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gern könne oder nicht. Die Mittheilung kam Bür⸗ gern nicht wenig überraſchend, denn, mit ſeinen eig⸗ nen Angelegenheiten in der letzten Zeit allzuſehr be⸗ ſchäftigt, hatte er das Gerücht von Roſel's bevorſte⸗ hender Verlobung ganz überhört. Als er ſich von ſeinem Erſtaunen etwas erholt hatte, zögerte er nicht dem lieben Mädchen in ſeiner ſchlichten Weiſe einen beſtimmten Beſcheid zu geben. Sie habe durchaus nicht die Verpflichtung, den Eltern in dieſem Punkte nachzugeben, ja, es ſei ſogar Sünde, wenn ſie es thue. Denn die Eltern könnten wohl verbieten, einen gewiſſen Mann zu heirathen, es ſei wenigſtens billig, ihnen in dieſem Falle Folge zu leiſten; aber ſie könn⸗ ten ſie nimmermehr zwingen, irgend jemand zum Manne zu nehmen. Der Himmel würde ſie ſchwer dafür ſtrafen, wenn ſie es wagen wollten, das Lebens⸗ glück ihres Kindes zu verkaufen. Daher müſſe Roſel aus Liebe zu ihren Eltern deren Verlangen widerſte⸗ hen, damit ſie nicht ſchwere Schuld häufe auf das Haupt ihrer Lieben.
Die Wirkung dieſes Beſcheids auf Roſel war eine verklärende. Nun war ſie frei, es mochte kom— men was da wollte, und ſie fühlte deutlich, wie der Entſchluß des tapferſten Widerſtandes einwurzelte in ihre Seele. Strahlenden Auges ſchaute ſie zum Fen⸗ ſter hinaus in die Ferne, und ihre bleichen Wangen rötheten ſich zum erſten Male wieder. Paſtor Bür⸗ ger aber ward auffallend unruhig. Wie er ſich ſeine Welt überhaupt unabhängig von Rückſichten, ſeinen heiligſten Ueberzeugungen gemäß aufbauen wollte, ſo wollte er ſich auch ſein häusliches Leben ganz auf ſeine Weiſe geſtalten. Lange ſchon hatte er ſein Augen⸗ merk auf ſeine holde Schülerin gerichtet und in ihr jeden edlen Keim mit peinlicher Sorgfalt gepflegt, um ſein irdiſches Daſein von dieſer reinen Blüthe durchduften und durchleuchten zu laſſen. Aber der Wunſch, Roſel zu beſitzen, lag ſo ſehr von jungfräu⸗ licher Scham gehütet im innerſten Herzenswinkel ver⸗ borgen, daß er ihn bis jetzt auch nicht mit einem Blicke verrathen hatte. Jetzt ſchien ihm Roſel ent⸗ gegen zu kommen. Jetzt oder nie mußte ſich ſein Schickſal entſcheiden; wenigſtens wollte er horchen. Faſt zagend rückte er näher an ſie heran und fragte, ob ſie nicht ſelbſt ſchon an's Heirathen gedacht und — wen ſie— etwa— Da wandte ſich Roſel um, und ihr Blick ſtreifte über den Tiſch hin und fiel auf einen offnen Brief, der die Unterſchrift„Walther“ trug. Sie fuhr zuſammen. Paſtor Bürger wußte, wie es mit ihrem Lieblinge ſtand. Aber durfte ſie ihn fragen? Neugier und Scham rangen in ihrer Seele. Paſtor Bürger, der ihre Verlegenheit wohl bemerkte, kam ihr entgegen. Er fragte ſie, ob ſie
Novellen⸗Zeitung.
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Walthern kenne, und als ſie es hocherröthend bejahte“ theilte er ihr mit, daß Walther durchaus nicht ge⸗ fangen ſitze, daß er aber im Amtsſtädtchen wohne bei ſeiner Mutter, weil ihn der Voigt des Vorwerks, dem
bei dem Worte„Freiheit“ immer die Haare zu Berge Die Unterſu⸗ chung ſei indeß noch nicht beendet, vielmehr nehme ſie einen ſehr ernſten Charakter an, und es ſcheine, als
ſtiegen, in jäher Haſt entlaſſen habe.
ob das ganze Dorf hineingezogen werden ſollte. Herr von Oberhof, der Amtmann, ſei ein äußerſt gerechter aber ſtrenger Mann, der jetzt Gelegenheit nehme, die innern Verhältniſſe Neubruchs genauer zu unterſuchen. Er ſelbſt, der Paſtor, ſei wiederholt auf die Superinten⸗ dentur und auf das Amt beſtellt worden. Ein Theil ſeiner Predigt vom zweiten Feiertage ſei ihm wört⸗ lich vorgelegt worden, aber ſeltſam entſtellt; es müſſe ſie Jemand nachgeſchrieben und dann die Worte ver⸗ dreht haben. Dennoch hätten ſowohl er als der Ver⸗ walter in dem Amtmanne ſelbſt einen warmen Ver⸗ theidiger gefunden und es ſei Hoffnung vorhanden, daß Alles gut abgehen werde.
So waren denn Roſel's ernſteſte Beſorgniſſe ver⸗ ſcheucht. 3
„Iſt Herr Walther geſund?“ fragte ſie noch er⸗ röthend. 3
„Ganz geſund,“ ſagte der Paſtor.„Ach, wenn mein Freund Walther wüßte, wie zärtlich beſorgt Roſel um ihn iſt!“
„Er weiß es,“ lachte Roſel und verſchwand.
Bürger wußte nun auch Alles. Er ſah ſich plötz⸗ lich in einer eigenthümlichen Lage. Eine ſolche Ein⸗ ſamkeit und Verlaſſenheit kam über ihn, daß er ſich fremd däuchte in ſeinem Hauſe, in der Welt. Hatte er ſich nicht Jahre lang das Mädchen erzogen, damit ſie ihm gehörte? und nun war ſie ihm auf einmal entriſ⸗ ſen! Er ſetzte ſich an das Fenſter auf den Platz, den Roſel verlaſſen hatte. Da ſah ihn der Nachtwäch⸗ ter noch ſitzen, als er Mitternacht verkündete, regungs⸗ los, ſtarr wie ein Marmorbild in die Mondnacht hinausſchauend. Aber in dieſer Nacht hatte er ſich bezwungen. Am Morgen ging er heiter in ſeinem Garten auf und ab, dann wanderte er nach dem Amtsſtädtchen, um ſich zu vertheidigen.
Roſel's inneres Schickſal war nun entſchieden, aber nicht ihr äußeres. Nun erſt zogen ſich die ſchwer⸗ ſten Wolken über ihrem Haupte zuſammen. Acht Tage vor Himmelfahrt war Viehmarkt in einem be⸗ nachbarten Städtchen. Ihr Vater ging auch dahin, weniger um etwas zu kaufen oder zu verkaufen, als vielmehr um Bekannte zu treffen und ein Spielchen zu machen. Im Gaſthofe zum„Krug“ ging es hoch her. Da ſaßen die Bauern mit den Händlern an
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