Jahrgang 
01-26 (1866)
Seite
278
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felhaft ſein, ob es, wie in manchem andern Bade, rathſamer, durch eine gewiſſenhafte Auswahl der Quellenjungfrauen unter den Häßlichkeiten des Landes leichtentzündliche Curgäſte männlichen Geſchlechts vor Feuersgefahr zu behüten oder ob man dem Schön⸗ heitsſinn, wie in Elſter, Rechnung trägt und, wenn auch nicht für blendende Schönheiten, welche vielleicht das Voigtland nicht im Ueberfluß hat, doch für ein angenehmes Aeußere, ſowohl in der Perſönlichkeit, als in dem Coſtüme, ſorgt. In beiderlei Hinſicht ſind die Brunnenmädchen zu Elſter ſchon zu einer gewiſſen Berühmtheit gelangt und die Verſchmelzung der voigt⸗ ländiſchen Volkstracht mit einer andern, höchſt kleid⸗ ſamen macht dem Frauengeſchmack, der ſie erfunden hat, alle Ehre. Echt landesüblich ſind die ſchwarzen, eigenthümlich geſchlungenen Kopftücher mit ihren bei⸗ den Satanellahörnchen, welche das wohlgeordnete Haar oben zum Theil frei laſſen; die ſchwarzen Jacken dagegen, die ſchneeweißen Schürzen mit Bruſtſtück, die faltenreichen grauen Röcke, bordirt mit zwei rothen Doppelſtreifen, ſind ſchon idealiſirt. Jedenfalls ge⸗ währen dieſe Töchter des Landes als Schenkerinnen ein ſehr nettes Bild und ſie wiſſen das auch. Man hat an ihnen eine gewiſſe Sicherheit und Ruhe des Benehmens bemerken wollen, als fühlten ſie ſich die Herrinnen der Situation hier und da mag auch wohl eine unſchuldige Coquetterie zum Vorſchein kommen, denn die armen Kinder ſind ja doch nicht blind und taub etwas Uebles wird ihnen aber ſelbſt die älteſte alte Jungfer aus dem klatſchſüch⸗ tigſten Kleinſtädtchen nicht nachſagen können, wozu, wir geben es zu, vielleicht die energiſche Oberleitung des Bades beiträgt. Wir Menſchen wollen nun ein⸗ mal einen Stab unſers Wohlverhaltens haben.

An der Salzquelle ſtand ein großes, wohlgebautes Mädchen mit dem Füllen der Becher beſchäftigt, welche ihr mehr als ihren beiden Gefährtinnen dargereicht wurden. Sie war allerdings die Anziehendſte unter dem Kleeblatt, das hier im Dienſte Hygiea's waltete. Nicht ihre hohe Geſtalt allein, welcher die hübſche Tracht beſonders vortheilhaft ſtand, zeichnete ſie aus, ſondern mehr noch ihr regelmäßiges Geſicht mit den angenehmen Zügen und ihr großes, ruhiges Auge. Das Geſicht war etwas bleich und hatte für gewöhnlich einen ernſten Ausdruck, wie er ſich unter ihres Gleichen ſelten findet; nur, wenn ſie freundlich von einer Dame angeſprochen wurde, belebten ſich ihre Züge ebenfalls mit einer Freundlichkeit, welche ſie verſchönte. Frauenkenner waren über ihr Alter uneinig. Ihr Ernſt ſprach nicht für unerfahrene Jugend, gleichwohl fand ſich Keiner, der ihr ſchon dreißig Jahre gab, dazu waren ihre Lippen zu friſch, ihre Formen, ſo

Novellen⸗

Zeitung.

weit ſie ſich beurtheilen ließen, noch zu ebenmäßig. Indeſſen waren das müßige Studien, welche das Intereſſe nur vorübergehend feſſelten, da das Mädchen, kalt und ruhig, nicht einmal zu einem Geſpräch zu bewegen war. Eine Celebrität im franzöſtſchen Ge⸗ ſchmack konnte dieſes unempfindliche deutſche Brunnen⸗ mädchen für erfahrene Touriſten nicht werden.

Als ſie eine Weile unbeſchäftigt war und ſich mit ihrem gleichmäßigen Blick umſchaute, zuckte es auf einmal zwiſchen ihren Brauen und eine unmuthige Falte zog ſich hinein, die aber gleich wieder ver⸗ ſchwand. Der Mann, welcher ihren Unmuth ourch ſein Anſtarren veranlaßt hatte, wandte ſich ſchnell ab und verließ die Halle.

Meine Schuld iſt es nicht! murmelte er vor ſich hin, während er nach dem Ufer des Fluſſes hin⸗ ſchritt, der ganz nahe vorübereilt.Ich hatte den redlichen Willen, aber das Schickſal iſt ſtärker, als ich! Er ſetzte ſich auf eine der Bänke auf dem Pfade, der unter ſchattigen Bäumen dem erhöhten Ufer folgt.Nur einen Zielpunkt, eine vernünf⸗ tige Idee möchte ich hier haben! fuhr er in Ge⸗ danken fort.Ich verfalle unheilbarer Lächerlichkeit, wenn nicht dem Wahnſinn! Den Kopf in die Hand ſtützend, würdigte er die Vorüberwandelnden, die ihn von Zeit zu Zeit ſtörten, keines Blickes, ſon⸗ dern verſenkte ſich ganz in ſeine unerfreulichen Be⸗ trachtungen.

Ei, Herr Calderon! hörte er ſicch endlich an⸗ rufen.Noch hier? Ich glaubte Sie ſchon auf der Rückreiſe nach Ihren indiſchen Perlenbänken.

Kallenberg ſah auf: es war ſein dicker freund⸗ licher Tiſchnachbar von der Table d'höôte im Wet⸗ tiner Hofes, wo er trotz der Entfernung ſeiner eigenen Wohnung und deren guter Küche ſpeiſte. Der dicke Herr ſetzte ſich ohne Umſtände neben ihn und Kallen⸗ berg ſagte:Ich habe meine Abreiſe verſchoben.

Recht ſo.«Es iſt ja hier ſo ſchön, ſo ſchön⸗! wie es im Liede heißt. Haben vielleicht eine deutſche Perle gefunden, welche den Vergleich mit Ihren oſt⸗ indiſchen aushält?

Ueber Kallenberg's Geſicht zuckte es wie ein Blitz, er warf ſeinem Nachbar einen flammenden Blick zu und rief heftig:Wie meinen Sie das, Herr Bergrath?

Ach! Der ſaß! entgegnete der Dicke gemüth⸗ lich lachend.Hab' ich's getroffen? Ich meine die Perle figürlich, bildlich! Man wird ſchon aufmerk⸗ ſam auf Sie, lieber Herr Calderon, und wenn Sie etwa ein ſpaniſches Intriguenſtück mit Entführung nebſt Zubehör aufführen wollten, ſo könnten Sie eine Verfolgung als Perlendieb gewärtigen.

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