Jahrgang 
01-26 (1866)
Seite
305
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8 a. Unter

an in keipzig

Vierte Folge.

ag.

2 Leipzig, am

IV. Jahrgang.

Abonnementspreis jährl. 5 ½ Thlr.

18. Mai 1866.

Eine deutſche Perle.

Novelle von Bernd von Guſeck. (Fortſetzung.)

Als der Abend ſank, ſaß er einſam auf einem der Höhenpunkte, von welchem man Abſchnitte des reizenden Elſterthals mit dem langeſtreckten Curort überſchauen kann. Um ihn her war Alles ſtill, auch unten ſchien Alles wie ausgeſtorben. Nach der Muſik hatte ſich die Geſellſchaft, welche ſich dazu wieder unter den Baumreihen am Brunnenplatze verſammelt hatte, zu größern oder kleinern Promenaden zerſtreut; Viele waren auch ſchon früher auf weitere Partien in die Nachbarſchaft ausgezogen. Nur am Ende des Orts, wo die Chauſſee nach Böhmen zum Zollhauſe aufſteigt und unten das Dorf mit ſeinen erſten Häu ſern anfängt, in dem hochgelegenen Gartenlocal,

ſchienen luſtige Menſchen den Abend zu genießen, denn von Zeit zu Zeit ſchallte der Ausbruch der Fröh⸗ lichkeit zu dem einſamen Mann herüber und ſtörte ihn in ſeinen Gedanken, welche eben beſchäftigt waren, trotz der verachteten Mathematik, eine Wahrſcheinlich⸗ keitsrechnung für ſeine Zukunft zu formuliren. Tritte nahten ſich ihm jetzt, er konnte vor dem Tannenge⸗ büſch, das ſeinen Sitz umgab, noch nicht ſehen, wer den ſtillen Fußpfad erſtieg, und wollte die Begegnung nicht abwaxten. Als er aber vortretend einen Blick auf den Pfad hinwarf, blieb er doch wie gebannt ſtehen. Es war eine Begegnung, die er ſchon lange vergeblich geſucht hatte und die ihm ein glücklicher Zufall endlich verſchaffte. Ein Mädchen mit einem Korbe ſtieg auf dem Fußwege empor; er hatte ſie gleich erkannt, obgleich ſie, nachdem ihre Zeit am Brunnen vorüber war, ihre hübſche Dienſtkleidung mit der gewohnten ländlichen Tracht vertauſcht hatte. Auch ſie war überraſcht wir wiſſen nicht, ob in angenehmer oder unangenehmer Weiſe als ſie hun dert Schritt höher, wo ſie auf ihrem Gange nach dem