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interimiſtiſch verwalten müſſen. Ich war ihr allei⸗ niger Begleiter auf der Brunnenpromenade, da ſie noch immer erſt erſchien, wenn faſt alle Curgäſte ihre Trinkſtunde beendet hatten. Sie verließ nach der Abreiſe des Grafen ihre Wohnung und nahm Zim— mer im Curhauſe, wenige Thüren von den meinen entfernt. Ich wurde ihr Tiſchnachbar und beſuchte ſelbſt, um mich ganz unzertrennlich an ſie zu feſſeln, die Inhalationshalle.“
„Die Inhalationshalle? Dieſe finſtere, dunſtige Höhle? Das wird jedenfalls mein Urtheil mildern, denn es iſt ein klarer Beweis Deiner Unzurechnungs⸗ fähigkeit.“
„Du ſahſt nur hinein, Du warſt nie darin. Dieſes Dunkel, dieſe lautloſe Abgeſchiedenheit von der Welt, dies gleichförmige, plätſchernde Rieſeln des fallenden Waſſerſtrahls über den tönenden Stein,
dieſer berauſchende Dunſt— dies Alles vereinigt
erregt in hohem Grade die Nerven und macht ſie für das Nahgefühl geliebter Menſchen empfänglich. Dies wird aber zur wahren Pein, wenn gleichgültige Leute in dichtem Kreiſe um uns ſitzen und alſo keine Miene, keine Bewegung dies Toben in uns verrathen darf. Das Mißgeſchick traf mich bei den erſten Beſuchen der Halle, und mein einziger Troſt blieb, daß ich an dem zitternden Anſchmiegen Louiſens beim Nachhauſe⸗ führen erkannte, daß ſie vielleicht unbewußt in glei⸗ chem Maße litt; das war ein Troſt für mich ſo köſtlich und ſo quälend zugleich, wie ihn eben nur die Liebe bietet.“
„Du führteſt ſie nach Hauſe? Was ſagten denn die anderen Damen dieſes Dreihäuſerbades dazu?“
„Sie war ſo augenſcheinlich angegriffen, daß Jede und Jeder meinen ſüßen Dienſt als durch die Noth gebotene Pflicht anſah. O warum war der Weg nicht meilenweit! Ich fühle noch den Druck ihres weichen Arms! Ich fühle noch das Schwanken ihres leichten Schrittes, das mich durchzitterte! O Lieben, Lieben allein iſt der Himmel— außer der Liebe iſt Elend und Tod!“—
„Aber Du lebſt noch. Sagteſt Du ihr das Alles?“
„Die Kleinheit oder vielmehr die Kindheit des Bades machte ein ungeſtörtes Alleinſein und eine Er⸗ klärung geradezu zur Unmöglichkeit.“
-„Darauf baute ich.“
„Doch der Zufall iſt der Freund der Liebenden. Der dritte Abend nach Deiner Abreiſe führte mir eine Löſung zu. Kaum kam ich nämlich aus der Halle in mein Zimmer, als der Kellner erſchien und mir eine junge Dame meldete, die mich zu ſprechen wünſche. ⸗Ich empfange keinen Damenbeſuch!» ſagte
ich 9
Folge. 569
„Das war tugendhaft.“
„“Sie iſt aber ſehr ſchön,» ſagte der Kellner. Ich kannte in dieſer Stunde nur eine Schönheit, ſie, die ſich eben auf meinen Arm geſtützt, ſie, deren dunkle Augen die Pauſen zwiſchen den harten, wider⸗ ſtrebenden Worten des Dankes mit langen Liebes⸗ blicken, fragenden, ſchmachtenden, zweifelnden Liebes⸗ blicken gefüllt hatten. Wie natürlich war es alſo, daß ich rief: Und mag ſie ein Engel an Schönheit ſein, ich will ſie nicht ſehen!« Der Kellner ging ſo erſtaunt wie Du über meinen Stoicismus; aber bald erſchien er wieder mit einigen Schriftſtücken und einem kleinen zierlich gebundenen Buche. Es war ein Zeugniß Sr. Majeſtät, daß beiliegende Samm⸗ V lung von Gedichten, verfaßt von einem jungen, armen, invalidgewordenen Officier, ſein großes Intereſſe er⸗ regt habe; ein anderer beiliegender Brief ſagte, daß die Ueberbringerin, Frau v. N., die Gemahlin des jungen Officiers ſei. Ich ging daher heraus und bat die angebliche Frau von N. einzutreten, doch ſchnell bereute ich es, da es mir bei ihrem Anblick ſehr unwahrſcheinlich wurde, daß ſie den Namen mit Recht führe, jedenfalls entehrte ſie ihn. Um mich alſo ſchnell wieder von ihr zu befreien, behielt ich ein Exemplar, bezahlte es reichlich und verabſchiedete ſie. Doch dieſe Begegnung hatte mich verſtimmt und meine zarten Liebesträume geſtört. In meinem Miß⸗ behagen ſchlage ich das eben erſtandene Werk auf und leſe, o Wunder!:
Verräth mein blaſſes Angeſicht Dir nicht mein Liebeswehe?“
„Heine?“
„Ja wohl, Kinder von Geibel, Heine, Uhland, Rückert, Schiller, Goethe wohnten einträchtiglich bei⸗ ſammen unter dieſem goldgepreßten Deckel.“
„Die mögen den guten König freilich intereſſirt haben!— Aber welch unverſchämter Betrug! Mach⸗ teſt Du nicht Anzeige davon?“
„Ich? Sie kränken? Sie meine Wohlthäterin, meine Retterin aus aller Noth? Dieſen vom Himmel mir geſandten Engel?“
„Biſt Du toll? das ſchändliche Frauenzimmer—“
„Das ſchändliche Frauenzimmer legte ein Buch in meine Hand mit der ſchönſten gedruckten Liebes⸗ erklärung, die ganz vortrefflich jede mündliche erſetzte. Und ich ſollte ihr Schaden zufügen? Nein, ich pries mich glücklich als einen vom Geſchick Geſegneten, den ein höheres Weſen ſelbſt zum Glück leiten wolle. Ich küßte das Buch und eilte in den Speiſeſaal, aber es war noch zu früh; die kleine deutſche Ruſſin mit dem ſchnippiſchen Doſengeſichtchen ſchrie aus vollem Halſe mit geſunden Lungen:«Leb wohl, o Vaterſtadt,


