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Vierle Folge.
Verehrer beiderlei Geſchlechts, und reich gewordene Empor⸗ kömmlinge, die das Schickſal des Kaiſers theilten, ließen eine Flaſche nach der andern aus der Unterwelt des mit Menſchen und Weinen angefüllten Tunnels emporkommen. Elegante Roués mit kriegeriſchen Bärten, die aber die Redouten noch niemals auf dem Schlachtfeld kennen gelernt hatten, zeigten die innige Allianz zwiſchen Bacchus und Venus, bewahrten in allen Verſuchungen ihre Kraft, litten keinen Schiffbruch und zerſtörten das demokratiſche Vorurtheil, als wäre ihre Claſſe dem„Flottenweſen“ entſchieden abgeneigt. Ja es iſt ein Privilegium des Menſchen, wie ſchon Beaumarchais ſagt, worin kein Thier mit ihm wetteifern kann, über den Durſt zu trinken.
Aber der Wein giebt nicht nur den Köpfen, ſondern auch den Füßen leichtere Schwingen. Der Tanz beginnt wieder und dem Bacchus folgen die Bacchanten. Die feſt⸗ liche Freude nahm jetzt, wo die Muſik fehlte, einen noch be— wegteren Charakter an, und die weitſchallende Muſik konnte kaum mit den Füßen gleichen Schritt halten. Selbſt ſtrenge Ballmütter, die Secundogenituren aufweiſen können, machten im Schweiße ihres Angeſichtes kunſtgerechte Pendelſchwingun⸗ gen. Erſt gegen Morgen leerten ſich allmählich die glänzen⸗ den Räume, und der brauſende Straßenlärm kreiſchender Neujahrgratulanten verſetzte uns wieder in die disharmoni⸗ ſche Wirklichkeit. Mögen dieſe Wünſche ſtrömender Volks⸗ rnaſſen:„ein glückliches Jahr!“ auch wirklich in Erfüllung gehen, möge namentlich die kritiſche„Münzſtraße“ im drei⸗ zehnten, im kritiſchen Jahre unſerer Verfaſſung auch wirklich geebnet werden. Dann wird der Schauplatz unſeres politi⸗ ſchen Lebens ein ruhm⸗ und ſiegreiches Victoria⸗Theater wer⸗ den, in dem zwei gleichberechtigte Factoren und Bühnen zu gemeinſamem Glanze für immer verbunden ſind. 6.
Pas de Quatre im Jahr 1845.
Lumley's Reminiscences of the Opera, die kürzlich in
London erſchienen ſind, entnehmen wir noch Folgendes:
„Mit ſolchen mir zu Gebote ſtehenden Materialien, wie die vier berühmten danseuses, Taglioni, Carlotta Griſi, Cerito und Lucille Grahn, erwachte in mir der Ehrgeiz, ſie in einem ausgezeichneten Divertiſſement zu vereinigen. Aber Ehrgeiz, obgleich von dem Willen des Unternehmers unter⸗ ſrützt, genügte kaum, um einen ſo kühnen Plan zur Ausfüh⸗ rung zu bringen. Niemand konnte beſſer als ich ſelbſt die Schwierigkeiten ermeſſen, die ich zu bekämpfen haben würde. Die Regierung eines großen Staates war im Vergleich zu der Regierung ſolcher Unterthanen wie diejenigen, von denen ich vermuthete im Stande zu ſein ihnen zu befehlen, nur eine Kleinigkeit; denn dieſe waren Unterthanen, welche ſich weit erhaben über jede moraliſche Controlle hielten, oder um nich beſtimmter auszuſprechen, jede von ihnen war eine ge⸗ borne, einzige, abſolute, hohe Königin! Während der voraus⸗ gegangenen Saiſon waren in der That ſehr große Anſtren⸗ gungen gemacht worden, um zwei Königinnen in Brentford auf einen Thron zu ſetzen. Aber vier Königinnen mit ganz
gleichen Rechten auf dem Balletthrone eines ſolchen Staates V
aaſcheinen zu laſſen, mag wohl als eine Unmöglichkeit be— trachtet worden ſein, die man ſich als einen leeren Traum, welcher der Verwirklichung unfähig ſei, aus dem Sinne „Unmöglichkeit“ war indeſſen ein Wort, das ich in dieſem Falle in mein Wörterbuch nicht aufnehmen wollte. Ich kannte die Gewalt des alten franzöſiſchen
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Spruches:„Si c'est possible, c'est déjà fait; si c'est im- possible, cela se fera.“ Das Unmögliche ſollte gethan werden— nein, es war ſchon gethan. Aber es gab Schwie⸗ rigkeiten, die ganz außerhalb der Berechnungen eines Unter⸗ nehmers lagen. Materielle Hinderniſſe waren leicht zu über⸗ wältigen. Als die Beſorgniß aufſtieg, Carlotta Griſi würde nicht im Stande ſein, Paris zu rechter Zeit zu verlaſſen, um bei der Probe und Aufführung zugegen zu ſein, wurde ein Dampfer der Steam Navigation Company gemiethet, um die Sylphe auf die erhaltene Anzeige ſofort über den Canal zu tragen; in Dover wurde ein Expreßzug beſtellt und bereit gehalten, und eben ſo warteten auf dem ganzen Wege von Paris bis Calais Relai⸗Pferde, um die Flucht der danseuse zu unterſtützen. Dieſe Vorbereitungen waren nicht die ein⸗ zigen Mittel, von denen bei dieſer ſchwierigen Gelegenheit Gebrauch gemacht wurde, wo jede mögliche Veranlaſſung zu einem Zuſammenſtoß vermieden werden mußte, der für das Gelingen des Planes augenblicklich unheilvoll werden konnte; Takt, Temperament und jedes Erforderniß der diplomatiſchen Kunſt wurden bis aufs Aeußerſte benutzt. In der Ausfüh⸗ rung des Planes waren die Schwierigkeiten auch wieder mannigfaltig. Auch die kleinſten Bewegungen jedes Fußes in allen Pas hatten in der Wagſchale genau abgewogen werden müſſen, um Keiner der vier Tänzerinnen ein Uebergewicht einzuräumen. Jede danseuse mußte in ihrem beſondern Styl und Grazie in dem höchſten Grade der Vollkommenheit erſcheinen, aber Keine durfte die Andern verdunkeln— we⸗ nigſtens nicht in ihrem individuellen Glauben. Zuletzt wurde das berühmte Pas de Quatre mit der ganzen Kunſt componirt, über die der berühmte Balletmeiſter Perrot zu gebieten vermochte. Möge Niemand die Größe eines ſo ſchwierigen Unternehmens unterſchätzen. Ein ſehr bekannter Diplomat theilte mir mit, als man bei der Krönung des Kaiſers von Oeſtreich als König der Lombardei in Mailand die Vorbereitungen für die Feierlichkeiten und Feſtlichkeiten bei dieſer Gelegenheit ſeinen Händen anvertraut, habe ihm die Feſtſtellung des Pas de Deux, das damals von Carlotta Griſi und der Cerito aufgeführt wurde, obgleich ſie Beide nur noch Neulinge auf der Bühne waren, hundertmal mehr Schwierigkeiten gemacht, als alle übrigen ſehr verwickelten Anordnungen des Feſtes. Endlich war Alles geordnet. Alle waren befriedigt; die Probe des Pas de Quatre war vor⸗ über, die Aufführung desſelben war angekündigt. Der Morgen des Tags, an dem die Vorſtellung ſtattfinden ſollte, war an⸗ gekommen, und man erwartete keine weitern Hinderniſſe mehr. Plötzlich ſtürzte der arme Perrot ganz unangemeldet und in der größten Verzweiflung in mein Zimmer, wo ich eben mit Rechtsgelehrten wegen der letzen Anordnungen in Bezug auf den Ankauf des Opernhauſes von meiner Seite in tiefen Berathungen begriffen war. Ohne die mindeſte Rückſicht auf die ernſte Verſammlung ſtieß er wahnſinnige Ausrufe aus, riß ſich ſein Haar aus und zuletzt fand er ſoviel Athem, um ſagen zu können, Alles ſei vorbei— das Pas de Qua⸗ tre ſei auf die Erde gefallen und könne nie gegeben werden. Nur mit großer Schwierigkeit gelang es, den armen Ballet⸗ meiſter ſo weit zu beruhigen, daß er im Stande war, die Ur⸗ ſache ſeiner Angſt mitzutheilen. Die Angelegenheit des An⸗ kaufes des Opernhauſes wurde auf einige Minuten bei Seite gelaſſen, und nun kam es zu folgender Erklärung. Als Alles fertig war, hatte ich den Balletmeiſter gebeten, die Ord⸗ nung feſtzuſetzen, in welcher eine Jede der danseuses allein dem Publicum ihre Pas vortragen ſollte. Die Chrenſtelle, in ſolchen Fällen die letzte, wie in königlichen Proceſſionen,


