Jahrgang 
01-26 (1866)
Seite
259
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Signor Minari, oder wie Sie heißen, ich ver⸗ laſſe mich auf dieſe beiden Trümpfe! antwortete Lucanto, griff in die Bruſttaſche ſeiner Jacke und zog zwei Piſtolen hervor. Er hatte das Ruder ſinken

laſſen und ſtand Ercole Aug' in Auge gegenüber. Vertrauet Euren Trümpfen nicht zu viel! be⸗

merkte Ercole mit eiſiger Ruhe.Ich will Euch einen Vorſchlag machen, Lucanto! Wir fahren nach Torre del Greco; Ihr bewahrt ehrlich das Schweigen; ver⸗ ſprecht, daß Ihr mir in allen Stücken, ſo weit Euch möglich, zu Dienſte ſtehen wollt, und...

Und? Nicht zu ſchnell, Eccellenza; denn nun kommt die Hauptſache!

Und empfangt, fuhr Excole fort,eine Beloh⸗ nung von fünftauſend Scudi, zur Hälfte heute, zur andern Hälfte aber zu zahlen, wenn ich Neapel ver⸗ laſſen habe oder bei meinen Geſchäften verunglückt bin. Nicht zu raſch entſchloſſen, Lucanto!

Mit dem Entſchluſſe bin ich in der Secunde fertig, Signore Minari! Die Engländer würden, wenn ich denſelben zu Willen wäre, dieſelbe Waare, für welche Sie fünftauſend Scudi zahlen wollen, mit ebenſo vielen Pfunden Sterling honoriren. Geſtehen Sie, daß das einen ſehr fühlbaren Unterſchied macht.

Lucanto, zwiſchen uns bedarf es, da wir ſo weit gediehen ſind, keiner Geheimnißkrämerei. Ich komme, Eurer immenſen Forderung wegen, zu der Ver⸗ murhung, daß Ihr Euch in meiner Perſon irrt. Ihr taxirt mich unbedingt zu hoch!

Ich irre mich nicht und die Taxe haben die Engländer beſtimmt, nicht ich!

Ihr wißt alſo meinen Namen?

Nun, ich will rathen: hat er vier Sylben? Be⸗ ginnt derſelbe mit einem C⸗? Setzt man ein Ercole voraus?

Mag ich ein Carracciuoli ſein; politiſche Be⸗ deutung beſitze ich keine! Könnt Ihr mir offenbaren, welchen ſeltſamen Verdacht man gegen mich hegt, um gewiſſermaßen einen Preis auf meinen Kopf zu ſetzen, und welchen Preis!?

Eccellenza, antwortete Lucanto,ich gedenke mit Ihnen ein offenes, glattes Geſchäft zu machen und ich bin gewiß, Sie werden Urſache haben, mit mir ſpäter zufrieden zu ſein. Ich ſpreche alſo friſch von der Leber weg. Halten Sie es für ein gewöhn⸗ liches oder ein ganz fürchterlich großartiges, eine eng⸗ liſche Flotte, commandirt von dem tapferſten Admiral der Welt, durch griechiſches Feuer zu Grunde zu richten...

Spion, Verräther, Du haſt Dich um Deinen Hals geredet! rief Ercole vortretend.

Lucanto feuerte und eine Kugel fuhr heiß an der

Vierte

Folge. 259

Schläfe Ercole's hin. Bevor der Cabo der Fiſcher ſeine zweite Waffe abzufeuern vermochte, hatte er bereits einen Stiletſtoß von Ercole empfangen, welcher den kräftigen Mann längelangs niederſtreckte. Ercole bückte ſich und warf den regungsloſen Lucanto aus der Barke hinaus ins Meer.

Da rauſchte es in der Ferne taktmäßig heran, und bevor Ercole etwa zweihundert Ellen weit in der Richtung auf Torre del Greco gerudert hatte, fand er ſich von einem engliſchen Wachtboote mit ſechzehn Rudern überholt. Ercole proteſtirte vergebens gegen ſeine Gefangennahme man entgegnete ihm, daß er, dem Befehle Nelſon's zuwider, im Hafenbereiche eine Feuerwaffe abgebrannt habe. 3

Ercole befand ſich bereits über zehn Minuten lang auf dem Wachtboote, bevor er bemerkte, daß zu den Füßen des am Ruder ſitzenden Seelieutenants ein Mann ausgeſtreckt lag. Nach längerer Zeit rich⸗ tete ſich dieſer Mann ſtöhnend empor.

Es war Lucanto, den die Engländer glücklich aufgefiſcht hatten. Unglücklicherweiſe war der Elende im Stande, trotz ſeiner ſchweren Verwundung zu ſpre⸗ chen, und gegen eine Stunde ſpäter war faſt jedes Wort, das Ercole mit Giulietta geſprochen hatte, in der Capitainskajüte des Agamemnon» von Lucanto zu Protokoll gegeben worden.

Mit ſchweren Feſſeln belaſtet, ward Ercole Car⸗ racciuoli an Bord von Nelſon's Admiralſchiffe, Vic tory geführt und bei der Abweſenheit des Befehls⸗ habers in das Gefängnißlocal im Kielraum geſperrt.

Im Königspalaſt.

Am andern Morgen war vor dem Palaſte Vecchio auf der Chiaja ein bewegtes Leben.

Schweizergarden ſtanden acht Mann, Front nach der Richtung der Toledoſtraße hin machend, vor dem Schloſſe. Zur Rechten und zur Linken dieſer auser⸗ leſenen Truppen drängten ſich in wilder Unordnung die Milites Chriſti, die Streiter des Erlöſers, welche Waffengattung der geniale Cardinal Ruffo erfunden hatte. Die Mehrzahl dieſer Streiter beſtand aus Lazzaroni und calabreſiſchen Gebirgshirten und Bau⸗ ern, Alle mit engliſchen Bajonnet⸗Musketen bewaffnet, Alle zinnerne Heiligenbilder an den Mützen und ein großes rothes Kreuz auf der linken Bruſt tragend. Zwiſchen dieſem Kern der chriſtlichen Armee, welche am 22. Jannar 1799, alſo etwa vor fünf Monaten, die unſagbarſten Gräuelthaten in Neapel ausgeführt hatten, bemerkte man zerlumpte Handwerker, ſehr wenige gut gekleidete Krieger und eine Abtheilung engliſcher Matroſen und Marineſoldaten, bis an die Zähne mit Musketen, Bajonnet, Hiebern und Gürtel⸗ piſtolen bewaffnet. Sie bahnten ſich mit ruͤder Rück⸗

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