r Oberſt am
er neuen Welt ch preußiſcher den Seinigen ene General auf's Haar m die geträum⸗
verleiden. 9 6 Liebe ale und Liebe
2 Mirabeau
Vierte
mußte, bildet den Vorwurf dieſes Stückes, deſſen zweiter Act ſpeciell auf die Unglücklichen zurückkommt, welche von ihren Fürſten nach Amerika verkauft waren. Es geſchieht dies an der Stelle, wo die gutherzige Lady Milford— es iſt charak⸗ teriſtiſch für die Zeit, daß eine fremde Favoritin die edelſte Perſon an einem deutſchen Hofe iſt— voll Verachtung und Entſetzen die Diamanten zurückweiſt, als ſie erfährt, daß ſie mit dem für die verkauften Soldaten gewonnenen Gelde be⸗ ſchafft ſind.„Geſtern“— ſagt der Kammerdiener—„ſind 7000 Landeskinder nach Amerika fort— die zahlen Alles; ich habe auch ein paar Söhne darunter.“„Doch keine ge⸗ zwungenen?“ fragt die Lady.„O Gott, nein,“ fährt der Kam⸗ merdiener fort,„lauter Freiwillige! Es traten wohl etliche vorlaute Burſchen vor die Front und fragten den Oberſten, wie theuer der Fürſt das Joch Menſchen verkaufe? Aber unſer gnädigſter Landesherr ließ alle Regimenter auf dem Paradeplatz aufmarſchiren und die Maulaffen niederſchießen. Wir hörten die Büchſen knallen, ſahen ihr Gehirn auf's Pflaſter ſpritzen, und die ganze Armee ſchrie: Juchhe nach Amerika! Die Herrlichkeit hättet Ihr nicht verſäumen ſollen, wie uns die gellenden Trommeln verkündigten, es iſt Zeit, und heulende Waiſen dort einen lebendigen Vater verfolgten, und hier eine wüthende Mutter lief, ihr ſäugendes Kind am Bajonnete zu ſpießen, und wie man Braut und Bräutigam mit Säbelhieben auseinander riß, und wie Graubärte ver⸗ zweiflungsvoll daſtanden und den Burſchen noch zuletzt die Krücken nachwarfen in die neue Welt! O! und mitunter das polternde Wirbelſchlagen, damit der Allwiſſende uns nicht ſollte beten hören!—— Noch am Stadtthore drehten ſie ſich um und ſchrieen: Gott mit Euch, Weib und Kinder! Es lebe unſer Landesvater, am jüngſten Gerichte ſind wir wie⸗ der da!“
Als Modell des hier gezeichneten Landesvaters hat dem Dichter offenbar der Markgraf von Anſpach gedient, während
Milford deſſen damalige Maitreſſe und ſpätere Frau, Lady Craven, geſchildert wird. Es waren bekanntlich die Anſpachiſchen Truppen, die ſich beim Ausmarſch empörten.
Wenn Schiller auch die Stimmungen und Gefühle eines großen Theils der gebildeten deutſchen Jugend aus⸗ ſpricht, ſo verhielt ſich Deutſchland im Ganzen doch gleich⸗ gültig gegen dieſe erzwungene Betheiligung ſeiner Söhne am amerikaniſchen Kriege. Eine eigentliche politiſche Ueberzeu⸗ gung und ſelbſtſtändige politiſche Intereſſen, folglich politiſche Parteien, gab es vor 1789 in Deutſchland nicht. Politiſche Fragen im heutigen Sinne des Wortes kannten damals ſelbſt die bedeutendſten Geiſter der Nation kaum. Es iſt eine in dieſer Beziehung höchſt charakteriſtiſche Erſcheinung, daß unſer größter deutſcher Dichter, der im erſten Jahre des ame⸗ rikaniſchen Krieges ſeinen Triumpheinzug in Weimar hielt und gerade während deſſelben ſeinen Ruhm in Deutſchland feſt begründete, daß Goethe ſo wenig von den Ereigniſſen jenſeits des Oceans berührt wurde, daß er ſie nicht einmal vorübergehend erwähnt. Die tonangebenden Claſſen in Deutſchland betrachteten dieſen Soldatenhandel einfach als ein fürſtliches Hoheitsrecht und fanden es nicht einmal der Mühe werth, ein Wort darüber zu verlieren. Das Volk ſelbſt aber war ſo gedrückt, arm, unwiſſend und an blinden Gehorſam gewöhnt, daß es die Willkür ſeiner Herrſcher als eine Fügung des Schickſals geduldig hinnahm.
Den ſchlagendſten Beweis für dieſe beklagenswerthe Erſcheinung lieferte der Mann, der perſönlich mehr als ein Anderer unter dieſer Seelenverkäuferei gelitten, der bekannte deutſche Dichter Johann Gottfried Seume. Derſelbe war
Folge. 301
als Student der Theologie zwiſchen dem kirchlichen Dogma und ſeinem Gewiſſen in Widerſpruch gerathen und verließ, 19 Jahre alt, Leipzig, um in Paris Mathematik zu ſtudiren. Auf dem Wege dahin wurde er von landgräflich heſſiſchen Werbern aufgefangen und ohne Weiteres den nach Amerika verkauften Rekruten einverleibt. Seume's Erzählung ſeiner Preſſung und erzwungenen Reiſe nach Amerika iſt einer der werthvollſten und intereſſanteſten Beiträge zur Geſchichte des fürſtlichen Menſchenhandels. Zeigt ſie auf der einen Seite, wie kein junger gut gewachſener Reiſender, mochte er nun Student oder Handwerker, Künſtler oder Kaufmann ſein, ſeiner Freiheit ſicher war und befürchten mußte, in die Hände der Menſchendiebe zu fallen, ſo beweiſt auf der andern Seite die Ruhe und faſt objective Gleichgültigkeit, mit welcher Seume von dieſem frechen gewaltſamen Eingriff in ſein Leben ſpricht, wie wenig Werth das Individuum ſeinem Ich beilegte, wie wenig ſelbſt von den gebildeteren Geiſtern der Zeit eine ſolche cannibaliſche Rohheit empfunden wurde. Man glaubt ſich faſt nach dem Königreich Dahomey verſetzt, wenn man dieſe Diebsſtückchen des heſſiſchen Landgrafen lieſt. Man vergegenwärtige ſich nur die Thatſachen! Ein ſächſiſcher Student, der den heſſiſchen Landesvater kaum dem Namen nach kennt und ihm jedenfalls nichts zu Leide gethan hat, wandert arglos auf der Landſtraße nach Fulda. Dort wird er überfallen, überwältigt und als Arreſtant des Landgrafen nach deſſen Feſtung Ziegenhayn gebracht. Warum? Weil er die erforderliche Größe für einen Soldaten hat, weil alſo Geld aus ihm herauszuſchlagen iſt, und weil er die Frechheit beſitzt, ſich ſeiner Haut zu wehren, ſeine perſönliche Freiheit, das Einzige, was er auf der Welt ſein nennt, zu vertheidigen. Ein ähnliches Schickſal mit Seume theilten hundert andere Unglückliche. Als ſie den an ihnen begangenen Gewaltact durch ihre Selbſtbefreiung wieder ſühnen wollten, erlagen ſie und wurden beim Gaſſenlaufen halb todt geprügelt—„es war eine grelle Fleiſcherei,“ bemerkt Seume— zum Galgen verurtheilt oder aus Gnade von demſelben Landgrafen, der ſie ſchamlos geſtohlen hatte, in Caſſel in die Eiſen geſchmiedet. Wer nicht an den Mißhandlungen zu Grunde ging, ward dann wie ein Häring in's Schiff eingepökelt und in dieſer Lage zu keinem andern Zweck, als um den Beutel des heſſi⸗ ſchen Menſchendiebes zu füllen, bis an's und über's Meer geſchafft.
Die ſchrecklichen Einzelnheiten möge der Leſer ſelbſt in Seume's Autobiographie nachleſen, und dann ſeine Schlüſſe aus der Erzählung ziehen. Die Theilnahmloſigkeit, die reſignirte Ruhe, mit welcher Seume von ſich ſpricht und mit welcher er ſein furchtbares Loos als eine humoriſtiſche Schick⸗ ſalstücke auffaßt, zeigt uns die empörende Wirkung dieſer kleinſtaatlichen Willkür und Gewaltthätigkeit auf die Anſchau⸗ ung des durch ſie verwilderten deutſchen Volkes.„Ich ergab mich,“ ſagt Seume,„in mein Schickſal und ſuchte das Beſte daraus zu machen, ſo ſchlecht es auch war. Mir zerriß man meine akademiſche Inſcription, als das einzige Inſtrument meiner Legitimirung. Am Ende ärgerte ich mich weiter nicht; leben muß man überall; wo ſo Viele durchkommen, wirſt Du auch. Ueber den Ocean zu ſchwimmen, war für einen jungen Kerl einladend genug, und zu ſehen gab es jenſeits noch etwas. So dachte ich.“
Es iſt eine in dieſer Verbindung noch zu erwähnende intereſſante, wenn auch wenig bekannte Thatſache, daß der Reichthum und die Weltſtellung der Familie Rothſchild in ihrem Urſprunge indirect auf dieſen Handel in Menſchenfleiſch zurückzuführen iſt. Der alte Landgraf und ſpätere Kurfürſt


