Jahrgang 
01-26 (1866)
Seite
156
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156 Novellen⸗Zeitung.

ais⸗Royal auf einen Stuhl, bald Dann, wie ein ihm geiſtesver⸗ erwarb er in einigen Minuten

Mit der Zeit gelang es dieſen Freunden, mit ſeiner ſonoren Stimme, der Stimme der Ueberzeugung,

ſtenthum ihr geraubt

ihn zu widerlegen, Alles ſchlug fehl. Er vermochte ſich nur er ſich im Garten des Pal mit den Lobſprüchen einiger Freunde zu beruhigen und indem ſtieg er auf eine Kanzel. er in dem Salon der Madame Cheminot den großen Philo⸗ wandter Schriftſteller ſagt, ſophen ſpielte. nach und nach einigen Scandal zu erregen, das Buch wurde der Vernunft mehr Terrain, als das Chriſ angegriffen, der Verfaſſer bekam endlich Feinde, er trium- hatte.

phirte und fühlte ſich um hundert Spannen gewachſen. Auf Etwas genirte aber noch Jean Baptiſte Clootz denn einmal ſetzte er ſich in den Kopf, ſeine Freunde zu bitten, ihn ſeinen Titel Baron Val de Graäce, welcher ihn demüthigte, künftig J. C. von Val de Gräͤce, als Anſpielung aufJ. C. hatte er auf den Altar der Gleichheit niedergelegt und dies von Nazareth zu nennen. Der Erfolg berauſchte ihn förm- war ſein Name Jean Baptiſte.

lich und der tugendhafte Philoſoph ſtürzte ſich einige MonateSollen mir die Kalenderheiligen Furcht einflößen? lang mit wahrer Leidenſchaft in den Strudel der Pariſer fragte er ſich.Habe ich denn geſchwankt, mich zu defeuda⸗ Vergnügungen. Da erfuhr er eines Tages, daß ein Prediger liſiren? Habe ich nicht nach einer Baronin gefragt, warum auf der Kanzel ſein Werk übel mitgenommen habe, und dies ſollte ich nach der Taufe fragen? Ich habe mein Wappen nach reichte für ihn hin, um ihn zu ſeinen Beſchäftigungen, zu Preußen geſchickt, ſchicken wir meinen Schutzpatron nach ſeinen Büchern zurückkehren zu laſſen. Zugleich warf er ſich Paläſtina. Bekennen wir uns zum Gegentheil des Anabap⸗ zum Wortführer im Café Procope auf, jedoch nach einigen tismus und ſchwören die Betrügereien von Petrus und Pau⸗ Wochen ließ ihn Herr Lenoir zu ſich entbieten und ſtellte ihm lus ab. Und welchen Namen dachte ſich Clootz aus? Er die Wahl, den Mund zu halten oder in die Baſtille zu wan⸗ nannte ſich Anacharſis, nach dem Helden Barrhelemy's. dern. J. C. Val de Grace ging hierauf ſogleich zu Schiff(Voyages du jeune Anacharsis en Grèce.) 1

nach England und ſchwor, nicht eher wieder nach Paris zurück⸗ Anacharſis Clootz wurde nun, obglei h er nicht Franzoſe zukehren als an dem Tage, wo dort die Freiheit herrſchen und war, Mitglied der Gemeinde von Paris, Clubbiſt, Verbrei⸗ die Baſtille zerſtört ſein würde. ter derpariſiſch⸗kosmopolitiſchen Doctrin, Gegner der

England geſiel Clootz durchaus nicht, er glänzte dort friedlichen Neigungen Robespiere's, indem er im Gegentheil nicht genug. Er kehrte daher alsbald nach Deutſchland den Krieg befürwortete und ſein Vermögen zur Verfügung zurück, war hier ein leidenſchaftlicher Bewunderer der geiſtli⸗ ſtellte; er war der Erſte, welcher den Sturz des Königs pro⸗ ſchen Reformen des Kaiſers Joſeph und ging dann nach Hol⸗ clamirte und für deſſen Hinrichtung ſtimmte. Er gab ſich als land, wo er, um die Zeit zu verbringen, den Druck der einen der wildeſten Terroriſten und ging endlich im ſchmäh⸗ Wünſche eines Gallophilen überwachte. Hier machte er lichſten Sansculottismus unter, deſſen eigenes Opfer er wurde. die Bekanntſchaft eines der Großen dieſer Erde, mit dem er Genug von dieſem traurigen Erleuchteten, dieſem kläg⸗ in den innigſten Verkehr trat. Er lauſchte andächtigſt den lich lächerlichen Narren, über welchen man nur die Achſeln Erzählungen deſſen fabelhafter Abenteuer und glaubte, in zucken kann und der nicht einmal Mitleid einflößt, wenn man ihm das Mittel gefunden zu haben, die Welt umzuſtürzen und ihn zum Schaffot ſchreiten ſieht. die Menſchheit gegen ihren Willen glücklich zu machen. Die⸗ Der tugendhafte Clootz hinterließ einen natürlichen ſer mächtige Herr war Caſtriotto, Prinz von Albanien und Sohn, deſſen Tochter noch kürzlich Mitglied des Theaters zur Herzog der Herzegowina. Clootz, entzückt, geblendet, verließ Porte⸗Saint⸗Martin war. e. ihn keinen Augenblick und ſchwor nur bei ihm. Unglücklicher Weiſe ward die Hoheit eines ſchönen Tages verhaftet, für r. 5 4 einen gefährlichen Betrüger erkannt und in das Gefängniß Marcheſe Maſſimo d'Azeglig. geworfen, wo er durch Selbſtmord endete. Dieſer Schlag In dieſem Manne, welcher am 15. Januar c. in Turi erſchütterte das Gemüth unſeres erleuchteten Philoſophen auf zu derſelben Zeit ſtarb, wo in Berlin der Staatsminiſter a. das Tiefſte. Jedoch erholte er ſich wieder, durchreiſte Deutſch⸗ D. Rudolph von Auerswald zu einem beſſern Leben entſchlief, land, Italien, Spanien, Marokko und Portugal. Nach ſeiner hat Italien nicht blos einen ſeiner ausgezeichnetſten Staats⸗ Ankunft in Liſſabon erfuhr er die Zerſtörung der Baſtille und männer, ſondern gleichzeitig einen höchſt talentvollen, vielſei⸗ reiſte darauf unmittelbar nach Frankreich ab, wohin er nun tigen Mann, vor Allem aber einen ſeiner edelſten und wärm⸗ wieder zurückkehren durfte. Sein Wunſch war erhört. ſten Patrioten verloren, der in der neuern Geſchichte ſeines

An den Thoren von Paris ſteckte Clootz die dreifarbige Vaterlandes eine ſo wichtige, einflußreiche Rolle geſpielt hat, Cocarde auf und gab der Schildwache, welche ihn nach ſeinem daß ſeinem Namen in den Annalen der Geſchichte Italiens Namen fragte, ſtolz zur Antwort:Deutſcher Baron, aber für immer eine hervorragende, ehrenvolle Erwähnung geſichert Bürger Frankreichs. Der erſte Enthuſiasmus währte iſt. Der Verſtorbene, welcher ſich als Maler, Schriftſteller, jedoch nicht lange. Clootz erblickte Paris wohl in voller Militär, Staatsmann und liberaler Patriot ausgezeichnet Revolution, aber noch immer in einem gewiſſen Anſchein von hat, verdient ſicher, daß wir unſern Leſern Näheres über das Ordnung und er fand keinen Platz für ſich. Ein Menſch wie bewegte Leben desſelben in einer der wichtigſten Perioden er konnte jedoch nicht lange ſich in Verlegenheit befinden, er der Geſchichte des italieniſchen Volkes mittheilen. dachte ſich eines ſchönen Tages aus, eine Deputation aus Der Marcheſe Maſſimo Taparelli d'Azeglio gehört einer allen Völkern der Erde zu bilden und die Nationalverſamm⸗ altadeligen piemonteſiſchen Familie an und wurde im Jahr lung zu begrüßen. Dieſe großartige Läppſcherei gelang voll⸗ 1801 in Turin geboren, wo ſein Vater einen hohen Poſten kommen und der Baron Jean Baptiſte von Clootz von Val in der Armee bekleidete. Seine ſtreng katholiſchen, ſehr de Gräce wardder Redner der Menſchheit, ein Beiname, frommen Eltern glaubten für die Erziehung ihres Sohnes unter welchem er ſeitdem officiell bekannt wurde. Er erfüllte nicht beſſer ſorgen zu können, als indem ſie dieſelbe ihrem aber auch ſein freiwillig übernommenes Mandat mit der Hausgeiſtlichen übertrugen, deſſen finſtre Strenge aber den

größten Gewiſſenhaftigkeit; bald kletterte er auf einen Eckſtein, Knaben ſo gegen denſelben erbitterte, daß er im Alter von um das Volk auf den Straßen zu haranguiren, bald ſchwang vierzehn Jahren ihn bei einer Gelegenheit aus ſeinem Zimmer