Jahrgang 
27-52 (1864)
Seite
531
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brannte der Blick des jungen Mannes auf ihrem Auge; wie getragen ſchwebte der Kahn zum Hügelthor hin aus, wo der Fluß in die platte Ebene trat. Da hörte man ein Trampeln, wie wenn ein Reitertrupp im vollen Galopp hinſauſte.

Sie ſind es! ſagte Roſel erſchrocken und zeigte nach der Seite, wo das Dorf lag.Sie werden uns abpaſſen! Ach Gott, wenn wir nur bis an den Pfarr⸗ garten wären. Der Verwalter hörte deutlich, wie die Rotte der erzürnten Burſche dem Dorfe zurannte. Schnell legte er ſich mit aller Kraft an die Ruder, denn er wußte wohl,

länge aufwiegen mußte, wenn er nur gleichzeitig mit ihnen im Dorfe ankommen wollte. Jetzt, jetzt! Eben hörte er die Schaar über eine Klöppelbrücke am Ein⸗ gange des Dorfes trampeln, da legte er am Pfarr⸗ garten an.

Mit ſtarker Hand drückte er den Kahn an's Ufer,

drängte das Mädchen hinaus, und erſt, als er in der

Mite des Fluſſes war, wünſchte er der im Garten

hinauftrippelnden Roſel einen frohen Oſtermorgen. Dann fuhr er ſchnell nach dem jenſeitigen Ufer, ſprang hinaus und befeſtigte den Kahn, ſo gut wollte, an einen Weidenſtumpf. Raſch bog er dann in einen friſchduftigen Waldweg ein, der nach dem Rothen Vorwerke führte, wo er Verwalter war.

Als die Burſchen an der Stelle ankamen, wo ſie annehmen konnten, daß der Kahn landen müßte, fanden ſie Niemand. Drüben ſchaukelte ihr zwiſchen den Weiden.

Ich will verd... t ſein, ſchrie der Große, wenn ich den Hund nicht todtgeſchlagen hätte!

Hätte! riefen die Andern athemlos nachfolgend.

Hätte! ſpottete das Echo.

J Du naſeweiſer Landſtreicher, rief er im höch ſten Fiſtelton,denkſt wohl, Du kannſt uns ſo, wie man eine Hand umdreht, die Mäde wegſchnappen und auf unſren Kähnen ſpazieren fahren? Ich will

Kahn

ein Lump ſein, wenn ich Dir nicht den Kahn an der

Hirnſchale entzwei ſchlage! Auf einmal ward er ſehr ernſt, drehte ſich um und trat mitten unter die An⸗ dern.Der kommt wieder! ſagte er faſt flüſternd, aber beſtimmt.Wehe ihm, wenn er unſer Dorf be⸗

tritt! Was, Kerls? Er hielt die Hand hin, und Alle

ſchlugen ein mit gewaltigem Schalle.

Einer rief:Morgen iſt Tanz, da holt er die Roſel zum Walzer! Der Große zuckte zuſammen und rief mit faſt erſtickter Stimme:

Und da giebt's eine Schlägerei, Dorfe noch keine geſehen. davontragen.

wie man im

Vierte Folge.

Und da werden wir auch dabei ſein, Andern.

Dem wird man die Beine auf dem Tanzboden zuſammenſuchen helfen! ſchrie Einer laut.

Und die Bierflaſchen werden ihm wie Hörner im Kopfe ſtecken! drohte ein Anderer.

Damit trollten ſich die Burſchen von dannen.

riefen die

Durch den Pfarrhof war Roſel auf die Dorf⸗

daß er auf dem Umwege des Fluſſes jeden Schritt der Laufenden mit einer Kahn⸗

es gehen

Man wird Einen für todt

gaſſe und quer darüber hinweg in ein großes Gut geſchlüpft, das niemand anders gehörte als dem dicken Zechendorf, ihrem Vater.

Eine Stunde ſpäter finden wir ſie in der O ſtube. Das iſt der Ort der Stille, der Sammlung, der Weihe, das echte Frauenheiligthum der Bauern⸗ häuſer in Sachſen. Hier, wo die Kirchenkleider liegen und das Geſangbuch, wo eine uralte Haube an die ſelige Großmutter, oder ein welkes Kränzchen in ſchwarzem Rahmen an ein längſt verſtorbenes Geſchwi⸗ ſter erinnert, hier kleiden ſich die Frauen an und war ten, bis das Glockengeläut voll und feierlich, zugleich mit der reinen, duftigen Luft durch das weinvergit⸗ terte Fenſter dringt. Roſel hatte ſich angekleidet. Sie ſtand allerliebſt da in ihrem einfachen, ſchwarzen Tibetkleide mit der ponceaurothen Schleife. Schwarz und Roth kleidete das Mädchen ſo gut, daß es die mittelgroße Geſtalt mit den vollen weichen Formen und den braunen Teint mit dem ſchwarzen, reichen Haar in das rechte Verhältniß zu bringen ſchien, So lieblich, ſo jugendfriſch ſtand ſie da, daß man es dem Verwalter nicht verdenken konnte, wenn er ihr recht von Herzen gut war.

Aber Roſel hatte noch einen ihr ganz eigenthüm⸗ lichen Jlei Sie war gebildeter als die übrigen Mäd⸗ V chen im Dorfe. In Neubruch ſo hieß das Dorf wo, wie man zu ſagen pflegte, die Ochſen einen beſ ſeren Anſtand hatten als die Bauern, war dies in V der That eine ſeltene Auszeichnung, und Roſel dankte dem redlichen Pfarrer des Dorfes von Herzen, daß er ſie nach der Confirmation im Schreiben, Bücher⸗

Ober⸗

leſen und in einer reinen hochdeutſchen Ausſprache unermüdlich unterwieſen haete. Der gute Mann hatte es gethan, ohne irgend einen Lohn zu fordern; kaum daß er die kleinen Geſchenke und Dienſtleiſtungen an⸗ nahm, die ſie ihm aus Dankbarkeit darbrachte. Roſel hatte jeden Augenblick weiſe benutzt, den ſie in der Pfarre zubringen konnte, und ſie hatte ihre Freude daran, daß ſich ihr Vorſtellungskreis ſichtlich erweiterte. Sie fühlte ſich dabei freilich unter ihren Altersgenoſſinnen etwas einſam, aber ſie blieb auch, während ei ne bedenkliche Sittenloſigkeit den weiblichen