Jahrgang 
01-26 (1866)
Seite
313
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dt von Leuten ter ihr ſtanden. reundinnen von⸗ erhörter Weiſe, und wollte nel iſt nicht von jeder Ver⸗ zur Wahkheit eit des Geiſtes ſie var metho⸗ umer bereit gohlthätigkeit,

ungen Talente Fällen wurde n, ſch in eine derwdigkeiten, rürde ſie kaum ſch der Bühne bei uns keine . Mutter zu ibret Ueber⸗ ihr verglichen

Vierte

zu werden, in uns hätte aufkommen können. Außerdem wurden wir von jedem Verkehr mit dem Theater ſo fern wie möglich gehalten. Bis zum Jahre 1809 hatte ich ſogar meine Mutter nur ſehr ſelten auf der Bühne zeſehen; als ſie aber um dieſe Zeit von einem Freunde aufmerkſam gemacht wurde, daß es unrecht wäre mir Anregungen und Erinnerungen vorzuenthalten, welche mir einſt theuer ſein würden, erlaubte ſie mir endlich, jeder ihrer Vorſtellungen beizuwohnen. Ich bin dem Freunde für dieſe mir durch ihn gewordene Vergünſtigung nicht dankbar genug geweſen; die im Theater verbrachten Stunden gehörten zu den ange⸗ nehmſten meiner Jugend; die Erinnerung daran hat mich oft getröſtet und mir einen ſo lebhaften Ein⸗ druck hinterlaſſen, daß ich noch heute, nach ſo vielen Jahren, mir jede Scene, jede Gebehrde, ich moͤchte ſagen jedes Wort genau in's Gedächtniß rufen kann und bald zu Thränen, bald zum Lachen dadurch ge⸗ rührt werde, gleich als ob ich vor der offenen Scene ſäße.

Nachdem ſich Mrs. Siddons vom Theater zu⸗ rückgezogen hatte, lebte ſie faſt immer in London, umgeben von ihrer Familie und einem Kreiſe ver⸗ trauter Freunde, wozu die hervorragendſten Größen der Literatur und Kunſt gehörten. Dieſer Kreis ſollte ſich leider bald vermindern; ſie hatte den Kummer, viele Perſonen hinſterben zu ſehen, die ihr theuer

d adetl Zethan waren; zunächſt einen Sohn

eine ihr durch ſeltene

Scrl,n,. augewöhnliche Begabung glich..

Obwohl vor Allem gefeiert als Tragödin, war Mrs. Siddons doch auch im Luſtſpiele bezaubernd. Es leben noch Perſonen, die ſich ihrer abendlichen Vorleſungen erinnern und des ſprudelnden Uebermuthes, der hinreißenden Munterkeit, welche ſie in den Rollen einer Roſalinde, Mrs. Quickly, Beatrice u. ſ. w. offenbarte. Ihre glänzendſten Rollen waren indeß die Königin Katharine, Iſabella und obenan Lady Macbeth.

Meine Mutter hat mir öfters erzählt, daß ſie beim Studiren dieſer letzten Rolle(eine Beſchäftigung, zu welcher ſie, in Folge der wachſenden Vermehrung ihrer Familie, einen Theil der Nacht in Anſpruch nehmen mußte) in der Mordſcene, in der Stille der Nacht, ein ſolches Grauen empfand, und von den Schrecken, welche der Dichter ſchildert, ſo gepackt und durchſchauert wurde, daß ſie zuletzt, von Entſetzen überwältigt, auf die Treppe ſtürzte, in wilder Flucht ihr Schlafzimmer wieder erreichte, ſich ins Bett warf und zitternd vor Furcht, ohne zu wagen ein Glied zu rühren, unter der Decke liegen blieb, bis der

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Tag die Finſterniß und ihre Schreckgebilde ver⸗ ſcheuchte.

Weit entfernt, blos mit dem Verſtande zu arbeiten, wie Manche von ihr geglaubt haben, war ihr Gefühl und Herz immer tief miterregt, wenn ſie das Publicum erſchütterte, und das Geſicht von wirklichen Thränen gebadet, verließ ſie die Bühne, wenn ſie Conſtance oder Lady Randolph geſpielt hatte.

Einen völlig verſchiedenen, naivern und rührenden Eindruck brachte ſie eines Abends in dem Trauerſpiel Jane Shore hervor, in dem Augenblick, da dieſe unglückliche Frau, gequält von Hunger, mit herz⸗ zerreißender Stimme rief: eſeit drei Tagen hab' ich kein Brod über die Lippen gebracht. Eine Kinder⸗ ſtimme brachte unter Schluchzen die Worte hervor: Ach, arme Frau, bitte, nehmen Sie meine Orange. Das Publicum und die Schauſpielerin ſahen darauf in einer der Bühne ganz nahen Loge ein allerliebſtes Kind, welches mit zitternden Händen die ſchöne Frucht der hungernden Jane Shore darbot.

Dieſer Macht, dieſer Kunſt der aus höchſter Wahr⸗ heit entſpringenden Täuſchung konnte Niemand wider⸗ ſtehen. Joanna Balllie ſchrieb als ſie den Hamlet von meiner Mutter hatte vorleſen hören an eine Freundin:Sie erſchien vor uns wie ein höheres Ausnahmsweſen, über welches die Jahre keine Macht haben, denn die Zeit hat ihre Hand ſo ſanft auf ſie gelegt, als ob ſie ſelbſt vor ihr Ehrfurcht fühlte.

Dieſer poetiſche Ausdruck iſt nur gerecht, trotz des Enthuſiasmus, den er offenbart. Gleich bei ihrem erſten Auftreten machte ſie Furore; ſelbſt die Mode mit ihren wechſelnden Launen und flüchtigen Er⸗ ſcheinungen hing ſich an ihren Triumphwagen: es gab immer Hüte, Kleider, Mäntel à la Siddons. Ein Kreis von Damen aus der ſogenannten großen Welt, die Blumen der engliſchen Ariſtokratie, trugen Ketten mit einem S von Gold. Als der ſchlagendſte Beweis des holden Zaubers, den ſie über die Geiſter ausübte, möge die Thatſache hervorgehoben werden, daß ihr Name die engliſche Sprache durch ein neues Wort bereichert hat: Siddoniſch(Siddonian), welches ſeit⸗ dem in England als der Inbegriff makelloſer, an⸗ muthiger, claſſiſcher weiblicher Schönheit gilt.

Nach der treffenden Bemerkung der Mrs. Jameſon bewährte meine Mutter durch ihr Leben dieſe große Wahrheit: daß eine wirklich begabte Frau ibre Gaben bis zum Höchſten ausvilden, ſich einer öffentlichen Laufbahn widmen und dabei durch ſtrengſitelichen Wandel und treue Pflichterfüllung die Würde und Reinheit ihres Geſchlechts völlig makellos erhalten und ſo neben ihrem Ruhme als Künſtlerin auch die Achtung einflößen kann, welche ihr als Frau gebührt.