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Vierte
Ein Prieſter, Francesco Prelati, folgte mit den ober⸗ prieſterlichen Gewändern bekleidet, einen langen vergoldeten Stab ohne Kreuz in ſeiner Hand tragend, auf ſeinem Kopfe eine Biſchofsmütze, aus der zwei Ziegenbockshörner hervor⸗ ragten. Auf den Gewändern der Prieſter und deren Diener ſah man nur kabbaliſtiſche Figuren und hölliſche Darſtellun⸗ gen des Teufels, wie man ihn ſich damals vorſtellte. Um mit ihm eine gewiſſe Aehnlichkeit herzuſtellen, ſchleppte Jeder von ihnen einen langen und lächerlichen Kuhſchwanz, der an ſeiner Kleidung befeſtigt war, hinter ſich her.
Der Marſchall ſtieg alsdann ohne Weiteres auf den Altar und ſetzte ſich auf den Platz, welcher gewöhnlich für das Crucifix vorbehalten iſt. Prelati officiirte dann ohne Meßbuch, indem er alle kirchlichen Ceremonieen parodirte. Die Komödianten und die Sänger begleiteten mit unzüchtigen Geſten und bizarren Intonationen den Vorſänger, welcher, vor dem Chorpulte ſtehend, die Blasphemien des Zauber⸗ buchs ſingend vortrug.
Das Alles war aber im Vergleich zu dem, was dann folgte, noch unbedeutend. Aber im Augenblick des Opfers öffneten ſich die bis dahin feſt verſchloſſenen Thüren und Männer, deren Geſicht mit Kohlen geſchwärzt worden waren, führten oder ſchleppten vielmehr junge Mädchen und junge
Knaben herein, die man für dieſe Gelegenheit mit einem langen, weißen Hemde bekleidet hatte.
Die nun folgende Scene läßt ſich nicht beſchreiben. Von allen Umſtänden, die Gilles de Retz ſelbſt eingeſtanden hat, iſt nicht ein einziger, der ſich mittheilen läßt. Ein ver⸗ dammtes Bachanal, eine Orgie der Hölle würden keine Idee davon geben können. Alles endigte dann mit einem Acte der ſcheußlichſten Wildheit, den man kaum für möglich halten kann.
Dieſe unglücklichen Opfer, die in der Mitte des ſchreck⸗ lichſten Lärms in einem Augenblick beſudelt, entehrt wiren, wurden vor den Altar geführt. Vier kräftige Männer gten ſie auf eine Tafel von Granit. Gilles de Retz öffnet ihnen mit einem Hiebe ſeines Beils die Bruſt und folgt mit gierigen Blicken den letzten Zuckungen des bloßgelegten Herzens. Prelati fängt das Blut in goldnen Bechern auf und ſeine Untergebenen laſſen das noch warme Getränk unter den Anweſenden umherkreiſen.
Prelati ſuchte das Geheimniß des großen Werks. Er bewahrte mit Sorgfalt einige Theile der Leichname, z. B. das Gehirn, das Herz, die Leber; dann unterwarf er ſie der Ein⸗ wirkung des Feuers in Retorten, um daraus Gold hervorzu⸗ ziehen oder um ſie in Edelſteine zu verwandeln.
Während Gilles de Retz dieſes Reſultat erwartete, ver⸗ ſchwendete er ſein Vermögen maſſenweiſe. Der Durſt nach Reichthümern, die ihn um ſo mehr flohen, je mehr er darnach jagte, trieb ihn unaufhörlich zu neuen Verbrechen. Der Schrecken entvölkerte die Ueberbleibſel ſeiner Beſitzungen und der benachbarten Dörfer. Man hätte ſagen können, die Peſt übe ihre Verwüſtungen aus, wo er ſich zeigte. Das aber⸗ gläubiſche Volk glaubte, er ſei ſtets von böſen Geiſtern um⸗ geben und beſchützt. Sein Name verbreitete überall einen Schrecken, der um die Ruinen ſeines Schloſſes herum nach mehr als 400 Jahren noch jetzt fortdauert.
Aber ſo große Verbrechen konnten nicht ohne eine feier⸗ liche Büßung bleiben.
III.
Die überſpannten Schriftſteller, welche die Zauberkunſt
behandelt haben, ſagen:„Ein beſonderes Zeichen erlaubt,
Folge. 253
den Operationen der Zauberei am beſten benutzt werden können.“
Gilles de Retz hatte dieſes Geheimniß von Prelati erfahren. Es genügte, die jungen Burſchen und die jungen Mädchen, welche Letztere weniger als zwanzig Jahr alt ſein mußten, zu betrachten, deren Geſicht angenehm war, obſchon die Entfernung zwiſchen den beiden Augen größer war als die Länge eines Auges. Das waren die Opfer, welche man dem Satan opfern mußte.
** i*ſt dieſer Typus in der Bretagne gar nicht ſelten. Mit Weſem koſtbaren Geheimniß verſehen, hatte der Baron de Retz keine große Mühe, unter den Bauern auf ſeinen Be⸗ ſitzungen diejenigen zu entdecken, die er für ſeine niederträch⸗ tigen Ceremonien beſtimmte. Eine alte Frau, die Meffraye genannt, half ihm in ſeinen Nachforſchungen. Den Kopf mit einem ſchwarzen Schleier bedeckt, ging ſie bei einbrechen⸗ der Nacht zu den Schäferinnen und den jungen Hirten und vermittelſt großer Verſprechungen und Schmeicheleien zog ſie dieſelben mit ſich fort. Alle Nachforſchungen, um die Ent⸗ führten zu entdecken, waren fruchtlos.
Indeſſen gaben dieſe geheimnißvolle Exiſtenz, das Zu⸗ ſammenſtoßen gewiſſer Umſtände, wie das Verſchwinden von Kindern, welche man mit Leuten des Marſchalls geſehen hatte, die energiſchen Forderungen mehrerer bedeutenden Familien in Nantes, das erſtickte Geſchrei, das man mitten in der Nacht aus dem Hötel de la Suze hatte dringen hören, der weltlichen Gerechtigkeit doch einen Wink.
Der Herzog der Bretagne, Johann V., der wegen ſeiner Schwäche von ſeinen Zeitgenoſſen den Beinamen der Einfäl⸗ tige erhalten hat, weigerte ſich anfangs, ſelbſt auf den einge⸗
ſchärften Befehl des Königs von Frankreich, zu gerichtlichen Verfolgungen ſeine Genehmigung zu ertheilen. Der Mar⸗ ſchall hielt ſeine Strafloſigkeit für geſichert, wurde weniger vorſichtig und beſchleunigte ſelbſt die Beſtrafung ſeiner Ver⸗
brechen.
Eines Tages ritt er in den Straßen von Nantes ſpazieren und ſeine Getreuen, Prelati, Henri und Etienne Couillaut, jene niederträchtigen Schurken, die beſtimmt waren von Henkershand zu ſterben, begleiteten ihn. Als er vor dem Laden eines Sattlers in der Nähe des von dem Herzog Johann bewohnten Ritterſitzes de la Fouche— jetzt das Haus der iriſchen Prieſter— vorüber kam, bemerkte er einen jungen Arbeiter, deſſen aufgeweckte Miene ganz dem Signalement der für ſeine Beſchwörungsformeln geeigneten Opfer entſprach. Er ſtieg vom Pferde, kaufte ein Paar Jagdhandſchuhe und mit dem jungen Manne plaudernd, beſtimmte er ihn, ſofort in ſein Hotel zu kommen. Yves Guillet— das war ſein Name— folgte ihm willig; aber als er durch das Hofthor eintrat, hörte er Prelati, der in Saint Malo gewohnt hatte, im bretagniſchen Dialecte zum Baron de Retz ſagten:„Entweder werden wir immer eine unglückliche Hand haben oder das iſt ein Todter, deſſen Bauch das Glück in ſich einſchließt.“
Yves war ein Niederbretagner. Er verſtand, was Prelati ſagte, und entfloh ſo ſchnell wie er nur konnte, ehe das Thor wieder verſchloſſen war, und theilte das eben Gehörte ſeinem Meiſter mit. Dieſer beeilte ſich, den Meſſire Jean Blouyn, den Vorgeſetzten des geiſtlichen Gerichts in Nantes und Glaubens⸗Inquiſitor in der Diöces, davon in Kenntniß zu ſetzen. Gleich an demſelben Abend wurden Gilles de Retz und alle ſeine Mitſchuldigen verhaftet und in den Gefäng⸗
die Individuen beider Geſchlechter zu erkennen, welche in
niſſen im Tour⸗Neuve im Schloſſe zu Nantes eingeſchloſſen. (Schluß folgt.)


