762 Novellen
ſchritt macht, ſo muß man zugeſtehen, daß es gerade dieſem Autor mehr als den meiſten andern geſtattet ſein darf, durch ein weniger gelungenes Werk ſein literariſches Streben gewiſſermaßen auszugleichen, denn „ungleich und wandelbar ſchreiten die Erfolge der Kunſt dahin.“
Von allen Perſonen, welche in den beiden erſten Bänden der„verlornen Handſchrift“ vorgeführt wer⸗
den, nimmt allerdings nicht eine einzige unſern poe⸗
tiſchen Antheil voll und ganz, Geiſt und Seele be⸗ wegend, in Anſpruch. Die meiſten Figuren ſind un⸗ bedeutend, hahen kein ſympathiſches Element und ſind ſogar aus einem Zeitmaterial erſchaffen, welches zum Theil ſchon eine Strecke weit hinter uns liegt und nicht mehr den friſchen Athem der lebendigen Gegen⸗ wart ausſtrömt. welt keineswegs mit ſchwungvoller wiſſenſchaftlicher Bildungskraft in das große Weltganze culturfördernd
hinübergreift, ſondern mit einem Anſtrich von philiſter⸗
hafter Reflexion und pedantiſcher Sammlergelehrſam⸗ keit zu ſehr am grünen Tiſch feſtgebannt iſt, vermiſ⸗
ſen wir im Bürgerthum die echte geſunde, unverwüſt⸗
liche Volkskraft deutſcher Tüchtigkeit und zukunfts⸗ ſchaffender Arbeitsluſt. Dagegen iſt der bedauerliche Spießbürgerſinn mit liebevoller Genrebildlichkeit ausge⸗ malt und würde vielleicht manchen Leſern für den eben angedeuteten Mangel einen Erſatz bieten, wenn der Hu⸗
mor dieſer Kleinſtädterſcenen mehr naturwüchſige Leich⸗
tigkeit, mehr Grazie innerhalb derber Geſundheit und Ideenfülle hätte. Kleine, fein und ſpitz zurechtgelegte Amuſements, nette Späßchen und treffende Bemer⸗ kungen erſtarren hier und da in einer todten Orna⸗ mentik, die ſich von den Lebenslinien des Ganzen als mühſam fleißiger Zuſatz ablöſt. Der Witz darin iſt gedämpft durch die Abſichtlichkeit eines journa⸗ liſtiſchen Elements, und der Humor theilt mit dem poetiſchen Fonds der Dichtung das Schickſal, durch den faſt überall waltenden kritiſch überlegſamen Geiſt der Klugheit der magnetiſchen Wärme beraubt zu werden. Es iſt viel Licht, viel ſprühende Lebendig⸗ keit, viel Temperament in dieſer Dichtung, aber keine Gluth, kein großer Lebensſtrom, keine Leidenſchaft. Zu welchen Steigerungen der dritte Band die Charaktere vielleicht führen wird, läßt ſich nicht ver⸗ muthen, und über die Compoſition kann man nur ſagen, daß ſie bis jetzt etwas Epiſodenhaftes hat. Doch eben ſo auffällig, als wir dieſe Mängel
wahrnehmen, treten ganz eminente Forcen und Vor⸗
züge dieſer hochſt liebevollen Arbeit in's Licht. Ein Profeſſor ſucht mit einem jungen D
im freundſchaftlichen Bunde in dem alten Bau eines zu einem Gute umgewandelten Kloſters ein aee
Während die geſchilderte Gelehrten⸗
Doctor
„Zeitung.
gegangenes Pergament des Tacitus und findet, in ſeinen gelehrten Erwartungen getäuſcht, ſtatt deſſen einen andern Schatz, nämlich in der Tochter des Landwirthes eine Braut und ſeine Gattin. Der Be⸗ ſuch und Aufenthalt der beiden Gelehrten auf dieſem Gute, die Familie des Oekonomen, deſſen Tochter Ilſe und die Entwickelung gegenſeitiger Neigung zwiſchen ihr und dem Profeſſor,— dieſe herrlichen Epiſoden ſind mit einer Natürlichkeit und durchſich⸗ tigen realiſtiſchen Klarheit geſchildert, daß ſie dem Beſten deutſcher Literatur in dieſem Genre würdig zur Seite ſtehen. In der Zeichnung Ilſe's, die aller⸗ dings ſpäter höchſt unerfreulich in den Hintergrund tritt, herrſcht eine Innigkeit, Geſundheit und pſycho⸗ logiſche Feinheit der Poeſie, wie ſie in„Soll und Haben“ in keiner Weiſe ſtattfindet. An dieſer Stelle des Werkes ſind Freytag, der ſich hier wahrhaft als Dichter bewährt hat, auch humoriſtiſche Züge ſehr wohlgelungen.
Was aber dem ganzen Werke Werth und monu⸗ mentale Haltung ſichert, das Schöne darin ſchöner und das weniger Gelungene noch immer hoͤchſt tüchtig und genießbar erſcheinen läßt, iſt die formelle Voll— endung, welche der fleißige geſchmacksgeübte Autor durch angeſpannte Arbeitskraft, durch ſorgſame Feile
verſtand.
Und noch Eins möchte ich hervorheben. Eine Hauptkraft dieſes Romans beſteht in ſeiner geringen Zahl von Perſonen. Perſonenreichthum, dieſe moderne von Alex. Dumas, Victor Hugo, Eugen Sue einge⸗ führte Manierirtheit, die wir in Deutſchland leider adoptirt haben, iſt nie eine ſtarke, ſondern nur eine ſchwache Seite einer Dichtung. Nicht Ueberfluß an wahrer Productivität, ſondern das Gefühl von Un⸗ vermögen, das menſchliche Intereſſe durch einige Figuren vollkommen ausfüllen und befriedigen zu können, treibt die Verfaſſer zu dem Verſuch, durch eine große Anzahl von Geſtalten den Leſer zu blenden. Auch wird es ihnen dadurch leichter, die Handlung zu bewegen, denn es gelingt keinem autodidaktiſchen Dilettanten, ſondern nur einem wirklichen Meiſter, in einer einfachen Compoſition aus wenigen Cha⸗ rakteren die Handlung geſchloſſen und natürlich mo⸗ tivirt zu eutwickeln. In einem ſolchen engen Kreis da ſich aber der Leſer wohl und vertraut, während V
ihm im Roman eine große geſellſchaftliche Verſamm⸗ lung gleich einer ſolchen im wirklichen Leben Herz und Gemüth leer bleiben läßt.
Sollte es nun auch Freytag nicht geglückt ſein, eine derartige Wärme der Theilnahme beim Genuſſe ſeiner Dichtung hervorzuzaubern, ſo iſt doch der von
dem künſtleriſchen Styl ſeiner Compoſition zu geben
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Saalfeld, ſchiedenen Varia als angenehmen Reminiscen zeurie inen Doppela geſtehn, dh die ſind, vont einer runden. Der and bei aller A ſlotten Burſchen tter einer Brill Welt hinaus ſeh gewiſſen Grade verdumpftes Blu friſchen echk ger⸗ oll, dabei will ohl u Muhe Ale Elemente de neuen Culturperi den, wie ſein gro
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