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ſtock eine kleine Höhlung zum Anhalt in's Eis zu ſchürfen. Von dem Holzknecht, der herabgekommen war, ſah ich jetzt ke ine Spur mehr; er hatte augenſcheinlich, den Bergſtock zwiſchen die Schenkel eingezwängt, ſich auf dem Eis geraden Weges herabrutſchen laſſen.
Plötzlich konnte ſich mein Hund, trotz ſeiner Krallen, auf der ſchiefen, glaſigen Wand nicht mehr halten. Er kam in's Rutſchen und blieb einige hundert Fuß tiefer an einem Leg⸗
föhren⸗Gebüſch hängen. Noch einige Schritte weiter und er
wäre über eine faſt hundert Fuß hohe Wand hinter jenen
Föhren hinabgeſtüzt,— ein lehrreicher Fingerzeig für das, Schnee mußte ſie fußhoch überrieſelt haben. So war ich
was aus mir werden konnte, wenn ich einmal meine Stütze auf dem Eis verlor. Nachdem ich meinen vierfüßigen Beglei⸗ ter mit der größten Anſtrengung wieder heraufgebracht und danach noch ungefähr eine Stunde fortgeklettert war, erreichte ich die Jochhöhe. Man kann ſich denken, daß ich bis hier⸗ her ungemein vorſichtig und langſam zu Werke gehen mußte, — denn abgeſehen von der Gefahr eines tiefen Sturzes konnte ja ſchon die einfachſte Verrenkung in einer ſolchen Einöde verderblich werden. Aber das, was ich fürchtete, geſchah nicht, und das, was ich nicht ahnte, geſchah.
Als ich auf dem Grate ſtand, ging die Sonne unter.
Eii feuerrother Schein hing noch an den umſtehenden Bergrieſen und fern aus dem Zillerthale und von Stubai herüber glänzten die Gletſcher wie Kohlengluth vor dem Er⸗ löſchen. Alles Uebrige ſchimmerte weiß in der froſtigen Dämmerung; in den Thälern lag ſchwarze Nacht.
Ein lauer Wind ſtrich über die Höhe, auf welcher ich neben einem Kreuze, einem„Marterl“, ausruhte. Den Be⸗ richt über die Todesſtunde des Verunglückten hatten die Stürme ausgelöſcht. Drohend lag das finſtere Thal unter mir, in welches ich jetzt hinab ſollte,— ein klaffender Abgrund. Der Gemskar, deſſen zerriſſene Zacken an die Convulſionen erinnerten, unter welchen die Schichten der Kalkgebirge vor dem Andrang des kryſtalliniſchen Geſteins zurückgewichen waren, zeigte auf ſeinen höchſten Spitzen einen Wiederſchein der hohen Abendröthe. Eine lange, lange Strecke an jähen Abgründen, durch Wälder und über gefrorne Achen hin lag noch vor mir, über die erſtarrte Welt war die Nacht herauf⸗ geſtiegen, aber— konnte ich zurück? Das Heraufkommen über die eiſige ſteile Höhe am Grat war beim Tageslicht möglich geweſen, das ungefährdete Wiederhinabkommen in der Dunkelheit undenkbar. Alſo vorwärts!
Nun ging es auf der anderen Seite bergab.
Bald machte ich zu meiner Beſtürzung die Entdeckung, daß hier, auf der Weſtſeite des Gebirgsrückens, der Schnee in viel gewaltigeren Mengen angeweht war, als drüben. Es war wieder der trockene Schnee, wie ich ihn ſo oft in den Thälern beobachtet hatte,— keine feuchte Flockenſchicht, ſon⸗ dern eine unermeßliche Anhäufung von Rhomboedern und Nadeln vom feinſten Eis. Wenn man hineinſtürzt, raſchelt es, als ob man auf einen Strohſack fiele.
— Und nun begann das Stürzen und Sinken mit jedem Schritt. Denn um nicht hart an den Rändern der jähen Abhänge gehen zu müſſen, an denen ein Fehltritt in der Dunkelheit mich, der Himmel weiß wohin, befördert hätte, mußte ich mich ſtets auf der Bergſeite halten, an welcher die
Eiskryſtalle aber fortwährend bis zur Höhe eines mittelgroßen
Menſchen aufgehäuft waren. Da war jeder Schritt eine harte Mühſal, und eine Stunde brachte mich nicht weiter, als ich ohne dieſe Schneewehen in fünf Minuten gekommen wäre.
Uebrigens war das noch immer nicht das Aergſte. Denn auf jenen hohen Stellen, wo es keinen Baumwuchs mehr
Novellen⸗Zeitung.
giebt, hatte ich doch den fahlen Glanz vom Himmel und den hellglänzenden Sternen und eine weite Rundſchau, ſo weit ſie eben eine heitere Winternacht zuläßt. Und dieſe iſt in jenen klaren Höhen heller, als in der dumpfen Luft der Niederun⸗ gen. Als ich aber wieder in die Waldregion herabkam, welche ſchon am Tage einen dämmerigen Schatten auf die Bergwand wirft, hörte das Sehen faſt auf und es blieb mir überlaſſen, durch den Bergſtock zu unterſcheiden, wo ſich der Abhang hinunter und die Felswand aufwärts zog. Die Fußſtapfen des Holzknechtes, die ſeither von Zeit zu Zeit auf⸗ getaucht waren, hatten hier wieder ganz aufgehört, denn neuer
gezwungen, bis über die Schenkel im Schnee, oft gegen Stämme und Aeſte ſtoßend, von undurchdringlicher Finſter⸗ niß umgeben, mich einen Abhang hinabzuquälen, deſſen Tiefe mir das undeutliche Summen der Waſſerſtürze verrieth, wel⸗ ches aus der unſichtbaren Kluft heraufdrang. Meine Lage begann bedenklich zu werden.
Die Kälte ſtieg, je weiter ich herunterkam, und nach zweiſtündigem Niederklettern hatte ich ein Plateau erreicht, auf dem ſie ſtrenger war, als ſie je am frühen Morgen in den eiſigen Thälern draußen geweſen. Es mochte wieder eine Temperatur von mindeſtens 200° Réaumur in der Luft liegen.
Dazu fing ich an, die Sicherheit in Bezug auf meine Richtung zu verlieren, und es währte nicht mehr lange, ſo gab ich die Hoffnung auf, noch in dieſer Nacht das Jägerhaus von Hinterriß zu erreichen. Manchmal, wenn eine Lücke in den Felsſpitzen ſeinem Licht den Durchgang geſtattete, warf der Mond, deſſen dünne Sichel hier oben einen helleren Schein verbreitet, als unten ſeine vollere Scheibe, bleiche Strahlen durch die dichten Aeſte,— aber es war, als ob ſie des Verirrten ſpotten wollten.
Bald kam ich wieder an einen Bach, zwiſchen deſſen Eis das ſtarke Gefäll noch einen Zug lebendigen Waſſers erhalten hatte. Ein paar ſchlüpfrige Prügel verbanden ſeine glaſigen Felsufer; ich überſchritt ſie vorſichtig, war aber noch nicht auf der Mitte des Stegs, als ich ausglitt und einige Fuß hoch in das Waſſer hinabſtürzte. Es ging nur bis an die Knöchel und ohne weitere Beſchädigung konnte ich in der Finſterniß an das andere Felsufer mich wieder hinauftaſten.
Die nächtlichen Stunden verfloſſen, meine Vorräthe erſchöpften ſich und das immerwährende Hindurcharbeiten
oben, als es noch etwas Tag geweſen war, hatte ich einige Alpenhütten bemerkt. Sollte mir jetzt eine auf meinem Wege zu Geſicht kommen, dachte ich, ſo würde ich ſofort mit den Holzvoräthen, die Sommers und Winters in oder vor jeder Hütte liegen, mir ein Feuer angemacht und ſo allgemach den Tag und mit ihm die Möglichkeit abwarten, mich aus den pfadloſen Wüſten wieder hinauszufinden. Aber es ver⸗ gingen Stunden und ich ſah nichts.
Das Rauſchen der Waſſer in den Felsklammen kam bald näher, bald verhallte es wieder in der froſtigen Luft,— mein Hut, meine Haare, meine Beinkleider, mein Ueberwurf ſtarrten in einer gleichförmigen Eisdecke, welche durch jeden herabfallenden Athemzug ſchwerer wurde, weil ſich ſein gefror⸗ ner Hauch darüber lagerte. Die Nacht wurde immer grim⸗ miger— der Schnee tiefer— ich ſah nichts mehr.
Mit einem Male aber wurde das Getös der Achen ſtärker,— drei Waſſer ſtrömten zuſammen. Vor mir ſtand eine Hütte. Es war die unter dem Namen„Hagelhütte“ auf
den Karten verzeichnete Alpe. Sie liegt da, wo der Blums⸗
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durch den hohen Schnee hatte mich todmüde gemacht. Von
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