Jahrgang 
01-26 (1866)
Seite
78
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Sennora!Nein, Sennora, Sie zuerſt!Nun wohl, um Ihnen verbindlich zu ſein, ohne weitere Ceremonie, ich haſſe Complimente und Etikette! Und ſie haben ganz Recht, daß wirklich keine Etikette ſtattfindet; alles dies ſind blos Zeichen des Wohlwollens, Worte, die es bekräftigen helfen. Sieht man ſich des Morgens, ſo geht dieſen Fragen noch einewie man die Nacht zugebracht hat, und die Antwort:zu Ihren Dienſten voraus. Selbſt in Mexico bietet das Wetter eine rechtmäßige Handhabe für das Ge⸗ ſpräch dar, beſonders wenn es regnet oder zu regnen droht, denn dieſe Umſtände erregen Erſtaunen und ſtacheln die Beobachtungsgabe; außerdem hält man Abhandlungen

über leiſe Abſtufungen der Wärme und Kälte, die uns entgangen ſind. Iſt der Beſuch abgethan, ſo küßt man ſich ſtimmiges, zuerſt unverſtändliches Geſchrei mit Tages⸗

wieder; die Hausfrau begleitet ihren Gaſt bis auf die Flur und es beginnt ein neuer Phraſenwechſel.Sennora, Sie wiſſen, daß mein Haus zu Ihrer Verfügung ſteht! Tauſend Dank, Sennora, das meinige ſteht zu der Ihrigen, und wenn ich auch nicht im Stande bin, Ihnen zu nützen, ſo ſehen Sie mich als Ihre Dienerin an und befehlen Sie in Allem über mich!Leben Sie wohl, ich wünſche Ihnen eine gute Nacht! Am Ende der Treppe ſieht der Gaſt nochmals zurück, um den Blick ſeiner Wirthin zu erhaſchen, und die Höflichkeiten wiederholen ſich. Alles, was mich im Anfang in Erſtaunen ſetzte, erſcheint mir ſchon jetzt ganz natürlich und würde kaum Erwähnung verdienen, wenn es nicht einen ergötzlichen Contraſt zu unſerer gleichgültigen und geringſchätzigen Art abgäbe, Beſuche zu empfangen und abzuſtatten. Alle Damen nennen ſich und werden von den Herren beim Taufnamen genannt, und alle, die mehr als zwei oder drei Mal bei mir waren, bedienen ſich mir gegenüber derſelben Freiheit. Unter Weibern gefällt mir dies, doch macht es mich etwas ſtutzig, wenn ich höre, wie junge Leute verheirathete Frauen Marie, Antonie, Anitta u. ſ. w. nennen; da aber keine Vertraulichkeit dabei in Anſpruch genommen wird, ſo hätte man Unrecht ſie hineinzulegen.

Während ich ſchreibe, ſieht mich ein abſcheulicher Lepero mit großen, lauernden Augen durch's Fenſter an und läßt die außerordentlichſte Folgenreihe von Seufzern aus ſeiner Bruſt dringen, indem er mir eine Hand mit zwei langen Fingern hinhält, deren drei andere wahrſcheinlich nach innen feſtgemacht ſind.Sennorita, Sennorita, der heiligen Jungfrau zu Liebe! Um des reinſten Blutes Chriſti willen! Bei der wunderbaren Empfängniß! O der ſchau⸗ dervolle Menſch! Ich getraue mich nicht aufzublicken, aber ich fühle, daß ſeine Augen auf eine goldene Uhr mit Petſchaften gerichtet ſind, die auf dem Tiſche liegt. Das iſt das Schlimmſte daran, zu ebner Erde zu wohnen. Da kommen ihrer mehrere. Ein gelähmtes Weib, das auf dem Rücken eines bärtigen Mannes reitet, ein ſtämmiger Kerl, der ausſieht, als ob ihn nur die Eiſenſtäbe vor meinem Fenſter hinderten, wirkſamere Mittel zu ergreifen, zeigt ein verkrüppeltes Bein, von dem ich ehrlich glaube, daß es nur auf irgend eine erfinderiſche Weiſe in die Höhe gebunden iſt. Welch ein Geheul! welche Lumpen! welch ein Chor von Klage liedern! Dieſer Zuſammenlauf iſt wahrſcheinlich dadurch entſtanden, daß wir ihnen vorgeſtern einiges Geld geſchickt haben. Ich verſuche keine Notiz von ihnen zu nehmen und ſchreibe fort, als wäre ich taub. Ich muß herausgehen, ohne ſie anzuſehn, und den Pförtner ſchicken, ſie wegzu⸗ ſcheuchen. Klingeln giebt's in dieſem Lande nicht. Ich komme zum Schreibtiſch zurück, kaum von meinem Schrecken

Povellen⸗Zeitung.

erholt! Ich hatte eben das letzte Wort geſchrieben, als ich einen Schritt neben mir hörte, undol eine Elle von mir ſteht mein Freund mit dem Beine und ſtreckt ſeine Hand nach Almoſen aus. Ich erſchrak ſo heftig, daß ich einen Augenblick daran dachte, ihm meine Uhr zu geben, um ihn los zu werden; indeſſen glitt ich an ihm mit ein paar unverſtändlichen Worten vorbei, um meine Leute zu rufen. Durch den Erſten, dem ich begegnete, ſchickte ich ihm etwas Geld. Der Pförtner hatte ihn nicht bemerkt, als er hinausging, um die Menge zu zerſtreuen. A... iſt hereingekommen und zieht die Gardinen zu, nun, denk' ich, gehe hin!

Eine große Menge von Ausrufern beginnt ihr hundert⸗

anbruch und endet nicht eher, als bei einbrechender Nacht. Beim erſten Dämmerlicht weckt einen der durchdringende, verzweifelnde Schrei des Kohlenverkäufers:Kohlen, Sennor! was, wie er es ausſpricht,Carboſin lautet. Dann erſchallt des Fettmannes Lied:Mantequilla! Speck! Speck! anderthalb Realen! u. ſ. w.Geſalzenes Rind⸗ fleiſch! unterbricht der Schlächter mit rauher Stimme. Hay cebo o o o? Das iſt der lange und melancholiſche Ruf des Weibes, die den Küchenabfall kauft und vor der Thür ſtill ſteht. Dann kommt die Cambiata vorbei, eine Art indianiſches Kramweib oder Vertauſchdrin, dieTejocotos per venas de Chile herausſingt. Erſteres iſt eine kleine Frucht, die ſie gegen ſpaniſchen Pfeffer aus⸗ bietet. Ein Hauſirer übertönt den gellenden Triller der Indianerin. Er fordert das Publicum auf, Stecknadeln, Nähnadeln, Fingerhüte, Hemdenknöpfe, Zwirnband, Baum⸗ wollenknäulchen, kleine Spiegel u. ſ. w. zu kaufen. Er tritt in die Häuſer und iſt bald von den weiblichen Inſaſſen umgeben, die ihm den zehnten Theil der Summe anbieten, die er verlangt, und meiſtens handelseins werden. Hinter ihm ſteht der Indianer mit ſeinem lockenden Fruchtkorbe, deſſen einzelne Obſtgarten er alle beim Namen nennt, bis die Haushälterin nicht länger widerſtehen kann, und ihn mit ſeinen Bananen, Orangen und Granaditas herauf⸗ beſtellt. Ein heller Ruf wird gehört, der andeutet, daäß etwas Heißes da iſt und ſchnell erhaſcht werden muß, ehe es kalt wird.Gorditas de Norna caliente! Fette Küchelchen, heiß aus dem Backofen! Dieſer Ruf iſt weiblich und im höchſten Schlüſſel. Folgt der Mattenverkäufer. Wer wünſcht Matten von Puebla? Matten von fünf Ellen Länge! Dies ſind die Morgenrufe. Zu Mittag werden die Bettler am unverſchämteſten und ihr Geſchrei, ihre Gebete und langen Litaneien bilden eine gleichförmige Begleitung zu dem übrigen Gelärme. Dann ſteigt über Alles der RufHonigkuchen empor.Käſe und Honig! Requeſon und guter Honig!(Requeſon iſt, was man hier Quark nennt.) Dann kommen die Dulce⸗Männer, die Verkäufer von Eingemachtem, von ſpaniſchem Wind, der vorzüglich iſt, und allen Arten von Zuckerwerk: caramellos de esperna bocadillo de coco. Dann die Lotteriecollecteure: Das letzte Billet iſt noch unverkauft, für einen halben Real! Ein lockender Ruf für den faulen Bettler, der es leichter findet, zu ſpielen, als zu arbeiten, und der dieſe Summe vielleicht in ſeinen Lumpen hat. Gegen Abend erhebt ſich der Ruf:Tortillas de cuajada!Käſekuchen oderNüſſe! dem der Nachtruf:heiße, gebratne Ka⸗ ſtanien! folgt und der gefühlvollere Entenverkäufer: Enten, o meine Seele, heiße gebratne Enten! u. ſ. w. Wie die Nacht vorſchreitet, verhallen die Stimmen, um

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