Jahrgang 
01-26 (1866)
Seite
290
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merkbare Neigung des Kopfes ein Zeichen, daß ſie die Thatſache ſeiner Anweſenheit nicht leugne. Auch werde ich nicht abreiſen, Chriſtine! Sie wer⸗ den mich ſchon noch dulden müſſen! ſprach er.

Warum ſollte ich etwas dagegen haben? er⸗ widerte ſie jetzt,wenn es Ihnen in Elſter noch län⸗ ger gefällt?

Elſter an ſich, wie reizend es auch in Vieler Augen ſein mag, feſſelt mich nicht

Sie hatte auf einmal Geſchäfte an der andern Seite des Pavillons, wo ihre Gefährtinnen mancherlei Geſchirr und Gefäße ordneten und ſagte nur gleichmüthig zu Kallenberg, ehe ſie ihn verließ:Es geht Vielen ſo, die erſt nur ein paar Tage in Elſter bleiben wollen und dann ſich wochenlang aufhalten.

Er folgte ihr nicht. Das Lächeln, womit die andern Mädchen ſchon verſtohlene Blicke nach ihm geworfen hatten, reizte und erbitterte ihn heut; wäre es nur ein ſchalkhaftes, an zärtlichen Verhältniſſen mädchenhaft theilnehmendes Lächeln geweſen, ſo würde es ihn nicht verletzt haben, aber er konnte es nicht ableugnen, daß es ein ſchadenfrohes, ja in ſeinen Augen boshaftes Lächeln war, als wollten ſie damit ſagen: Freund, was quälſt Du Dich vergeblich ab! All' Dein Mühen iſt doch umſonſt! In ſeinem trotzi⸗ gen Herzen wallte das Blut ſtürmiſch auf und der Zielpunkt ſeines Strebens, der ihm bisher wie ein harmloſes Nebelbild unerkennbar geblieben war, er⸗ ſchien ihm auf einmal, das Duftgewölk unlautern Urſprungs ſiegreich durchbrechend, wie ein heller Stern, der ſeinen feſten Stand nimmer ändert. Noch einen Blick warf er nach der Gruppe der Mädchen hinüber: Chriſtinens Antlitz war ihm zugewandt, ihr Auge begegnete dem ſeinigen und ſenkte ſich ſchnell zu Boden. Es war das erſte glückliche Zeichen von ihr.

Langſam wandelte er jetzt durch die Anlagen, über die Brücke, zu dem großen, ſtattlichen Hauſe hinauf, wo ſeine Schweſter wohnte. Vor der Thüre fand er den alten Chriſtoph ſtehen, der, wie er wußte, nicht mehr im Dienſt, ſondern ſein eigner Herr war und den er nicht mehr Du nennen mochte, auch wenn es verlangt wurde. Er mußte ſich mit ihm verſtän⸗ digen: gewiß hatte ſeine Schweſter ſchon ſeinetwegen Siegel und ihrer Anna Verhaltungsbefehle gegeben. In welcher Weiſe ſie das gethan hatte, konnte ihm gleichgültig ſein: gegen Beide war nichts zu verſchleiern, ſeine Vergangenheit war ihnen ja genau bekannt, ſie wußten, daß er ſich nicht unter ſeinem wahren Namen im deutſchen Vaterlande blicken laſſen durfte.

Ueberall begegnete er dieſer verzweifelten Ruhe, die ſeiner Natur ganz fremd war. Chriſtine ſah ihn ruhig kommen und gehen, und ſie wußte doch, daß er

Novellen⸗Jeitung.

eine wahnſinnige Leidenſchaft für ſie gefaßt hatte; Siegel blickte ihm mit phlegmatiſcher Ruhe entgegen und hatte doch keinen Zweifel darüber, daß er hier nur auf Gefahr ſeines theuerſten Gutes, der perſön⸗ lichen Freiheit, wandelte; er kannte Alles, was ihm zur Laſt gefallen war und ihn um ein viel höheres, edleres Gut gebracht hatte!Nun, Siegel, was denken Sie zu mir? fragte er, als der Alte ihm doch ein paar Schritte entgegen kam.

Ich denke, Sie werden Pardon nachſuchen! antwortete Siegel.

Da denken Sie ſehr falſch! verſetzte Kallenberg überraſcht.Das iſt mir noch nicht im Traume ein⸗ gefallen! Soll ich eine de- und reumüthige Supplik einreichen, von der ich vorher weiß, daß ſie in Gnaden abgeſchlagen wird und nur zu meiner Habhaftwerdung führen kann? Wäv' ich glücklicherweiſe ein politiſcher Verbrecher, ſo hätte es keine Noth: es iſt die Zeit der Amneſtien. Aber mit Einem, der nach andern angenehmen Streichen auf ſeinen Schwadronschef ge⸗ ſchoſſen hat und dann mit Sattel und Zeug deſertirt iſt, kann kein Monarch Erbarmen haben, am wenigſten in einem ſtraffen Militärſtaate.

Ja aber, wenn Sie nicht Pardon ſuchen, was wollen Sie eigentlich hier? fragte Siegel.

Haben Sie einmal das Sprüchwort gehört: wo⸗

der Haſe gehetzt wird, iſt er am liebſten? erwiderte Kallenberg. Eine Antwort auf Siegel's Frage war das nicht, eine ſolche wollte er auch nicht geben; im Grunde wußte er vielleicht ſelbſt keine andere, als daß es ihn nach langem abenteuerlichem Leben gewaltſam heimgezogen habe, wenigſtens in die Nähe ſeiner Heimath.Meine Schweſter hat Ihnen wohl geſagt, daß Sie mich Calderon zu nennen haben? fragte er dann.

Das hat ſie gethan, antwortete Siegel trocken.

Ich bin alſo nicht der Bruder des Fränleins Angelica Kallenberg auf und zu Lorbach im Herzog⸗ thum Magdeburg, verſtehen Sie! Nur ein Verwandter, ein Jugendfreund und, wenn Jemand aus dem Hauſe unſere Zärtlichkeit belauſchen ſollte, meinetwegen auch ein Freier, der ſeine Hoffnungen auf Elſter's Heil⸗ kraft geſetzt hat.

Ich denke, Sie wollten abreiſen! entgegnete

Siegel in dem vorigen trockenen Tone. all' die Winkelzüge nicht nöthig. Ich wollte! Sie haben Recht, nun aber will ich nicht mehr, mag daraus werden, was will. Ich bin ein unpolitiſcher Menſch, aber man hat mir von einer Spannung zwiſchen Sachſen und Preußen er⸗ zählt, und da hoffe ich, daß Sachſen dem anwachs⸗ ſüchtigen Nachbar nicht den Gefallen thun wird, ihm

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