlichen Gebäu⸗ lichkeiten der Bundeshauptſtadt verbrannte. Einer der tüch⸗ tigſten Seeleute jener Zeit— es mag Tucker oder Watſon geweſen ſein— war damals Nolan's Hüter; aber als er nach Waſhington zurückkehrte und dem Marineminiſter ſeinen Be⸗ richt erſtattete, fand er, daß man dort Nolan's Angelegenheit gänzlich ignorire. Ob man wirklich nichts von ihr wußte, oder nichts von ihr wiſſen wollte, das iſt mir unbekannt. So viel iſt aber gewiß, daß ſeit 1817, und vielleicht ſchon ſeit einigen Jahren vorher, kein Flottenofficier den Namen Nolan's in ſeinem Rapporte nannte.
So will ich denn erzählen von dem Manne, der kein Vaterland beſaß.
Ein recht friſcher und verſprechender Burſch war Philipp Nolan, als er ſich der„Weſtlichen Legion“ anſchloß, wie damals die weſtliche Diviſion unſerer Armee genannt wurde. Als Aaron Burr zum erſten Male den Süden beſuchte— es mag 1804 oder 1805 geweſen ſein— wollte der Zufall es ſo fügen, daß er Nolan's Bekanntſchaft machte, und an dem ſchmucken, intelligenten Officier Gefallen fand. Er näherte ſich ihm, ging viel mit ihm um, nahm ihn mit ſich aus und
gewann dadurch ſein Herz. Das Kaſernenleben war für Nolan fortan unerträglich. Häufig ſchrieb er an Burr, denn das war ihm von dem großen Herrn gnädigſt geſtattet worden. Lange, ſchwülſtige Briefe ſchrieb er, corrigirte ſie ſorgfältig und übertrug ſie dann in's Reine, um auf Burr nur den beſten Eindruck zu machen. Aber niemals erhielt er eine Antwort von ſeinem Protector. Die anderen Officiere neckten ihn, weil er ſeine Zeit ſolchen Kundgebungen unerwiderter An⸗ hänglichkeit für einen von ihnen eben nicht ſehr geachteten Politiker opferte, während ſie dieſe Mußeſtunden durch Karten⸗ und Würfelſpiel ausfüllten; aber eines Tages feierte Nolan
doch den lang' erhofften Sieg. Noch einmal erſchien Burr
unter ihnen, doch diesmal nicht als Politiker oder harmloſer Reiſender, ſondern als der Löwe des Tages. Nachdem er alle möglichen Anfechtungen überſtanden, war er jetzt da— hinter ihm ein großes Herr, wie die Fama ſagte, vor ihm ein Kaiſer⸗ reich. Wohl war dies ein großer, ein bedeutungsvoller Tag für Philipp Nolan. Burr war kaum angekommen, als er ihn ſchon holen ließ. Abends ſpeiſte Nolan bei ihm und ſpäter gingen die Beiden im hellen Mondenſchein ſpazieren. Als ſie zurückkamen, war Philipp Nolan ein verlorner Mann, gehörte mit Leib und Seele dem argen Verführer, war damals ſchon, obgleich er es nicht wußte, heimathlos.
Was Burr eigentlich im Schilde führte, weiß ich ſo wenig wie du, lieber Leſer. Aber als die große Kataſtrophe endlich erfolgte, als Präſident Jefferſon mit geharniſchter Hand darein fuhr und jenen großen Hochverrathsproceß zu Richmond abhalten ließ, da folgte man auch dort unten am Miſſiſſippi dieſem Beiſpiel durch eine Reihenfolge von Kriegs⸗ gerichten über die minder prominenten Perſönlichkeiten, welche an Burr's Programm mitgearbeitet. Ein Oberſt wurde nach dem andern proceſſirt, und um die Zahl voll zu machen, zog man auch Philipp Nolan zur Verantwortung. Gott weiß, es war Zeugniß genug gegen ihn vorhanden. Daß er des Dienſtes ſatt, daß er ihn gern verlaſſen, daß er, der Himmel weiß wohin, marſchirt wäre, um ſich in Stücke hauen zu laſſen, wenn es nur geheißen hätte: Auf Befehl Seiner Excellenz Aaron Burr's, Alles dies war klar wie das Tages⸗ licht. Die hervorragenderen Anrüchigen wurden freigeſprochen, die unbedeutenderen verurtheilt; ſo auch Nolan. Doch man würde wohl niemals wieder von ihm gehört haben, wenn er nicht, als das Kriegsgericht die übliche Frage an ihn ſtellte, ob er durch ſein früheres Verhalten im Dienſt der Vereinigten Staaten ein milderes Urtheil zu beanſpruchen gedenke, in einem Anfall von Verzweiflung über das ihm Widerfahrene ausgerufen hätte:„Zum Teufel mit Euren Vereinigten Staaten! Ich wollte, ich hätte nie von ihnen gehört, ſähe ſie niemals wieder.“
Er wußte nicht, wie dem Vorſitzenden des Gerichts,
and rire uc feins 4as öſanſte 1 0 ind ri druxtpeheri er höchſte 3 po Offieier ſah, dg za
von Und nur enn
im. Von jenem duf der Name ſei Ohr. Ueber ein lii Der alte M Mitglieder des K um ſich dort zu ber Geſicht weiß nien „Nolan, hür iſt dies, daß Sie, gong gebt, wer Staaten hören ſo Nolan lach Der alte Morge bebenden Lippen Nadel zu Boden des Verurtheilten „Man füh übergebe ihn den Nolan wur rief der Oberſtd „Es darf) in der Gegenwa iſt ſofort auf ei zu ihm geſproch Behandlung dien Ich glaut Waſtington gin Baiiht zu geben, ſeine Unteiſhrif Verurthält gebr Küſte zraätt,h „Ait ds Intrepid war, Marineminiſte habe immer ba doch lauten ſie „Lieuten früher Officier bhut überlie Derſelbe


