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ſchürte und drängte immer gewaltſamer. Zwiſchen⸗ trägeriſche Freunde, denen er leider ſein Ohr nicht verſchloß, berichteten ihm, daß Lili ſelbſt geäußert, ſie fühle in ſich wohl die Kraft, wenn es ſein müſſe, alle ihre Verhältniſſe abzubrechen und mit ihm nach Amerika zu gehen, aber nicht den Muth, ſich in der Enge ſeines Vaterhauſes zu begraben. Freundin Auguſte deutete ihm an, daß doch der geiſtige Abſtand zwiſchen ihm und Lili allzugroß und ein tieferer Zuſammen⸗ hang der letztern mit ihm deshalb unmöglich ſei. Er gab das zu,„aber eben dieſer Abſtand,“ ſchrieb er ihr zurück,„mache für ihn das Band nur noch feſter.“ Er war gerade frei und klar genug einzu⸗ ſehen, daß Lili's Unberührtheit von der herrſchenden Sentimentalität, ihr geſunder, klarer, tüchtiger Sinn, ihr ehrenwerther Charakter, ihre heitere Selbſtgewiß⸗ heit, ihre anmuthige Sicherheit ſie vor allen Frauen, die er je gekannt hatte, ſehr zu ihrem Vortheile aus⸗ zeichneten. Man kann ſich des Schluſſes nicht ent— halten: daß es für den Menſchen Goethe ein Unglück war, daß die Trennung von Lili, zu der ihn doch im Grunde nicht eigener freier Entſchluß, ſondern vorzugsweiſe äußere Umſtände, die drängenden Ab⸗ mahnungen der Seinen, der Widerwille der Schweſter, die Zwiſchenträgereien falſcher Freunde und eine ge⸗ wiſſe Schwäche ſeines eigenen, aus Härte und Weich⸗ heit wunderbar gemiſchten Charakters bewogen, ihm das Glück einer Verbindung mit einem Weibe ent⸗ riſſen, welches, Alles in Allem genommen, dem Beſten ſeines menſchlichen Weſens ebenbürtig war, und von der er noch fünfzig Jahre ſpäter im Hinblick auf alle jene Umſtände zu bekennen ſich gedrungen fühlte: „In ihr allein, glaubt' ich, wußt' ich, lag eine Kraft, die das Alles überwältigt hätte.“ Dieſe Worte ſind das ſchönſte Ehrenzengniß für Lili, und ſie ſind zu⸗ gleich das Bekenntniß einer Schuld, oder wenn man lieber will, eines ſchweren Fehlers von Seiten Goethe's, eines Fehlers, den er ſchwer gebüßt hat.„Denn alle Schuld rächt ſich auf Erden!“
Wie das Verlobniß nicht förmlich und offen⸗ kundig geweſen war, ſo war auch die Trennung keine offene und förmliche. Er leerte den Becher der ſchmerzenvollen Luſt, den er ſich gefüllt hatte, bis zum letzten Tropfen, während er ſich vergebens durch Ar⸗ beiten wie durch Zerſtreuungen aller Art, durch Hazard⸗ ſpielen und durch eine neue Liebſchaft zu übertäuben ſuchte. Es gelang ihm nicht, und er ſah mehr und mehr, daß Flucht aus der Nähe der noch immer Ge⸗
liebten für ihn die einzige Rettung ſei. Wahrhaft
„Zeitung.
poetiſch und rührend iſt die Schilderung jenes ſpäten October⸗Abends, wo er, ſchon zur Flucht eutſchloſſen, in ſeinen Mantel gehüllt zum letzten Male durch die dunklen Straßen der Vaterſtadt ſchlich, um, wenn nicht von ihr, ſo doch von dem Hauſe, das ſie umſchloß, den letzten Abſchied zu nehmen.„Sie wohnte im Erd— geſchoſſe eines Eckhauſes, die grünen Rouleaux waren niedergelaſſen; ich konnte aber recht gut bemerken, daß die Lichter am gewöhnlichen Platze ſtanden. Bald hörte ich ſie zum Clavier ſingen; es war das Lied: «Ach, wie ziehſt Du mich unwiderſtehlich!« das nicht ganz vor einem Jahre an ſie gedichtet ward. Es mußte mir ſcheinen, daß ſie ausdrucksvoller ſänge als jemals, ich konnte es deutlich, Wort für Wort ver⸗ ſtehen.— Nachdem ſie es zu Ende geſungen, ſah ich an dem Schatten, der anf die Rouleaux fiel, daß ſie aufgeſtanden war. Sie ging hin und wieder, aber vergebens ſuchte ich den Umriß ihres lieblichen Weſens durch das dichte Gewebe zu erforſchen. Nur der feſte Vorſatz mich wegzubegeben(er wollte nach Weimar gehen), ihr nicht durch meine Gegenwart beſchwerlich zu ſein, jhr wirklich zu entſagen, und die Vorſtellung, was für ein ſeltſames Aufſehen mein Wiedererſcheinen
machen müßte, konnte mich entſcheiden, die ſo liebe 4
Nähe zu verlaſſen.“
Er ging, um nicht wiederzukehren. In Weimar umgab ihn eine Welt neuer⸗Verhältniſſe, deren Wogen bald genug über ihm zuſammenſchlugen und ihm zuerſt faſt die Beſinnung raubten. Doch lebte Lili's Bild noch immer in ſeinem Herzen fort. In einem Briefe an ſeinen Freund, den jungen Herzog Karl Auguſt, vom 24. December 1775(derſelbe fehlt in dem ſoeben erſchienenen Briefwechſel Goethe's und Karl Auguſt's), ſchreibt er von Waldeck aus:„Wie ich ſo in der Nacht gegen das Fichtengebirg ritt, kam das Gefühl der Vergangenheit, meines Schickſals und meiner Liebe über mich, und ich ſang ſo bei mir ſelber:
Holde Lili, warſt ſo lang
All' meine Luſt und all' mein Sang.
Biſt, ach! nun all' mein Schmerz, und doch All' mein Sang biſt Du noch.“
(Lili verheirathete ſich anderthalb Jahre nach Goethe's Fortgange mit einem reichen Bankier Bern⸗ hard von Türkheim zu Straßburg, woſelbſt Goethe ſie auf der im Herbſte des Jahres 1779 mit ſeinem fürſtlichen Freunde, dem jungen Herzog Karl Auguſt von Weimar, unternommenen Schweizerreiſe als glück⸗ liche Gattin und Mutter wiederſah.)
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