Jahrgang 
01-26 (1866)
Seite
292
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Rudolf hatte mit geſenkten Augen zugehört in ſeinem Geſicht machte ſich eine ſchmerzliche Bewe⸗ gung ſichtbar.Ach, Angelica, ich verdiene nicht, daß etwas für mich geſchieht... ſprach er.Ich bin nicht auf geſetzlichen Wegen gewandelt, ich habe die vollſte Freiheit des Handelns für mich in Anſpruch genommen und alle Schranken, alle Verbote ſocialer Autorität verachtet. Nicht einſt oder nur früher, ſon⸗ dern bis auf den heutigen Tag. Gieb Dir alſo keine Mühe um eine verlorne Sache. Ich ehre Waldſee's Edelmuth, wenn es ihm wirklich Ernſt iſt ich danke Dir tauſendmal für Deine Liebe, aber ſelbſt wenn die Schritte, welche Du für mich thun wollteſt, zum Ziele führten und der König mich für das, was gegen mich von damals vorliegt, begnadigte, ſo würde es keinen Beſtand haben. Ich kann nicht auf dem ſchmalen Pfade wandeln, den das Sitten⸗ und Staa⸗ tengeſetz vorgeſchrieben hat.

Angelica's Augen fühlten ſich mit Thränen, ſie wußte nichts zu erwidern und ihr Herz war doch ſo voll. Ein Gedanke erwachte aber in ihrer Seele und füllte ſie mit Licht und Hoffnung: ſollte die Macht einer reinen Liebe nicht läuternd auf Rudolf's unge⸗ bändigten Sinn wirken können? Er hatte eine An⸗ deutung gemacht, freilich in dunkle Worte gekleidet, aber konnten ſich die Verhältniſſe nicht zu ſeinem Glücke geſtalten?

Wir können noch weiter davon ſprechen, ſagte er, als er den traurigen Eindruck ſeiner Rede bemerkte. Ich habe meine Abreiſe vor der Hand ganz aufge⸗ geben; ich bleibe bei Dir.

Sie drückte ihm ihre Freude aus und bat ihn zu erzählen, wo er ſich in der langen Zeit ſeiner Abwe⸗ ſenheit aufgehalten und was er in der Ferne erlebt habe.Ich will Dir heut nur in großen Zügen meine Laufbahn vorführen, erwiderte er.Daß ich mit dem Pferde nach meinem Attentat, wozu ich un⸗ glücklicher Weiſe beim Scheibenſchießen, alſo mit ſcharf geladenem Piſtol in der Hand, gereizt wurde, davon gejagt und über den Grenzfluß geſchwommen bin, weißt Du. Ich wurde in Frankreich nicht gerade wohlwollend aufgenommen, durfte aber endlich nach Algier zur Fremdenlegion gehen. Dieſe hat keine Cavalerie, ich war alſo auf einmal zum Fußvolk verſetzt dies und die ſtrenge Disciplin, gegen welche wir in Preußen mit Sammthandſchuhen an⸗ gefaßt werden, behagten mir nicht, ich entfernte mich bald und gerieth in tuneſiſche Dienſte. Ja, Angelica, der Eremit von Gauting hat dieſelben auch nicht ver⸗ ſchmäht. Dort litt es mich aber nicht lange, obgleich es mir gut ging; ich war eine Zeitlang in Aegypten, kam dann nach Malta, nach England, hier wurden

Novellen⸗

Zeitung.

gerade für den Orientkrieg Legionen in getrennten Nationalitäten geworben: Deutſche, Schweizer, Ita⸗ liener, Polen. Ich trat in die deutſche Legion unter dem braven Stutterheim aber der Friede, der bald geſchloſſen wurde, ließ mich nicht nach der Krim ge⸗ langen. Du weißt vielleicht, daß die Legion, d. h. jeder Mann freiwillig, nach dem Cap ging, um dort eine Art Militärcolonie gegen Kaffern und Hotten⸗ totten zu bilden; auch ich war in jenem Arkadien, doch nur eine kurze Zeit. Mich lockte das Wunder⸗ land Indien, ich bin aber nicht auf ſeinen Conti, nent gelangt, ſondern auf den Inſeln geblieben: Java⸗ dann Ceylon, von wannen ich nach Europa zurückge⸗ kehrt bin. In zwölf Jahren viel geleiſtet, nicht wahr?

Willſt Du mir nicht vertrauen, Rudolf, fragte Angelica ſchüchtern,was Deine Pläne für die Zu⸗ kunft ſind?

Du thuſt mir zu viel Ehre an, meine Schyeſter, wenn Du mich geordneter Lebenspläne für fähig hältſt. Ich habe mich immer den Wogen anvertraut und meine Freude war es, mit dem Sturm und der Bran⸗ dung zu kämpfen. Doch könnte es immer ſein, daß ein Idyll dies wilde Epos beendigte...

Sie glaubte ihn, zu verſtehen und ſah ihn zärtlich an.Hat Dich der Zufall nach Elſter geführt? fragte ſie.

Ja, antwortete er.Ich bin hi gen worden, als ich aus Süddeutſch Nordmarken reiſen wollte, um die Sta wo meine Landsleute nach fünfzigjährigem Frieven ſich kriegsgewohnten Truppen ebenbürtig gezeigt haben. Es war eine Aunwandlung, eigentlich eine Schwäche, Angelica. Warun ſollte ich ihr aber nicht nachgeben? Ich bin ja Herr meiner Zeit und frei wie der Vogel in der Luft. Auslachen wirſt Du mich aber, wenn ich Dir ſage, daß mich der hieſige Perlenfang nach Elſter gelockt hat. Du weißt doch, daß hier Perlen gefiſcht werden? Nein? Ich wußte es auch nicht, ein penſionirter Bergrath, mit dem ich fuhr, erzählte mir Wunderdinge davon und ich begleitete ihn hieher, da ich auf Ceylon der Perlenfiſcherei malayiſcher Tau⸗ cher mehrmals beigewohnt habe und die zahme Pa⸗ rodie derſelben im ſanften Style murmelnder Bächlein ſtatt der grollenden Meerestiefe ſehen wollte. Was würdeſt Du ſagen, fuhr er plötzlich auf,wenn ich ſelbſt hier ein Perlenfiſcher geworden wäre und nun eins der hübſchen Brunnenmädchen heirathete?

Sie wußte nicht recht, wie ſie dieſen Scherz ver⸗ ſtehen ſollte, er ließ ihr aber keine Zeit zum Denken, ſondern fuhr ſchnell fort:Was brauche ich Dir noch zu ſagen! Ich bin im Beſitz einer Perle, welche alle Schätze in den Gewäſſern Indiens rict a

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