58 Novellen⸗Zeitung.
beim Volke denjenigen Religionen die längſte Dauer ſichert, die am reichſten an einem äußerlichen Ri⸗ tual ſind.
Eine ganz unglaubliche Menge zum Theil hoch— poetiſcher, zum Theil dunkel und unverſtändlich ge⸗ wordener, aber immerhin ſehr farbenreicher alter Traditionen haben ſich in den Anſchauungen erhalten, mit denen das Volk die vegetative Natur in's Auge faßt. Es muß daher als ein ſehr dankenswerthes Beſtreben des Ritter von Perger bezeichnet werden, daß er ſeine umfaſſende Gelehrſamkeit und die ihm ſo reichen zu Gebote ſtehenden Hülfsquellen der Wiener Hofbibliothek dazu benutzte, um uns in einer ziemlich
ausführlichen Arbeit eine Ueberſicht desjenigen zu
geben, was der dichtende Mund des Volkes und der nordiſchen Urreligion entweder in das Seelenleben der Pflanzen hineingeträumt, oder über ihr Verhalten zum Menſchen phantaſtiſch aufgeſtellt hat.
Natürlich iſt das Letztere mehr noch als das Erſtere chiromantiſcher Natur. Zauberſprüche, Hexenkünſte, abergläubiſche Ideen, ſympathetiſche Curen, Elfen und Gnomen, Traumgeſichte aller Art ſpielen hierbei eine bedeutende Rolle, und oft geht die Pflanzenſage ganz in die mittelalterliche Hexenküche der Apotheker, der Kräuterweiber und der Balſamträger hinein; oft aber wirkt ſie vollkommen frei poetiſch, knüpft an den Göttercultus der älteſten Tage an, geht mit Genien der Volksphantaſie als Blumengeiſt Hand in Hand und hat in der Feier unſerer älteſten Jahresfeſte, die von jenſeit des Chriſtenthumes datiren, einen hochbe⸗ deutungsvollen Platz. Ganz anders ſind die Erzäh⸗ lungen und Ueberlieferungen, welche ſich, oft ein wenig in’s Oekonomiſche gehend, aber häufig ebenſo ſinn⸗ reich und unterhaltend, an die Frucht⸗ und Getreide⸗ arten knüpfen; anderer Gattung wieder die, welche den Feld⸗ und Waldblumen, den Bäumen und Ge⸗
ſträuchen, ja endlich den Giftpflanzen gewidmet ſind. Natürlich mangelt es bei dieſen alten Traditionen
nicht an den lächerlichſten Ungereimtheiten; findet man doch noch jetzt in vielen etwas entlegenen Ge⸗ genden Deutſchlands die ſinnloſeſten und oft ſogar ſchädlichſten Gebräuche, welche entweder dazu dienen, mit Kräutern einen geheimnißvollen Hokuspokus zu treiben, oder ihnen ihre angeblich geheimnißvollen Künſte zum Beſten oder Schaden der Mitmenſchen zu entlocken.
Höchſt intereſſant ſind viele verloren gegangene Volksſitten, die früher an unſern Jahresfeſten geübt wurden.
Pfingſten brachte ein eigenes Feſt, und zwar das des Waſſervogels, welches ſehr verbreitet war und ebenfalls aus ſehr grauen Tagen herſtammt. Das
Ende deſſelben iſt, daß irgend Einer in das Waſſer geworfen wird, in welchem er ſich zum Vergnügen Aller ſo lange abmüht, bis es ihm gelingt, wieder das Ufer zu erreichen. In Baiern wurde derjenige Knecht, der am Pfingſtmontag am ſpäteſten austrieb, von den übrigen Burſchen ergriffen und in den Wald geführt, wo ſie ihn ganz in grüne Zweige einhüllten, auf ein Pferd ſetzten und mit ihm in Begleitung der ganzen Dorfſchaft zu dem nächſten Teiche ritten, wo ſie ihn vom Roß herab— feierlichſt in's Waſſer warfen. Denis erzählt, daß auch in Oeſterreich die Dorfjungen einen aus ihrer Mitte als Pfingſtkönig mit grünen Zweigen bekleideten, ihm das Angeſicht ſchwärzten, und ihn in den Bach warfen. In neuerer Zeit ſcheint dieſer Gebrauch viele Stunden weit um Wien gänzlich verſchwunden zu ſein. Zu Wöſſingen in Schwaben wurde aber der Pfingſtzug mit beſonderer Feierlichkeit abgehalten und ſieben Burſchen hielten dabei ein Wettreiten, bei welchem Preiſe ausgetheilt und zugleich beſtimmt wurde, wer den Waſſervogel vorſtellen gmüſſe. Der erſte Reiter, der an's Ziel kam, erhielt einen mit Bändern geſchmückten Baum, der zweite ein Schwert, der dritte einen Geldbeutel, der vierte einen Eierkorb, der fünfte einen Schmalz⸗ tiegel, der ſechſte aber ging leer aus und mußte Waſ⸗ ſervogel ſein, und der ſiebente, als der ſchlechteſte Reiter, war der Knecht des Waſſervogels und mußte deſſen Pferd führen. Es mochte bei dieſem Ritt gar manche komiſche Scene vorfallen, beſonders zwiſchen
den beiden letzten Reitern, von denen natürlich keiner
Waſſervogel werden wollte, weil jeder das unfreiwillige Bad und das Ausgelachtwerden ſcheute.
Was die ehemalige Bedeutung dieſes Bades ſein dürfte, iſt wohl nicht mehr genau zu beſtimmen, doch mochte es zum alten Waſſercultus gehört und als eine Art Opfer oder Weihe gegolten haben, die man der Gottheit des Regens darbrachte. Vielleicht ſollte aber der Waſſervogel, der ſtets mit Laub verhüllt und deſſen Geſicht durch Schwärzen unkenntlich gemacht war, einen„wilden Mann“(Waldmann, Walddämon) vorſtellen, den man, um ſeiner los zu werden, in das Waſſer warf. Solche wilde Männer, mit einem ent⸗ wurzelten Baum in der Hand, und mit dem Laub⸗ gürtel um die Lenden, findet man auch in Wappen und als Schildhalter. In neuerer Zeit wurde das Ganze nichts weiter als ein Schwank, bei welchem man ſeinem Muthwillen an irgend einem Mißliebigen freien Lauf ließ, der der Gewalt der Menge nicht widerſtehen konnte und am beſten that, gute Miene zum böſen Spiele zu machen. Da man an manchen Orten den faulſten Knecht dazu beſtimmte, ſowie man beim Heimtragen des Graſes die trägſte Dirne mit
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