Jahrgang 
01-26 (1866)
Seite
249
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5.

Literariſche Briefe von Otto Banck.

Friedrich Thierſch's Leben. Herausgegeben von Heinrich M. J. Thierſch. Leipzig und Heidel⸗ berg, Winter'ſche Verlagshandlung. 1866.

Thierſch gehoͤrte als Philologe, Helleniſt und Humaniſt zu den verdienteſten Männern unſeres Vater⸗ landes, eine biedere und doch ebenſo feinſinnige Kraftnatur voll Gradheit und Geſundheit in einem durch und durch edelen Charakter. Er war ein Thü⸗ ringer, in Kirchſcheidungen unweit des Kyffhäuſers geboren, und er vermehrte die Zahl der bedeutenden Schüler, die aus Schulpforte hervorgingen. Bekannt⸗ lich wurde er in ſeinen Mannesjahren nach München berufen, wo er ſein Leben in unermüdeter Thätigkeit beſchloß und wo ſein Wirken für die Akademie, die Uni⸗ verſität, für die höheren Schulanſtalten überhaupt und zwar nicht nur in Bayern, ſondern von dort aus in ganz Deutſchland ein ſehr ſegensreiches war.

Dieſer inhaltvolle Geiſt zählte allerdings und zwar ſchon dem Weſen ſeiner Zeitperiode nach zu den ſtarren oder wenigſtens ſtrengen Philologen, die der neueren Köchly'ſchen Richtung direct gegenüberſtehn. Doch ſeine Ausbildung war fern von Einſeitigkeit und ſeine Seele voll Grazie und Geſchmack; ſo muß er auch unter den Philologen zu den wenigen Aus⸗ nahmeerſcheinungen gerechnet werden, die ihre Mut⸗ terſprache nicht vernachläſſigten und nicht blos ein gutes Griechiſch und Lateiniſch, ſondern ſogar, was um nichts leichter aber viel wichtiger iſt, auch ein gutes Deutſch ſchrieben. Der ganze Menſch in ihm hatte Styl und auch ſein Sprachgenius.

Der talentvolle Sohn des Verewigten hat die Hauptabſchnitte im Leben und Streben ſeines Vaters überſichtlich dargeſtellt und dann jenen reichen Schatz von Briefen folgen laſſen, die uns, an oft berühmte Zeitgenoſſen gerichtet, geblieben ſind. Hier iſt eine Fülle von unterhaltendem und belehrendem Stoff aus⸗ gebreitet, und bei allen beſondern Veranlaſſungen finden wir den Schreiber voll Muth, Uneigennützig⸗ keit und Ueberzeugungstreue. Die Verdienſte dieſes Kämpfers unter Maximilian Joſeph ſind unſchätzbar, und die Münchener Bevölkerung hat wohl bis zur neueſten Zeit herab nie auch nur zur Hälfte einge⸗ ſehen, was ſie Thierſch, dieſem Förderer ihres Cultur⸗ ganges, ſchuldig geworden.

Damals bildete ſowohl der feudale bayriſche Adel als die katholiſche Geiſtlichkeit eine gereizte, nicht immer zu parlamentariſchen Mitteln greifende Oppo⸗ ſition gegen die vielen norddeutſchen proteſtantiſchen Freidenker⸗ und ⸗Antichriſten⸗, welche als tüchtige

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(Gelehrte berufen waren, auf dortigem ſterilen Boden

ein neues Leben dem Fortſchritte der Wiſſenſchaften zu gründen. Thierſch ſtand in der erſten Reihe dieſer Angefeindeten, die eine ähnliche ungeliebte Rolle ſpielten, wie ihre ſpäteren gleichgeſtimmten Geiſtes⸗ brüder, welche Maximilian, der kürzlich verſtorbene nicht genug zu preiſende König von Bayern, nach München zog.

Hören wir, wie Thierſch ſeiner Mutter den Mord⸗ anfall ſchildert, der einſt in München gegen ihn verübt wurde und nur durch einen Zufall ſein Leben verſchont bleiben ließ:

Ich ging, ſagt Thierſch,gegen 9 Uhr Abends vom Präſidenten Jacobi nach Hauſe. Als ich in die kleine und einſame Gaſſe des Schulgebäudes, wo ich wohne, kam, ging vor mir einer meiner Collegen, Profeſſor Urban mit einem Knaben, den er bei ſich hatte, ebenfalls nach unſerer Hausthür. Er war be⸗ reits durch dieſelbe in das Haus getreten, und im Begriff, ſie hinter ſich wieder zu verſchließen, als ich davor erſchien und die Klinke drückte, um noch mit ihm zugleich hineinzukommen, ehe ſich die Thür wieder ſchlöſſe. In dem Augenblicke, wo ſich die Thür öffnete, fühlte ich im Nacken eine heftige Erſchütterung, wie vom Schlage eines Hammers, die mich in das Haus hineinwarf. Im erſten Augenblicke glaubt' ich, es habe mir Jemand im Vorbeigehen einen Nickfang ge⸗ geben und rief: Mörder, Mörder! Ich ſah noch den Kerl in einem dunkeln Mantel entſpringen, und griff jetzt nach dem Nacken, wo ich einen fremden Körper fühlte und die Hand voll Blut hatte. Weil ich den Hals noch frei bewegen konnte und auch noch bei voll⸗ kommener Beſinnung war, ſchloß ich gleich, daß die Verletzung nicht gefährlich ſei, ließ jedoch, um nicht zu verbluten, den Dolch in der Wunde ſtecken und ging ſelbſt, ohne fremde Hülfe, auf meine Stube, nachdem ich von den Leuten des Hausmeiſters Je⸗ manden nach dem Chirurgen geſchickt hatte. Meine Aufwärterin begegnete mir mit dem Licht auf der Treppe und kam außer ſich vor Schrecken. Ich ließ mir den Stiefelknecht bringen, das Bette auf die Erde ausbreiten. Nachdem ich mich des Rockes und der Stiefeln entledigt hatte, ſchickte ich die Alte nach Niethammers, einer mir nahe wohnenden und bekannten Familie. Ich ſelbſt aber legte mich auf das Bett, bis der Chirurg kam und mir den Dolch aus der Wunde zog und mich verband. Während dieſes ge⸗ ſchah, waren ſchon Niethammers und mehrere meiner Bekannten herbeigekommen, um Hülfe zu leiſten; der Polizeidirector kam, kurz darauf das Criminalgericht, Soldaten von der Wache u. dgl., um ſich von dem an mir verübten Verbrechen vorläufig zu unterrichten.