306 Novellen
benachbarten Dorfe vorbei mußte, den Fremden aus dem Gebüſch treten ſah, aber ſie ſetzte ihren Weg mit demſelben ruhigen Schritte fort, ſie hatte ja Niemand zu ſcheuen. Er ſtand und ſah ihr mit glühenden Blicken entgegen, ſie bemerkte das nicht, denn ſie ging mit geſenkten Augen, die ſie nicht zu ihm erhob. Als ſie näher gekommen war, bot er ihr guten Abend und ſie dankte ihm. Er fragte ſie, wohin ſie gehe, und als ſie ihm den Namen des Dorfes genannt, ſchloß er ſich ohne Weiteres ihr an. Ein raſcher, verwunderter Seitenblick, ein unwilliges Zucken ihrer Lippen hätten ihn belehren können, wie ſie dieſe vor⸗ nehme Dreiſtigkeit, die mit einem armen Landmädchen nicht viel Umſtände macht, aufnahm, doch ſagte ſie kein Wort. Sie konnte ihm ja nicht verwehren, unter Gottes freiem Himmel deſſelben Weges zu gehen. Auch er ſchwieg noch, es ſchien, als werde es ihm ſchwerer, gegen dies einfache Kind des Volkes die rechten Worte zu finden, als es ihm ſonſt gegen Frauen von Welt geworden war.
„Darf ich einmal mit Ihnen ſprechen, Chriſtine, wie es mir um das Herz iſt?“ begann er endlich und ſie mußte ſeinem Tone wohl anhören, welche Be⸗ wegung ihn ergriffen hatte. Aber ſie achtete nicht darauf.
„Mit mir, gnädiger Herr?“ entgegnete ſie.„Ich wüßte nicht, was Sie mit mir zu ſprechen hätten.“
„Nennen Sie mich nicht gnädiger Herr, das kommt mir nicht zu. Ich ſtehe an Geburt nicht über Ihnen.“
Sie glaubte ihm das nicht, denn wie ein Bau— ersſohn ſah der Herr nimmer aus, aber ſie ſchwieg zu ſeiner Behauptung.
„Ich kann mir denken, Chriſtine,“ fuhr er fort, „daß Sie unter den Verhältniſſen, in denen Sie hier leben, ſchon viele Huldigungen erfahren haben, leicht⸗ fertiger Art, vielleicht auch ernſter gemeinte, und daß Sie, nach Ihrem ganzen Weſen zu urtheilen, darauf keinen Werth legen, ja, wie ich von Weitem Gelegen— heit gehabt zu bemerken, eher einen Widerwillen gegen läſtige Aufmerkſamkeit haben...“
„Ja!“ ſagte ſie ziemlich derb und ihre Aufrich⸗ tigkeit machte ihn einen Moment verlegen.
„Habe ich Sie jemals beläſtigt?“ fragte er.
„Euer Gnaden ſollten allein gehen oder mich voraus laſſen,“ ſagte ſie ſtatt der Antwort, indem ſie ſtehen blieb.
„Nein, Chriſtine!“ erwiderte er leidenſchaftlich. „Mein guter Stern hat mich heut beglückt und ich wäre wahnſinnig, wenn ich Sie jetzt verließe, ohne mit Ihnen aus vollem Herzen geſprochen zu haben. Werfen Sie mich nicht in die große Claſſe alter und
„Zeitung.
junger Gecken, welche Sie mit Schmeicheleien und al⸗ bernen Redensarten am Brunnen beleidigten, ich meine es aufrichtig und ehrlich— nicht für heut und mor⸗ gen, ſondern für immer.“
Das Mädchen, ſo viel Seelenruhe ſie beſaß, ver⸗ lor vor dieſer nie gehörten Sprache der Leidenſchaft doch die Faſſung, ihr Antlitz erglühte, ihr Auge ſuchte wie nach einem Auswege zur Flucht, umher.
„Lernen Sie mich kennen, Chriſtine!“ bat er. „Ihretwegen bin ich hier geblieben, bin in jenen Gaſthof gezogen, als ich erfuhr, wo Sie wohnen. Wenn Sie es wünſchen, bleibe ich den ganzen Winter hier, damit Sie mich kennen lernen!“
„Wozu denn?“ entgegnete ſie jetzt mit ihrer wiedergewonnenen Entſchloſſenheit.„Sie haben mit mir ja doch nichts zu ſchaffen— und ich will mit Ihnen nichts zu ſchaffen haben!“
„Sie kennen mich nicht! Ich habe aufrichtige, redliche Abſichten! Wenn Sie mich näher kennen lernen—“
„Kennen Sie mich denn?“ rief das Mädchen, indem ihr Auge ſich höher färbte.„Wie Sie aus⸗ ſehen, weiß ich— mehr wiſſen Sie auch nicht von mir, und damit kann Jedes ſich beruhigen. Gute Nacht, gnädiger Herr.“
„Das kann Ihr letztes Wort nicht ſein! Ich werde mit Ihrer Mutter ſprechen! Was Sie mir ſagen, kann für heut vielleicht Ihr Ernſt ſein—“
„Für heut und morgen nicht blos, ſondern für
immer!“ unterbrach ſie ihn mit ſeinen eigenen Wor⸗ ten und kehrte ſich ſo entſchieden von ihm ab, daß er es nicht über ſich gewann, ihr zu folgen. „Du mußt doch ſehr alt und häßlich geworden ſein,“ ſprach er beim Hinabſteigen zu ſich ſelbſt.„Es gab eine Zeit und ſie liegt nicht ſo weit hinter mir, wo ſich ein Frauenherz ungeſucht mit heißer Liebe mir zuwandte, und es war doch auch ein reines, un⸗ ſchuldiges Herz, wie das dieſes Mädchens— das iſt aber vorüber und ich mag mich in dieſer Stunde, wo ich meinen ewigen Frieden mit der Welt machen wollte, nicht daran erinnern. Ich habe mir nichts vorzuwerfen, Alles war klar geordnet— meine Schuld iſt es nicht, wenn es wieder verdunkelt worden iſt.“ Er hatte den Fuß des Berges erreicht und ſchlug, ſeine Wohnung zur Seite laſſend, den Weg in das Dorf und nach dem kleinen Hauſe ein, in welchem das Mädchen, das ihm eine ſo phantaſtiſche Leiden⸗ ſchaft eingeflößt hatte, mit ihrer Mutter wohnte. Noch nie hatte er die Schwelle dieſer niedrigen Hütte über⸗ ſchritten, und ob ihn die alte Frau, welche trotz der in der Stube ſchon herrſchenden Dämmerung bei ihrer feinen Stickerei ſaß, alsn den Mann erkannte,
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