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vierte Folge.
Ihnen folgten Kinder und Männer und Greiſe in langen Zügen, Alle in farbigen Gewändern, zu beiden Seiten aber gingen die Frauen, den Schleier über den Kopf gezogen und Lichter in den Händen. Zwiſchen durch liefen Buben, welche ihr Eiswaſſer und Zuckergebäck ausſchrien, ſie fanden reich⸗ lichen Abſatz. Man kaufte in der Proceſſion davon, bot den Bekannten an, unterhielt ſich, und nickte und rief Freun⸗ den zu, welche von Balkonen zuſahen. Endlich kam der koloſſale Silberheilige, an hundert Männer trugen daran. Hier, wo das dichteſte Gewoge war, ging Alles baarhaupt. Aber gleich hinter dem Heiligen marſchirte eine Muſikbande mit den luſtigſten Walzern und darauf ein Menſchenſtrom wild durcheinander und ſo breit ihn nur die Straße faßte.
Ich hatte Gelegenheit, unter der wallenden und zuſchau⸗ enden Damenwelt die ſtehenden Linien in Geſtalt und Weſen aufzuſuchen. Sie ſcheinen ſchlank, jedoch keine ſchmalen engbrüſtigen Amerikanerinnen. Vielmehr, wie dieſe Armen die dürre klapprige Zeit viel zu frühe überfällt, ſind die Si⸗ cilianerinnen ſchon in jungen Jahren geneigt, ſich behaglich auszurunden. Die Geſichter zeigen meiſt ein ſchönes Oval mit Mandelaugen und ſanftem jedoch feurigem Blick, darüber ſchön geſchwungene tiefdunkle Brauen. Der Mund iſt ein wenig, jedoch nur ein klein wenig aufſchwellend, und immer etwas darüber, wie leiſe dunkle Ddämmerung. Müßte man ein Wahrzeichen der ſchönen Sicilianerinnen angeben, ſo könnte die Antwort nur ſein: ein ſanftes Schnurrbärtchen.
Indeſſen auch ohne Proceſſion gab das Volksleben ge⸗ nug zu betrachten. Vor den Hausthüren ſieht man beſtän⸗ dig kleine Gruppen in lebhaftem Geſpräch. Da wird ge⸗ ſchneidert und geſchuſtert, gewaſchen und gebügelt. Jede Nachbarin, die vorüber kommt, hält an der Hausthür ihr Schwätzchen ab, und die Männer machen es nicht anders. Erkundigt ſich ein Fremder um etwas, ſo entſteht gewöhnlich ein kleines Gelaufe, Alles redet dienſtfertig durcheinander, kein Wort iſt mehr zu verſtehen. Vom ſicilianiſchen Italie⸗ niſch findet ſich ohnehin wenig in der Grammatik, nur die Gebehrde bleibt immer verſtändlich.
Kommt ein beſſer Gekleideter vorüber, ſo hält auch er halb neugierig die Schritte an, und fragt man ihn nun nach irgend einem alten Gebäude, ſo macht er ſich auf der Stelle ein Vergnügen daraus, ſelbſt den Fremdling hinzuführen, und iſt ganz glücklich, wenn er deſſen belebte Theilnahme wahrnimmt. Zu Allem, was man zum Palermitaner über Kunſt und Alterthum redet, ſagt er Ja mit dem verbindlich⸗ ſten Lächeln; er ſelbſt findet eigentlich nur ſchön, was im edlen Zopfſtyl prunkend den Kirchen an Bauwerk und Fa⸗ gade vorgeklebt iſt. Auch hier im tiefen Süden von Eu⸗ ropa macht ſich jener häßliche Styl widerwärtig breit. Wa⸗ rum fliegt doch ein ſchlechter Geſchmack ſo raſch durch alle Länder? Warum wird er ſo eifrig geliebt und angebaut? Wahrſcheinlich, weil das Unedle ſo gemein verſtändlich iſt. In ſinkenden Zeiten ſchleicht ſich der Geſchmack der niederen Claſſen in die Anſchauung der Tonangebenden ein, und umnebelt ſie um ſo dichter, je hochmüthiger ſie den Kopf tragen.
In unſerm Jahrhundert haben ſicilianiſche Große an⸗ gefangen, ihre Schlöſſer in arabiſch⸗normänniſchem Styl zu bauen und auszuſchmücken. Man kann ſich an hübſchen Muſtern erfreuen. Das Landhaus des Herzogs Serra di Falco, umgeben von feenhaftem Blüthengewoge, läßt Erinne⸗ rungen aus„Tauſend und eine Nacht“ aufſteigen, deren Märchenſchatz einſt in Palermo, wenn nicht ſeine letzte Form und Ausbildung, doch gewiß manchen zierlichen Zuſatz erhielt.
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Im Schloſſe des Marcheſe Forcella iſt die halbe Alhambra unter Dach und Fach gebracht. Mitten im Saal, deſſen Fußboden in Moſaik, deſſen Wände in prachtvollem Schmucke widerſtrahlen, glänzt ein Teich, in welchem Gold⸗ und Sil⸗ berfiſche ſchimmern. Manchmal iſt in Allem, was mauriſch und ſeltſam, des Guten doch zu viel gethan. Palermo war ja von jeher der Ort, wo das ganz Curioſe ſich gern Luft machte. Das königliche Luſtſchlößchen la Favorita ſtellte ſich dar im chineſiſchen Styl, über und über mit Bimmelglöckchen behängt. Dem Erbauer der weltberühmten Villa Pallago⸗ nia gelang es, ganze Völker von Ungethümen aufzuſtellen. Weil Natur und Landſchaft ſo ſeltſamen Zaubers voll, wollen Menſchen das Märchenhafte noch überbieten, und denken nicht daran, daß ganz nahe dabei das Reich der Narrheit beginnt.
Nur in dies Capitel läßt ſich auch bringen, was man in den unterirdiſchen Bogengängen des Kapuzinerkloſters zu ſehen bekommt. Tauſende von ſchwarzen und braunen Leich⸗ namen ſtellen ſich dort dar, ganz vertrocknet und im ſchwarzen Büßerhemde an den Wänden aufgehängt. Dies Gewirr von Särgen und Todtenfratzen da unten, in dem gräulichen Durcheinander von grinſenden Schädeln und ſcheußlich ver⸗ drehten Gerippen,— wahrlich, das iſt darauf angelegt, dem Menſchen Hohn und Verachtung gegen ſeinen eigenen Leib einzujagen. Was todt iſt, gehört in die Erde und in's An⸗ denken, und nicht vor die lebendigen Augen: es hat ja doch nicht jeder Leichnam Heiligengeruch. Warum muß auch un⸗ ſer Leib, ſobald das Leben entflohen iſt, gerade zum ſo ab⸗ ſcheulich häßlichen Geſpenſte werden! O wie himmliſch er⸗ ſcheint da dieſer flüchtige Schimmer von Geiſt, welcher den Leib im Leben beſeelt, der in ſo edlen Werken ſich hervorbil⸗ den kann, und in welchem ein hohes und unſterbliches Den⸗ ken wohnt!
Auch die Vorkapelle, durch welche man in das Kloſter tritt, erweckt traurige Gedanken. Ihre Wände ſind mit kleinen Weihtafeln bedeckt, auf welchen die Jammergeſchichte derjeni⸗ gen gemalt iſt, für deren arme Seelen die Angehörigen um das Gebet der Gläubigen flehen. Die letzten Revolutions⸗ jahre müſſen fürchterlich gehauſt haben. Faſt die Hälfte der Bilder zeigte Gemetzel zwiſchen Volk und Soldaten oder Hinrichtungen mit Pulver und Blei. Das Palermitaner Volk ſtudirte in dieſer Kapelle, die ſtets von Armen und Müßigen gefüllt, eine ſeltſame Gallerie ſeiner jüngſten Ge⸗ ſchichte. Es wäre beſſer, die Leute gingen in die Schule, um endlich einmal etwas Ordentliches zu lernen.
Ueberhaupt läßt ſich nicht verſchweigen, daß mitten durch dieſe Schönheitsfülle Palermos, durch ſeine Wunder⸗ welt voll einziger Kunſtwerke, voll entzückender Natur, ſich breite dunkle Schatten ziehen. Es giebt viele gelehrte Leute in Sicilien, es giebt regſame Schriftſteller in Menge, ja ich traf eine geiſtvolle Gräfin in Palermo, die gerade unſere Nibelungen in der Urſprache las und für Frau Chrimhilde etwas ſchwärmte. Gleichwohl war es mir ſchon ein paar⸗ mal, wenn ich mich mit Sicilianern unterhielt, ſo vorgekom⸗ men, als ob ihre Bildung ein merkwürdig ſeichtes Waſſer wäre. Ihre Vorſtellungen von den Ländern, von den gro⸗ ßen und kleinen Dingen dieſer Erde waren doch gar zu kind⸗ lich. Erſchreckt fragte ich mich: iſt es denn möglich, daß ſo viele ſchöne Menſchenblumen ſo duft- und marklos ſind?— Nun wollte ich eine gute Karte von Sicilien in's Innere der Inſel mitnehmen. Ich fragte in einem und dem andern Buch⸗ laden nach, vergebens. Im dritten ſuchte man eine Wand⸗ karte hervor, ſie war aus dem vorigen Jahrhundert und latei⸗


