Jahrgang 
01-26 (1866)
Seite
293
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können: Deine Liebe mein' ich! Du verſchwendeſt ſie nur an einen Unwürdigen, der ſie nie verdient hat und nie verdienen wird. Ich bitte Dich, nicht den kleinſten Schritt für mich zu thun.

Was ſie ihm darauf auch erwiderte, all' ihre Worte waren vergebens und die Schmerzen, welche die Arme jetzt von der Nervenaufregung mit verſtärkter Gewalt heimſuchten, ließen ſie endlich ſchweigen. Er bemerkte es, wie ſehr ſie litt, und das milde Lächeln, welches dennoch ihr Geſicht verklärte, ſchnitt ihm durch die Seele; er warf ſich wieder auf die Kniee vor ihr, ergriff ihre Hand und küßte ſie.Du Engel voll himmliſcher Geduld! rief er.Siegerin über Schmerz und Qual! O könnt' ich Deinem Beiſpiele folgen! Ich bete Dich an, Du biſt es werth, Du Reine! Heftig aufſpringend, winkte er ihr ein Lebewohl und verließ das Zimmer, in welchem Angelica in einem beklagenswerthen Zuſtande zurückblieb.

Vor dem Hauſe beſann er ſich einen Moment, dann ſtürmte er, in die neueutſtehende Seitenſtraße einbiegend, am Kirchhofe der hochliegenden Kirche vorüber zum Dorfe hinab und weiter, planlos im grünen Thale entlang. Am Forſthauſe erſt, welches nah an der böhmiſchen Grenze liegt, blickte er ſich um und das Lächeln des Selbſtbewußtſeins trat wieder auf ſeine Lippen. den Satzungen der Geſellſchaft! Fein bürgerlich Dich

nicht! Das Symbol der nicht für Dich ſage Dich

An der Table d' höte des Curſaals, im Wettiner Hofe, pflegt ſich immer eine zahlreiche Geſellſchaft einzufinden und auch hier, wie überall, ſchießt ſie aus anfänglicher Bademiſchung vieler Elemente bald kryſtal⸗ liniſch zu einzelnen Schichtgruppen zuſammen, welche ſich dann mehr oder minder anziehend und intereſſant geſtalten. Neugierige Tiſchgäſte, die ſich etwas früh einfinden, halten zuweilen eine Serviettenſchau, um an den vom Oberkellner gelieferten Bändern die Namen zu ſtudiren.Calderon hatte ſchon oft bei Culturmen⸗ ſchen, denen der große ſpaniſche Dichter nicht unbekannt geblieben, für den Träger dieſes Namens, der ſich in Elſter eingefunden hatte, einiges Intereſſe geweckt. Er war auch keine unbedeutende Perſönlichkeit. Von Geſtalt nicht groß, wie Spanier zu ſein pflegten, aber mit einem tiefbraunen ausdrucksvollen Geſichte und beſonders mächtigen Augen, deren Blick gewöhnlich ein ironiſcher war, als ſpotte er der ganzen Welt, zog er vorzüglich die Aufmerkſamkeit der Damen an, und wenn ſein Haupthaar auch im Gegenſatz zu dem prächtigen Vollbarte, der ihm Kinn und Mund umzog, nur ſpärlich noch den Scheitel bedeckte, ſo iſt man das im Inlande

Du haſt einmal gebrochen mit

Vierte Folge. 293

ſelbſt an der jungen Generation ſchon gewohnt, Dank den modernen Oelen, Pommaden und andern ange⸗ nehmen Urſachen. Heut fehlte er noch, ſein, Stuhl war leer und der Bergrath, ſein Nachbar, ſah ver⸗ gebens nach ihm aus. Er überhörte dabei halb eine Neuigkeit, die ihm von der andern Seite erzählt wurde, und ſprach ſich dann, als er verſtanden zu haben glaubte, daß eine Frau ihren Mann und ihre Kinder verlaſſen habe, mit großer Entrüſtung darüber aus. Man bedeutete ihn aber, daß nicht die Frau ihren Mann, ſondern umgekehrt der Mann ſie verlaſſen habe, um in die weite Welt zu gehen.

Nun, ſagte der Bergrath beruhigt,das geht Sie ſchon eher!

Ein lautes Gelächter der Nachbarn belohnte dieſe parteiiſche Auffaſſung, und man beeilte ſich, Herrn Calderon, welcher eben hinzutrat, die Urſache der großen Heiterkeit zu erklären.Ich meine, ent⸗ ſchuldigte ſich der dicke Bergrath lächelnd,ein Mann kann ſich eher durch die Welt helfen, als eine einzelne Frau.

Welche Thatſache liegt denn hier zum Grunde? fragte Calderon mit einer gewiſſen Spannung.Ich hörte Trieſt nennen iſt es dort geſchehen? Hat die Hiſtorie in der Zeitung geſtanden?

Man erzählte ſie ihm, ſie war tragiſch genug und die Tiſchgeſellſchaft fern freilich und unbe⸗ kannt mit den Perſonen konnte über das Weh und den Tod einer unglücklichen Frau lachen, welche, in ihrer Verlaſſenheit vom Wahnſinn erfaßt, ſich in das Meer geſtürzt hatte, ihre beiden hülfloſen Kinder fremder Barmherzigkeit übergebend! Calderon dachte nicht ſo herzlos, er lachte nicht, er blickte vielmehr finſter auf die Geſichter um ihn her, aber er that den Menſchen doch Unrecht, ſie lachten ja nicht über das Unglück, ſondern über die Aeußerung des jovialen Bergraths, der zu den vielen Prärogativen des Mannes im Punkte der Sittlichkeit auch noch dies Vorrecht des Durchbrennens⸗ hinzufügte. Wer ſich überhaupt über jedes Unglück, das die Zeitungen verkünden, in Mitgefühl auflöſen wollte, der käme ja nicht aus dem Jammern heraus! Sprechen wir von andern, luſtigern Dingen! Die Gegenwart bietet deren ſo viel!

Haben Sie Ihre Perle mit? fragte der Berg⸗ rath heimlich ſeinen Nachbar er mußte die Frage aber wiederholen, da dieſer zerſtreut über die Tafel hinblickte, an deren Ende der Beſitzer des Hötels eben ſtand, ſeine Gäſte muſternd.Sie finden wohl auch die Aehnlichkeit mit dem berühmten Staatsmann und Politiker, welche, Mancher hier finden will? Ich meine Radowitz, lieber Herr, haben Sie ihn nicht gekannt?