612 Novellen⸗ die Arme entgegenzuſtrecken, deſſen Anblick die ge⸗ brochenen Augen ſuchten.
Oskar beugte ſich zu ihm hernieder mit innigem Kuſſe die bleichen Lippen berührend, die den Druck erwidernd ſich noch einmal regten— dann ein leiſes Stöhnen, ein Strecken der Glieder, und Baron Felix war eine Leiche.
Mit thränenſchwerem Blicke drückte Oskar ihm die Augen zu...
Der Arzt ſtand ſchweigend in der Nähe und be⸗ trachtete mit trübem Blick das ſchöne Opfer, welches ſeine Kunſt nicht zu retten vermocht hatte— die alte Amme war neben dem Sterbelager auf die Kniee ge⸗ ſunken und ſchluchzte laut über die erkaltende Hand des theuren Lieblings gebeugt, der vor kaum fünfund⸗ zwanzig Jahren an ihrer Bruſt den Quell des Lebens gefunden hatte.
So glich das kleine Sterbezimmer einem Heilig— thum und kein profanes Geräuſch wurde in dem Raume laut, in welchem eben der fürchterliche Schnit⸗ ter ſeine Ernte gehalten hatte.
Aber nicht lange dauerte dieſe Stille des Todes. Kaum eine Viertelſtunde mochte vergangen ſein, nach dem von Felix' Lippen der letzte Seufzer entflohen war, da wurden Schritte und Stimmen draußen laut und ein gebieteriſches Klopfen an der Thür des Gartenhauſes ſchreckte die Trauernden aus ihrer Ruhe empor.
Gleich darauf wurde das Klopfen noch heftiger wiederholt, und der Arzt beeilte ſich zu öffnen.
Ein franzöſiſcher Officier trat in das Zimmer, zwei andere folgten ihm, und draußen wurde eine Anzahl Soldaten ſichtbar, welche das Haus und die Thür beſetzten.
„Sie ſuchen den Baron Felix, mein Herr,“ redete der Arzt den vornehmſten der Officiere an,„aber Sie kommen zu ſpät, mein Herr, der Baron iſt jeder irdiſchen Rache entflohen. Gott gebe ſeiner Seele den Frieden!“
Der Officier warf einen Blick auf die Leiche, wie um ſich zu überzeugen, daß es eine ſolche ſei— dann lüftete er den Hut und ſprach wie der Arzt ein Wort des Friedens...
„Meine Herren, Ihre Namen?“ frug er dann den Arzt und den Grafen.
„Ich bin der Arzt des Verſtorbenen,“ erwiderte jener.
„Ich bin Graf Oskar von Palm, der Freund des Verſtorbenen,“ ſagte der Letztere. V
Bei dieſem Namen malte ſich Ueberraſchung in den Zügen des Franzoſen—„Sie ſind mein Gefan⸗
Zeitung.
gener, Herr Graf!“ ſagte er entſchieden und winkte ſeinen Leuten.
„Mit wem habe ich das Vergnügen zu verhan⸗ deln?“ frug Graf Oskar von dieſer Wendung unan⸗ genehm überraſcht.
„Sr. Majeſtät Oberſt Dumont, Herr Graf, er⸗ klärt Sie als Hehler eines Staatsverbrechers zu ſei⸗
nem Gefangenen.“
„Das iſt ein mir allerdings neues Syſtem, Herr
Oberſt,“ erwiderte der Graf ruhig,„den Freund am
Todtenbette des Freundes zu verhaften, weil er nicht hinging und denſelben an franzöſiſche Schergen ver⸗ rieth... ich ſtehe Ihnen zur Verfügung.“
„Und ich bitte Sid, verſchlimmern Sie nicht noch Ihre Schuld durch unbedachte Worte.“
„Die Sache iſt zum Schweigen faſt zu curios,
Herr Oberſt; ſeit wann verhaften denn und halten
franzöſiſche Beamte Gericht in der Reſidenzſtadt des Königs von Preußen, welcher allein mein Herr iſt?“
„Seitdem das Sr. Majeſtät dem Kaiſer der Franzoſen ſo beliebt, deſſen Willen Ihr König ſo wohl reſpectirt, wie Sie es jetzt thun werden, Herr Graf. Ich bitte, keine unnützen Worte mehr.“
„Doch noch eine Frage, Herr Oberſt, was ſoll mit mir geſchehen, wohin laſſen Sie mich führen?“
„Herr Graf, ich habe Gutes mit Ihnen vor und will nicht die Strenge des Geſetzes gegen Sie an⸗ wenden, welches gegen den Hehler des Verräthers, wie gegen dieſen ſelbſt, den Tod mittelſt Pulver und Blei beſtimmt. Ich werde Sie davor bewahren, der entſchuldigenden Umſtände wegen, und werde Sie unter die glorreichen Adler meines Kaiſers ſtellen. Allons, Ihr Jungen, fort, in einer Stunde, Herr Graf, tragen Sie die franzöſiſche Uniform.“
„Ha, ſchändlich, das iſt eine Niederträchtigkeit, und ich proteſtire als Unterthan des preußiſchen Mo⸗ narchen gegen jede Gewalt!“ rief der junge Mann außer ſich, vor deſſen Blicken ſich ein Abgrund öff⸗ nete,„ich verlange an die preußiſche Behörde abge⸗ liefert zu werden, der allein zuſteht Recht oder Strafe über mich auszuſprechen.“
„Weshalb denn ſolches unnützes Echauffement, Herr Graf? Die kaiſerlichen Behörden üben ſelber das Recht aus, wo ſie ſich befinden. Uebrigens rette ich Ihnen das Leben und überliefere Sie dem Ruhme, unter Napoleon's Siegesadlern kämpfen zu dürfen— und Sie danken mir nicht einmal dafür.— Vorwärts, ihr Jungen!“
Vergebens proteſtirte Graf Oskar weiter, der Oberſt winkte nur verächtlich mit der Hand, daß er ſchweigen möge. Von der Leiche des Freundes hin⸗
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