Jahrgang 
27-52 (1864)
Seite
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Die Mutter warf ſich zwiſchen Vater und Kind. ihre Angelegenheit kommen.

Mit einer Kraft, die ihr die Angſt verlieh, drängte ſie den Alten auf ſeinen Stuhl zurück und flehte ihn an, dem Mädchen ſeinen Willen zu laſſen. Aber der Vater wollte von keinem Nachgeben wiſſen.

Sag Ja, Du Unverſtand, oder ich weiß nicht was ich thue! ſchrie er der Tochter zu.

Da erhob ſich das Mädchen und trat vor den zornerglühenden Vater hin. Ihre Augen leuchteten und ihre ganze Geſtalt ſchien ſich geiſterhaft auszu⸗ dehnen.

Nein, mein Vater, ich will nicht Sünde und Schande auf Dein Haupt laden, ſagte ſie ruhig. Ich bin in Deiner Gewalt, aber ich werde eher ſter⸗ ben als Ja ſagen.

Da ſank der alte Mann in ſich zuſammen. Das Haupt fiel auf die Bruſt und die Arme hingen ſchlaff herunter.Wir ſind verloren! murmelte er. Die Tochter ſank auf ihre Kniee und umklammerte ſeine Füße; ſie wollte ihn auf Gottes Hülfe verweiſen, aber er drängte ſie von ſich. In dem Oberſtübchen ſaßen Mutter und Tochter in der Stille der Nacht. Haß, kein Groll wohnte in Roſel's Herzen, nur tie⸗ fes Mitleid mit ihrem armen Vater. Mit gefalteten Händen ſaß ſie am Fenſter und flehte, zu den Ster⸗ nen emporſchauend, den Herrn der Welt um Barm⸗ herzigkeit an. Als die Mutter endlich zu ihrem La ger ſchlich, ſagte ſie zu ihrem Gatten, der ſich unruhig herumwälzte:Die Roſel iſt die Beſte von uns allen, ſie iſt zu gut für dieſe Erde.

Der Morgen des Himmelfahrtstages war trübe, aber Roſel mußte hinaus in Gottes freie Natur. Es drängte ſie zu wandern und zu ſinnen, bis ſie Rath fände für ihre armen Eltern. Sie ließ ſich über den Fluß hinüberfahren und wandelte die Wieſen ihres Vaters entlang am Bache hinab, die Wieſen, die vielleicht bald einem Andern gehörten. Sie ſann und ſann und konnte Nichts finden. Als ſie einen Augen⸗ blick ſtehen blieb, ſah ſie den Paſtor aus dem Walde heraustreten. Der Krüppel ging neben ihm. Den Herrn Paſtor will ich fragen, dachte Roſel. Bürger kam auf ſie zu und redete ſie an:Denken Sie nur, Roſalie, geſtern bin ich freigeſprochen worden. Und das danke ich dem armen Wilhelm. Er hat im Kel⸗ ler der Schenke Herrn von Gordo's Brieftaſche ge⸗ funden und darin wunderliche Schrift. Da hat er die Taſche auf das Gericht getragen, und denken Sie, es fand ſich meine Predigt darin wörtlich ſtenogra⸗ phirt. Ich bin vollkommen gerechtfertigt.

Die Freude über die glückliche Löſung des Wirr⸗ warrs, die Beſtürzung andrerſeits über das plötzliche

Kein

Novellen⸗Zeitung.

Sie undRoſalie ließen das Mädchen nicht auf

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Ehe ſie ein Wort da⸗ von erwähnt hatte, hatte ſich Bürger verabſchiedet

und eilte zum Fluſſe hinab. Roſel ging durch den Wald, am Rothen Vorwerk

vorüber, und Walther's ſchöne Geſtalt ward lebendig

in ihrer Seele. Es war als müßte er ihr auf einem der Feldwege entgegenkommen, die vom Gute auslie⸗ fen. Sie ging weiter. Vor ihr tauchte der Kirch⸗ thurm des Amtsſtädtchens auf und verſchwand wieder, weil eine Anhöhe ihn verdeckte. Walther, Walther! Sie wünſchte ſehnlich, nur einmal ihren Kummer in ſeine Bruſt ſchütten zu können; er wußte ja vielleicht Hülfe. Und ſiehe! Als ſie ſo heftig rang nach ihrem Lieblinge, da erſchien ein Mann auf der Höhe des Weges, der glich ihm wie ein Ei dem andern. Und er war's, er erkannte ſie, er eilte auf ſie zu, er brei tete ſeine Arme aus, und ſie ſank an ſeine Bruſt. Es war ſo ſtill, ſo heimlich rings umher, und ein breiter Stein am Wege lud zum Sitzen ein.

Selbſt ein trüber Frühlingsmorgen iſt doch von einem wunderbaren Reize. Der Gedanke der Schö⸗ pfung geht von neuem auf in der Friſche und Lieb⸗ lichkeit des Paradieſes. Die feinen Pflanzen auf Wieſe und Feld, die ſchwellenden Knospen des Wal⸗ des perlen im Kinderſchmucke der Thautropfen dem Sonnenlichte entgegen, die Thiere, vom kleinſten bis zum größten, ſpielen und jauchzen in neugeborner Lebens⸗ und Liebesluſt. Und wenn der Menſch, der bewußtvoll genießende, in dieſer Zeit Erfüllung ſeiner Sehnſucht findet, ſo hat die Natur ihren ſchönſten Zweck erreicht.

Biſt Du's denn, Roſel? Iſt's denn wahr, daß ich Dich an meinem Herzen wiederfinde? Und darf ich Dich denn behalten? fragte Walther, das Mädchen von ſich drängend und ihr entzückt ins Auge ſehend.

Ich hätte nicht geglaubt, flüſterte Roſel,daß ich noch einmal im-Leben ſo glücklich werden würde. Ach, ich habe große Sorge um Dich gehabt.

Und Walther mußte erzählen. Er war von Neu⸗ bruch aus in's Amtsgefängniß gebracht worden, aber er war nur eine Nacht darin geblieben; ſchon am andern Tage hatte man ihn verhört. Der Richter und Barthel waren dageweſen und hatten ſich bei Himmel und Hölle verſchworen, daß er ein rother Republikaner und ein Landſtreicher von der ſchlimm⸗ ſten Sorte ſei. Darauf hatte er ſich ruhig verthei⸗ digt. Der Amtmann hatte Alles zu Protokoll neh⸗ men laſſen und ihn dann auf Handſchlag frei gegeben. Er würde ihn wieder beſtellen, hatte er ihm noch geſagt, aber nach Neubruch dürfe er bis auf Weiteres nicht gehen, das müſſe er ihm auf's Strengſte verbie⸗ ten. Walther hatte zu der ganzen Sache gelacht und

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