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Novellen
derſelben Zeit, wo nach der Julirevolution Ludwig Philipp den franzöſiſchen Thron beſtieg, trat Enfantin mit der Ver⸗
kündigung auf, der Saint⸗Simonismus ſei berufen, allen
moraliſchen Uebeln und phyſiſchen Leiden ein Ende zu machen. Kriege und Aufſtände, die Verbrechen des Ehrgeizes und ſocialer Gewaltſamkeit, die Verarmung der Menſchen und
die Herabwürdigung der Frauen, die traurigen Wirkungen
des menſchlichen Eigennutzes— das Alles ſollte verſchwinden. Der Welt wurde eine allgemeine Kirche und eine allgemeine
Bank in Ausſicht geſtellt, und Enfantin trat als der Prophet
der von Saint⸗Simon gegründeten Lehre auf. Daß ſolche Verheißungen in dem heißblütigen Paris
viele Perſonen elektriſiren konnten, iſt eine ganz natürliche
Erſcheinung, doch eben ſo natürlich iſt es, daß eine Geſell⸗ ſchaft nicht lange beſtehen konnte, welche die Familien- und
Verwandtſchaftsbande auflöſte, um nicht nur eine Nation, ſondern wo möglich die ganze Menſchheit in eine große Fa⸗
milie umzugeſtalten. An einem ſolchen Unternehmen ſind ſeit Plato alle ſocialen Reformer geſcheitert, und hätte Enfan⸗
tin die Erfahrung zu Rathe gezogen, ſo hätte er ſich ſagen
müſſen, daß er ein Utopien im Auge habe, das ſich nicht ver— wirklichen laſſe; er ließ ſich aber durch das ſchöne Ziel ver⸗ blenden, für deſſen Verwirklichung er alle ſeine Kräfte auf⸗ bot, und zu dieſem Zweck gründete er zunächſt eine Schule in
Ménilmontant, wo die theoretiſchen Lehren praktiſch zur An⸗ wendung gebracht wurden und die gewiſſermaßen die Mut⸗
terſchule ſein ſollte, welche allmählich ganz Frankreich zum Saint⸗Simonismus bekehren ſollte. Sein Unternehmen machte ein trauriges Fiasco. Was auf dem Papier ſo ver⸗ führeriſch ausgeſehen hatte, ſtellte ſich in Ménilmontant gar bald als unausführbar heraus. Zunächſt entſtanden unter ſeinen Gläubigen ſelbſt Unruhen, und im Jahr 1832 ſtellte die Regierung ihn und gleichzeitig Michel Chevalier, den jetzigen Senator und größten Nationalökonomen Frankreichs, unter der Anklage vor Gericht, daß der Saint⸗Simonismus Umſturztheorieen verbreite, die für den Staat und die ſocia⸗ len Beziehungen verderblich werden mußten; der Gerichtshof ſprach ſein Schuldig aus, und die Angeklagtef wurden zu einem Jahr Gefängniß verurtheilt. Das war das ſchnelle Ende des Saint⸗Simonismus, welcher ſich der Welt ſo pomp⸗
haft angekündigt hatte, die er gänzlich umzuſtalten entſchloſſen
war. Als Pere Enfantin— ſeine frühern Schüler und An⸗
hänger haben ihn bis zu ſeinem Tode fortwährend„Vater“
genannt— ſeine Gefängnißſtrafe beſtanden hatte, unternahm er eine Reiſe nach Aegypten, um dort die„freie Frau“ zu ſu⸗
chen, die mit ihm das Apoſtelamt theilen und an ſeiner Seite
als Päpſtin der neuen Lehre ſitzen ſollte. Sein Suchen war erfolglos, die freie Frau fand ſich nirgends.
weſenheit in Aegypten dazu, um die Landenge von Suez zu beſuchen und ſich an Ort und Stelle davon zu überzeugen, ob die von dem Graf Saint⸗Simon aufgeſtellte Idee, vermittelſt eines Durchſtichs der Landenge von Suez das rothe Meer mit dem mittelländiſchen zu verbinden, ausführbar ſei. Saint⸗ Simon's Idee und Enfantin's Reiſe nach Aegypten bilden die Grundlage des Plans, welcher jetzt durch den Herrn von Leſſeps ins Leben geführt wird und deſſen Gelingen dem Han⸗ delsverkehr zwiſchen Europa und dem ſüdlichen und öſtlichen Aſien große Erleichterungen in Ausſicht ſtellt. Nach ſeiner Rückkehr aus Aegypten übernahm Enfantin zuerſt eine Poſt⸗ meiſterſtelle und ſpäter wurde er Director und Geſchäfts⸗ führer der großen Eiſenbahn, welche von Paris über Lyon nach dem mittelländiſchen Meere führt, welchen Poſten er
„Zeitung.
Dagegen blieb dieſe Reiſe doch nicht ganz nutzlos, denn er benutzte ſeine An⸗
bis zu ſeinem Tode bekleidete. Dieſer Umſtand ſpricht dafür, daß aus dem frühern Phantaſten ein ſehr praktiſcher Mann geworden ſein muß, was ſich auch daraus ſchließen läßt, daß er ſeinem Sohne ein Vermögen von 375,000 Fr. hinterlaſ⸗ ſen hat. Daß er aber ſeinem frühern Glauben nicht ganz untreu geworden iſt, hat er durch ſeine Schrift„la Vie éternelle“ bewieſen, die er erſt in der neuern Zeit veröffent⸗ licht hat, in welcher ſich der Enthuſiasmus und der Lyrismus der erſten Tage des Saint-Simonismus in ihrer ganzen Wärme ausſprechen. Dieſelbe iſt das Werk eines Dichters und eines Gläubigen und zugleich einer exaltirten Einbil⸗ dungskraft, die ſich ſelbſt für Offenbarung hält. Zugleich iſt ſie aber auch ein ſtarkes Zeichen der Dauer der erſten Idee dieſes einſichtsvollen Mannes, den die Intereſſen der Induſtrie, der er ſich gewidmet hatte, und die Sorgen des materiellen Lebens von den Problemen der Seele und der Ewigkeit nicht ganz hatten losreißen können.
Es bleibt uns jetzt noch übrig, Einiges über den Saint⸗ Simonismus und deſſen Wirkungen mitzutheilen. Der Saint⸗Simonismus, in dem die Irrthümer des Voltairianis⸗ mus und des Socialismus Hand in Hand gingen, war je⸗ denfalls eine der großartigſten Verirrungen der neuern Zeit. Er verſuchte eine vollſtändige Revolution vom politiſchen, moraliſchen und religiöſen Geſichtspunkte zu bewirken. In politiſcher Hinſicht ſprach er ſich für das Princip der entſchie⸗ denſten Dictatur aus, die ſich nur denken läßt, denn er machte das unumſchränkte Oberhaupt zum lebenden Geſetz, das über die collective und individuelle Thätigkeit zu beſtimmen und die ſocialen Functionen in allen Graden und unter allen For⸗ men zu ertheilen hatte. Im Betreff der Moral predigte er die Rehabilitation des Fleiſches und den Epicuräismus; rückſichtlich der Religion kehrte er ganz zum Pantheismus zu⸗ rück und paarte damit unter wunderlichen Formen eine neue Auffaſſung der indiſchen Seelenwanderung. Der Saint⸗ Simonismus hatte nichts, was ihm eigenthümlich gehörte, ſondern er hatte nur die Utopien früherer Denker mit ein⸗ ander verbunden und ihnen ein neues ſeltſames Gewand um⸗ gehangen. Graf Saint⸗Simon war Pantheiſt, Epicuräer und Socialiſt und in dem Allen war er nur Nachahmer frühe⸗ (rer Männer. Bei allen ſeinen Verirrungen iſt aber der Saint⸗Simonismus dennoch für die Menſchheit nicht nutzlos V geweſen, im Gegentheil hat er manches Gute gewirkt, und
manche Erſcheinungen in unſerem ſocialen Leben, die uns jetzt gar oft beſchäftigen, ſind eine indirecte Folge desſelben. Der Saint⸗Simonismus beſchäftigte ſich nämlich neben ſeinen ſpe⸗ culativen Träumereien mit allen Fragen, welche ſich an die Organiſation der Arbeit, der Production und des Credits mit Hülfe der Aſſociation der Arme und der Capitalien knü⸗ pfen; er rieth zur Anlage von Straßen und Canälen, weil er in dem Austauſch der Erzeugniſſe zwiſchen den verſchiedenen Ländern ein Mittel erblickte, um zu einer Einheit des menſch⸗ lichen Geſchlechts zu gelangen, und er darf das Verdienſt und
die Ehre für ſich in Anſpruch nehmen, die Aufmerkſamkeit praktiſcher Männer auf alle die großen Intereſſen der allge⸗ meinen Civiliſation gelenkt und eine Bewegung der Geiſter erweckt zu haben, welche noch jetzt fortdauert und die Aſſoci⸗ ationen ins Leben geführt hat, die im Verkehrsleben und in den ſocialen Beziehungen einen völligen Umſchwung erzeugt haben, deſſen großartige Folgen wir vor Augen ſehen und deren Wichtigkeit ſich gar nicht berechnen und in Zahlen aus⸗
drücken läßt. Die hervorragendſten Anhänger des Saint⸗
(Simonismus in Frankreich hatten ihre Einſicht durch das Studium der ſocialen Ockonomie ſo gereift, daß ſie, als ſie
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