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weiden, erlaubte, überzuckerte und verbotene Früchte genießen,
während der Unglückliche in dem Labyrinth der vereinigten Podien umherirrt und den Faden der Ariadne und die Ruhe ſeines Herzens verloren hat. Und wirklich war ein Don Juan vorhanden, dem wir, nach ſeinem Coſtüm zu ſchließen, tauſend und drei ſolcher Streiche zutrauen, aber er hatte ſein Barett nur mit fremden Federn geſchmückt und ſchon ſein ſpi⸗
Werther nicht übel nehmen, wenn er ſchwört:„daß ſein
Novellen⸗Zeitung.
Jahresſtunde mit anſieht, der kann es dem ſchwärmeriſchen
Mädchen nie mit einem Andern walzen ſolle.“ Il n'y a que le premier pas qui coũte! Die Kreiſe für die Promeniren⸗
den werden immer kleiner und verlockender, und contempla⸗
ralförmiges Podium zeigte, daß er nur wenig über die engen
Grenzen der Münzſtraße hinausgekommen, und von Spanien vielleicht weiter nichts kennt, als den bittern Trank, der auch jenſeits der Pyrenäen zu haben iſt. Ja, wir ſind zu ſehr po⸗ lizeilich geſchult und in Convenienzen aufgewachſen, um uns mit Leichtigkeit auf den Wellen des Frohſinns ſchaukeln zu können; im Gegenſatz zum heiteren Süden tragen wir immer eine Standesmaske und ſind der Carnevalslaune nicht fähig. Rouſſeau hat die Verſchiedenheit der Volkscharaktere am prägnanteſten ausgeſprochen, und wir müſſen ihm beipflichten. Das erſte Wort des Südens war aimez-moi! das erſte des Nordens aidez-moi! Wie ugglücklich ſteht jener Jüngling da, der einem vornehmen Cavalier eine Extratour mit ſeiner jugendlichen Schönen, einer zarten Roſenknospe, bewilligt hat, und nun plötzlich den Cavalier mit der Roſe verſchwinden ſieht! Anſtatt ſein Recht zu fordern, was ihm die nordiſche, angeborne Feſſel des Standesunterſchiedes nicht geſtattet, oder ſich mit einer Andern zu tröſten, wurde er ganz trübſelig, ſchmachtend und melancholiſch, und gleich der zer⸗ floſſenen Butter, die er am Tage muthmaßlich ſtückweiſe ver⸗ kauft. Der berühmte Koch Vatel tödtete ſich, weil der See⸗ fiſch nicht ankam; wer weiß, was der deutſche Jüngling thut, wenn der Backfiſch nicht wieder kommt! In domino mori, im Domino vor Sehnſucht ſterben, wäre eine neue Art aus der Welt zu gehen. Zwei verhüllte Damen, die eben an uns vorübergehen, ſcheinen, nach ihren dunkeln Bußgewän⸗ dern zu ſchließen, ſolche Todesgedanken zu haben, aber ihr Geſpräch, ihre zweideutige Grammatik und ihr kecker Blick belehren uns, daß ſie jener Claſſe aufdringlicher Mehrheits⸗ geſchöpfe angehören, die ſich oft im budgetloſen Zuſtande be— finden, und mit ihrer glänzenden Toilette den Grundſatz il⸗ luſtriren: le pavillon couvre la marchandise. Sind dieſe Perlen echt, an denen die eine wie an einem Roſenkranze zählt, ob auch keine abhanden gekommen, dann bedeuten ſie Thränen, wenn auch nicht der Beſitzerin, ſondern des galan⸗ ten Verehrers, der jedenfalls betrogen iſt. Doch es iſt keine Zeit zu moraliſchen Betrachtungen, überdies iſt das ſchöne Geſchlecht ſelbſt in den Augen der Frommen immer ſchuld⸗ los. Die Bibel ſagt:„Wir ſind allzumal Sünder,“ von den Sünderinnen iſt keine Rede. Wie graziös haben ſich jene Prieſterinnen der Muſen um den Weihnachtsbaum gruppirt, aber ſie ſind von einem Dorngeflecht von Herren umgeben, ſodaß kein Unberufener ſich der ſüßen Frucht nähern kann. Keine Roſe ohne Dornen!
Je mehr die mitternächtliche Stunde des Soupers ſich nähert, deſto zahlreicher werden die tanzenden Kreiſe, deſto rauſchender die Muſik. Selbſt jene reizende Polin, die bis⸗ her am Arm ihres Verehrers mit einer dauernden Polonaiſe ſich begnügte, kann den Tönen nicht widerſtehen, und zeigte ihre nationale Kunſt, die ſelbſt mit den Augen einen Fackel⸗ tanz aufzuführen weiß, gegen deſſen verheerende Gluthen keine Verſicherungsanſtalt uns helfen kann. Die Deutſchen haben wegen ihrer Kaltblütigkeit das Vorrecht, ihre Tänzerin eng zu umfaſſen, während das lodernde Feuer des Spaniers und Italieners ihm nur geſtattet, ſeine Kunſt par distance zu entfalten. Wer einen deutſchen Walzer in der letzten
tive Cavaliere, von der Anhänglichkeit rauſchender Crinolines elektriſirt, wandeln wie in den hängenden Gärten der Semi⸗ ramis. Schon ſenden die Fractionsſitzungen vom Leipziger⸗ und Dönhofsplatz ihre Vorboten. Wir bemerken einige ſchwerfällige Greiſe, die ſchon jetzt beim Empfange von zehn Millionen unter der Laſt der künftigen Grundſteuer ſeufzen, und jugendliche Zukunftsminiſter, die mit einem Federſtrich das Abgeordnetenhaus vernichten. Der Erbauer des Victo⸗ ria⸗Theaters verſtand es, weit beſſer als unſere Politiker, zwei Häuſer in wenigen Stunden unter einen Hut zu brin⸗ gen. Ein denkendes Mitglied des Centrums in einem grauen Domino meinte zwar, daß dieſe rückſichtsloſe Art keine Nach⸗ ahmung verdiene und eines Volkes von Denkern und Dich⸗ tern nicht würdig ſei, aber wir erwidern ihm, daß ſchon Ho⸗ mer erzählt, wie Neſtor in ſeiner Schlachtordnung immer die Furchtſamen in die Mitte geſtellt habe, und daß die Furcht eines Militärſtaates nicht würdig ſei, der nur ſchwarz und weiß, und nicht das blaſſe Grau in ſeinem leuchtenden, ju⸗ gendlichen Banner habe. Und bei dieſem Zwiegeſpräch ſtand in unſerer Nähe ein Zeitgenoſſe des großen Königs, der hier im Coſtüm des vorigen Jahrhunderts erſchienen war. Und der Mann aus der Zeit des väterlichen Abſolutismus klappte heftig ſeine Doſe zu, nickte beifällig mit dem Kopfe und ſchwang den Rohrſtock, als wir ihm den Namen eines biede⸗ ren und verlaſſenen Bruderſtammes nannten. Ja es ſchien uns, als ob der große König ſelbſt, der Philoſoph pon Sans⸗ ſouci, aus der Verſenkung heraufgeſtiegen wäre. Er, der in einigen Tagen ſein Wiegenfeſt feiern wird, überſchaute die Reifröcke der Damen und glaubte, daß ſeine Zeit wiederge⸗ kommen ſei. Möge ſein Glaube eine Wahrheit werden, und Friedrich nicht mehr„Der Einzige“ bleiben! In einer Zeit der Reifröcke, der langen Schleppen und der Zöpfe verſtand es doch der große Monarch, kurz angebunden zu ſein!
Jetzt iſt es Mitternacht und die Demaskirung iſt geſtat⸗ tet. Die Tanz⸗Präſidenten rufen wie in Kabale und Liebe: „Herunter mit der Larve, das Gaukelſpiel iſt zu Ende!“ Wir entdecken viele Naſen noch größer, als dierfalſchen, die ihre Beſitzer ſich ſelbſt gedreht hatten. Ein Beherrſcher der Gläubigen aus fernen Landen, mit einem franzöſiſchen Groß⸗ Cordon auf der Bruſt, enthüllt ſich vor unſern Augen. Wohlgenährt ſcheint er wie ein Gott in Frankreich zu leben, und der Candidat irgend eines Thrones der Zukunft zu ſein. „Prenez garde,“ rufen wir ihm zu,„denken Sie, theurer Paſcha, an die Italieniſche Doppelbuchhaltung; N. B. heißt nicht blos Napoleon Bonaparte, ſondern auch nota bene.“ Aber unſere Worte werden überhört, und dem Paſcha folgt ein Schweif von Damen, von jung⸗ und altliberalen Schö⸗ nen, die ſich nicht blos mit moraliſchen Eroberungen begnü⸗ gen. Praktiſche Leute, die jede Pauſe ausfüllen wollen, und zwiſchen einem Louis und einem Napoleon die genaueſte Coursdifferenz wiſſen, ſtürzen ſie in die Reſtaurationsſäle, während die jeunesse dorée die reſervirten Zimmer in Be⸗ ſchlag nimmt. Leider war auf dieſen Stationen der Raum ſo beſchränkt, daß die Nachfrage nach Plätzen wohl größer war als das Angebot. Um das herzliche Einvernehmen zwi⸗ ſchen Preußen und Frankreich, das der Kaiſer der Franzoſen in ſeiner letzten Thronrede ſtark betont hatte, noch beſſer zu conſtatiren, fand hier das Gewächs der Champagne lebhafte
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