Jahrgang 
01-26 (1866)
Seite
70
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Novellen⸗

Joſef? Ja, ſie warf ſich in ſeine Arme, und er führte ſie von dannen, hinaus auf ein weites Feld.Du haſt viel gelitten, ſprach er.Litt ich nicht Euer Aller wegen?! ſprach ſie. Und nun ſtanden ſie vor einer Blume, die ſo groß war wie der Kirchthurm von Presnitz und weit hinaus leuchtete wie die goldene Sonne am Firmament.Schau, ſagte Joſef,die Wurzeln dieſer Blume ſind Deine Leiden und begoſſen iſt ſie mit Deinen Thränen, und wie ihr Name lautet? Sie heißt die Blume des Muthes, der Ausdauer, der Beglückung! Und wie er das ſagte, zog er ſie an ſein Herz, und daran ruhte ſie ſo lange, bis ſie todt war...

Reſi, ſteh' auf, es wird Zeit.

Gleich, Mutter, gleich... Ach, wie eiſig ſtarrte die Wirklichkeit ihr entgegen! Und bald darauf ſetzten ſie ſich zum letzten Mal um den Tiſch, doch als Mutter Entzmann die Mehlſuppe herbeitragen wollte, entſank die Schüſſel ihren zitternden Händen. Im Grunde jedoch waren Alle froh darüber, denn ſie hätten ſich ja nur zum Eſſen zwingen müſſen.

Da ward ans Fenſter gepocht. Draußen ſtand Alt und Jung, Beiden das Geleit zu geben. Stumm und geſchloſſenen Auges deutete Reſi auf die Harfe, und Seppi hob ſie empor... und dann, dann?

O, einen Schleier darüber! Vater und Mutter Entzmann fühlten, daß ſich Stücke ihres Herzen los⸗ löſten, und die kleinen Geſchwiſter jammerten:Wir wollen mit! Wir wollen mit!

Draußen ſah es traurig aus. Der Frühnebel tummelte ſich auf der Straße, wälzte ſich über die Felder und hing ſich an die Aeſte und Blätter.

Reſi's rechte Hand hielt der Pfarrer, Joſef ihre linke; Seppi folgte mit den Andern und Keiner ſprach ein

Wort.

So ging's in den Wald hinein. Wo zwei Wege ſich kreuzten, machte der Pfarrer Halt. Reſi und Seppi knieten nieder und empfingen den Segen. Dann ſchüttelte man ſich die Hände... Reſi ſah und hörte gar nichts... aber als Joſef hauchte:Wir ſehen uns wieder, da klang ihr das wie Lerchengeſchmetter und da hauchte auch ſie:Ja, ich fühl's, wir ſehen uns wieder!

Und dann fort. Sich umzuſchauen, das vermochte ſie nicht, doch Seppi wandte ſich um und ſagte:Sie weinen Alle!

Der Wald ward lichter, der Weg führte weiter über's Gebirge. Auf die Höhe gekommen, jauchzten Reſi und Seppi hell auf, denn die Nebel waren davongeflohen und Presnitz lag da, von der Sonne beſtrahlt.

Die Harfe her, rief Reſi, und dann griff ſie

Zeitung.

in die Saiten, daß es ſo ſehnſuchtsbang klang, und gas og ale dazu fluſterte ſie mehr als ſie ſang: nrochte

Kein Feuer, keine Kohle kann brennen ſo heiß, and rufd

Als heimliche Liebe, von der Niemand nichts weiß. Und Gräft

ihr ſchwan

Dunkle Eriſtenzen. und 8

So iſt's der Lauf der Welt: baxude,

In demſelben Momente, als Ignaz Walter aus⸗ relil ſprach, daß Thereſia nach Leipzig auf die Meſſe müſſe, iſt u

und darob ein tiefes Weh durch die Herzen zog, in Br n

ganz demſelben Momente ſtieß man in der Reſidenzſtadt Iölel oiñ

Berlin, im erſten Stockwerk eines Hauſes, das in der zummbaun Behrenſtraße lag, die Champagnergläſer zuſammen und nihlen; me

rief:Hoch lebe Braut und Bräutigam!

Durch den durch pariſer Wachskerzen erhellten talm.. Saal, den die venetianiſchen Spiegel an den Wänden lbe die G und der Decke noch weit tiefer und höher erſcheinen Monaten ließen, wogte Vollblut. Grafen und Gräfinnen, Marquis ſie vorher und Marquiſen, einige Fürſten und Fürſtinnen, und nch Berli alles uralter Stammbaum! Kein ſchlichter Herr von⸗ Courierpfe mit ſechs Ahnen war darunter. Und welche Pracht getoffen, ringsumher! Reifröcke von ſchwarzem oder rothem in der B Sammet, beſetzt mit brüſſeler Spitzen, die Friſuren mit zwei thurmhoch, mit ſchneeweißem Puder beſtreut und mit Kaufman Blumen und Bändern und Straußfedern bedeckt, auf gut zu ſ Kinn und Wangen Schönpfläſterchen in Form von Fuß in! Thieren, Sonne und Mond und Sternen; und der handelnde niedlichſte Fuß, o, der ſteckte in dem zierlichſten blauen wie ordin Atlasſchuh, der auf einem zwei Zoll hohen roſarothen wenig int Abſatz ruhte. Und wie fühlten ſich die Herren in der Kam ihrem braunen Frack mit goldenen Knöpfen und ge⸗ und ein ſticktem Kragen, in dem leicht gepuderten Haupt, daran wußt. 1 ein Zöpfchen, ſauber umwickelt mit ſchwar faidenem nrhe Band, hing, in dem weißen Halstuch, das in Zipfeln ſtellungb auslief; ach, und wer einen Orden auf der Bruſt l aus eine trug, der ſah nocheinmal ſo glücklich und ſo ehrwürdig über Sor aus! Ja, mit dem entfeſſelten Champagner ſteigt Ho das Glück empor. Das Glas an die Lippen, und und Tro verſchwunden ſind alle Sorgen und alle dummen Ge⸗ ſiber in danken an Schulden! Taille

In der lauſchigen Kaminecke ſaßen auf ſammtenen Geen Seſſeln, halb verſteckt hinter Lorbeer⸗ und Palmen⸗ uchl bäumen, Braut und Bräutigam. Sie hieß Gräfin 1 Stephanie Wedel, er nannte ſich Fürſt Romanow.6 Ihre behandſchuhten Hände ruhten ineinander, aber it ditte nur ſelten kam ein Wort und noch ſeltener eins von Fingerſ Liebe über ihre Lippen. Beide waren in Nachdenken Ne verſunken. un

Seine ſchmalen ſtechenden Augen ſuchten beſtändig mand den Parquetboden, und über ſeine zerriſſene Stirn voque huſchte es zuweilen wie häßlicher Schatten. Von erſt n dem ſorgenraubenden Champagner hatte er nicht genippt. der He

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