Jahrgang 
01-26 (1866)
Seite
121
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denen ſüßer,

Wertannt zu

1 den 23. Juni Noßen Frank⸗ deſſen ftühem der, geſceidte benſo das Ge⸗ pefübrte Lehen f wie man ſee ihrer Jugend, n lernte, erſt ens in dieſem fand, was an heimiſchen, zu èlſſchaft Frant. dieſer Geſell⸗ r bürgerlichen zu ſeinen ei⸗ nialen Sturm⸗ lber je mehr egieriger war den jungen in Frankfurt e⸗ des Tages Genialitäten raßburg und ihlen wußte. den jungen zufzukommen es fand ſich Annäherung Styl des ge⸗ i und unge⸗ ichtert ward. 65 1774 ſah uſgefordert,

denſelben in das Schönemann'ſche Haus zu einer muſikaliſchen Abendgeſellſchaft zu begleiten. Hören wir ihn ſelbſt weiter.Es war ſchon ſpät, doch weil ich Alles aus dem Stegreif liebte, folgte ich ihm, wie gewöhnlich, anſtändig angezogen. Wir traten in ein Zimmer gleicher Erde, in das eigentliche Wohnzimmer. Die Geſellſchaft war zahlreich, ein

Flügel ſtand in der Mitte, an den ſich ſogleich die

einzige Tochter des Hauſes ſetzte und mit bedeutender Fertigkeit und Anmuth ſpielte. Ich ſtand am untern Ende des Flügels, um ihre Geſtalt und ihr Weſen nahe genug bemerken zu können. Sie hatte etwas Kindartiges in ihrem Betragen, die Bewegungen, wozu das Spiel ſie nöthigte, waren anmuthig und leicht. Nach geendigter Sonate trat ſie an's Ende des Piano's mir gegegenüber, wir begrüßten uns ohne weitere Rede, denn ein Quartett war ſchon ange⸗ gangen. Am Schluſſe trat ich etwas näher und ſagte einiges Verbindliche. Sie wußte ſehr artig meine Worte zu erwidern, behielt ihre Stellung und ich die meinige. Ich konnte bemerken, daß ich eine Anzie⸗ hungskraft von der ſanfteſten Art zu empfinden glaubte. Un ſo lieber war es ihm daher, als beim Abſchiede Mutter und Tochter ihm den Wunſch zu erkennen gaben, ſeinen Beſuch bald wiederholt zu ſehen. Er ließ ſich das nicht umſonſt geſagt ſein, und bald war es um ſeine Ruhe geſchehen.

Die aunbarmherzige Schönheit» der reizenden, eſeinen Künſten liebenswürdiger Gefallſucht

lage und geſellſchaftliche Uebung früh

Hhaft ausgebildeten ſechzehnjährigen Blon⸗

iche mit und neben dem Reize jener kind⸗

lichen Unbefangenheit des Behabens die vollendete Sicherheit der Weltdame und das ſtarke Bewußtſein ihrer Stellung und ihrer Vorzüge verband, ward nur zu bald Meiſter über ſein unbeſtändiges Herz. Sie ward es um ſo leichter und ſeine Sclaverei ward um ſo vollſtändiger, je neuer für ihn eine Erſcheinung wie Lili war. In allen ſeinen früheren Liebſchaften, von dem treuen Leipziger Annchen, das er mit ſeinen Grillen und Launen bis zur Verzweiflung gequält, und von der liebenswürdigen Seſenheimer Pfarrers⸗ tochter, mit deren tiefer Neigung er ſein grauſames poetiſches Spiel getrieben, bis zu Anna Sibylla Münch, dem liebenswürdigen Frankfurter Bürgerkinde, der Freundin ſeiner Schweſter Cornelie, die ſeine Eltern nur allzugern als Gattin des Sohnes geſehen hätten, war er bisher derjenige geweſen, der ſich als eine Art poetiſcher Königsſohn zu der niedern Schäferin gleichſam herabgelaſſen hatte. Diesmal aber waren die Rollen vertauſcht. An geſelliger Stellung, an Rang, Reichthum wie an Weltgewandtheit war Lili

Vierte

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die Höherſtehende, ihm Ueberlegene. Sie war die Prinzeſſin, die ſich zu ihm herabließ; und Goethe war von früh an empfänglich für ſolche Lebensbe⸗ dingungen. Zwar in das tiefſte geiſtige Weſen des ſechsundzwanzigjährigen Dichters, der ſeiner Kraft und ſeiner Aufgabe ſich vorahnend bewußt die höchſten Probleme der Menſchheit, Fauſt und Prometheus, in ſeinem Buſen trug, vermochte das ſechzehnjährige Mädchen nicht zu dringen; aber er konnte es nicht verhindern, daß ihre Schönheit und ihre Jugend ſeinen Sinn berauſchten und der poetiſche Zauber ihrer Anmuth ünd ſieggewohnten Liebenswürdigkeit ſein Herz in Feſſeln ſchlug.

Er hatte ſich bisher noch immer von allen Lie⸗ besverhältniſſen wieder frei gemacht, in die ihn Jugendſehnſucht und ein nie verſiechendes Bedürfniß poetiſcher Herzensanregung verſtrickt hatten, und er hatte im dunklen Gefühle, daß ſein Genius zu voller Entfaltung der Freiheit von bürgerlichen Lebens⸗ banden bedürfe, gerade jetzt erſt ein Verhältniß, eben das zu jener jungen Frankfurterin, Anna Münch, ab⸗ gebrochen, obſchon alles ſich vereinte, die Erfüllung deſſelben durch die Ehe zu begünſtigen. Jetzt war es auf's Neue aus mit ſeinem Frieden und ſeiner Freiheit, und diesmal beſaß er nicht die Kraft, den Zauber zu durchbrechen, mit dem ihn die reizende Koketterie Lili's mehr und mehr zu umſpinnen be⸗ gann. Er opferte ihr ſeine Lebensgewohnheiten, ſeine Naturluſt, ſeine wilde Scheu vor rauſchender und glänzender Geſellſchaft in vornehmen Cirkeln, Bällen, Concerten, Spielſoiréen, die Zufriedenheit ſeiner Eltern, ſeine Erinnerung ſogar an frühere Liebes⸗ freuden und Leiden, den ſtillen Fleiß ſeiner Studien, die Luſt an den poetiſchen Entwürfen, die ſeine Seele füllten das alles, alles opferte er auß nur um ſie zu ſehen, in ihrer Nähe zu weilen, nicht einmal als bevorzugter und begünſtigter Liebhaber, ſondern nur als gerngeſehener Verehrer des verwöhnten, ſich ſeiner Macht freuenden ſchönen Kindes, das durch den Reiz ſeiner unwiderſtehlichen Liebenswürdigkeit Jung und Alt bezauberte.

Der innere Widerſtreit, in welchem er ſich da⸗ durch mit ſeinem eigentlichen Selbſt befand, iſt in ſeinen Lebensaufzeichnungen ausgeſprochen; aber wir bedürfen derſelben nicht einmal, um ſeine Lage zu verſtehen. Denn viel deutlicher und energiſcher noch ſpricht ſich dieſes Auf und Ab ſeiner Empfindungen in jenen entzückenden Liedern aus, welche dieſer Stimmung ihre Entſtehung verdanken. So jener erſte Aufſchrei ſeines Herzens in dem reizenden Liede:. Herz, mein Herz, was ſoll das geben ꝛc.