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bereits vorbei war und daß Marianne noch nicht ge⸗ kommen war, um ſie daran zu erinnern; ſie hörte auch nicht, daß draußen die Glocke ertönte, und be— achtete es nicht, als Niemand kam, um einen Beſuch anzumelden.
Sie dachte nur an ſich ſelbſt und was ſie thun ſollte. Stolz und Eitelkeit wurden die mächtigen Verbündeten der plötzlichen Gefühlsaufwallung zu Brenken’s Gunſten; ſie wollte, ſie mußte ihn verſöh— nen, und eine ſchnelle, glänzende Verheirathung ſollte ſie an dem Prinzen L. rächen. Sie wollte und mußte jetzt Brenken’s Frau werden, und er, o, ſie wußte es ja, er würde ihr gern verzeihen.
Mit einem ſchnellen Entſchluſſe wandte ſie ſich an ihren Schreibtiſch und begann einen Brief an den Grafen zu ſchreiben. Sie wollte ihn um Verzeihung bitten, mit gereizten Nerven ihre Laune entſchuldigen und ihm freudig ihre Hand zuſagen, welche er liebend begehrt hatte.
Die Anrede hatte ſie beendet und konnte doch nun keine Worte finden für den ſeltſamen Brief. Sie ſtützte das ſchöne Köpfchen in die blendend zarte Hand und ſann über eine Wendung nach, um ihre Gedanken paſſend einzukleiden.
So hörte ſie wohl die Thür öffne nund ſchließen, aber ſie achtete nicht darauf. Wer hätte es anders ſein können als Marianne? Sie überlegte weiter; ſie wollte nichts, als dieſen Brief beendigen, der ſie mit dem Grafen verſöhnen ſollte, und zu welchem ihr immer noch der rechte Ausdruck fehlte.
„Gnädiges Fräulein,“ hörte ſie da ſich anreden; die Feder entfiel ihrer Hand, als ſie dieſe Stimme vernahm, deren Klang nur zu lebendig in ihrem Her⸗ zen fortgelebt hatte; mit ſtockendem Athem erhob ſie ſich, und ein Gluthſtrom färbte ihre Wangen, als
ſie ſich wirklich dem Baron von Löwen gegenüber ſah.
„Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein,“ ſagte die— ſer,„wenn ich ſo unverhofft eindringend Sie ſtörte und erſchreckte; aber ich fand im Vorzimmer Niemanden, der mich melden wollte; und ſo mußte ich denn ſchon als Unberufener näher treten, weil ich Sie ſprechen mußte, und die Stimme meines Herzens mich nicht umkehren ließ.“
Agnes Lindau hatte ſich gewaltſam gefaßt; ſie begriff ſchnell, daß ſie es mußte. Sie hatte heute ſchon ſo vieles Seltſame erlebt, daß ſie ſich über die⸗ ſes Zuſammentreffen nicht allzuſehr wundern durfte. Aber was wollte er mit den letzten Worten ſagen, wie durfte ſie dieſelben verſtehen? Ein Hoffnungs— ſchimmer leuchtete ihr aus ihnen auf; was mochte, was konnte er für Abſicht hegen?
Sie ließ ſich nieder und bot dem Baron einen
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Dierte Folge. 2
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Seſſel an, ihr gegenüber, ſie zwang ſich gewaltſam zur Ruhe und bereitete ſich vor, einen neuen Antrag vernehmen zu müſſen; und in ihrem Herzen regte es ſich wie ein freudiges Aufwallen bei dieſer Hoffnung. Welch ereignißreicher Tag!
„Als Sie, mein gnädiges Fräulein, nach der unglückſeligen Freiſchützaufführung Paris verlaſſen hatten, da fand auch ich dort keine Ruhe mehr. Mein Herz ſehnte ſich nach Deutſchland zurück, flog mir ſelbſt voran und war bereits zu jeder Stunde hier, als ich noch in Paris verweilen mußte. Da kam endlich die Erlöſung von dem Dienſte in der Fremde, und ich zögerte keinen Augenblick länger, dem Zuge des Herzens Genüge zu thun; ich flog in die Hei⸗ math über den Rhein zurück, wo die Blume meines Herzens blüht! Und da bin ich nun, und von Ihrer Güte erbitte ich, daß Sie mich noch heute zum glück⸗ lichſten der Sterblichen machen. Ich bitte Sie, gnä⸗ diges Fräulein—“
„Herr Baron von Löwen,“ rief Agnes geängſtigt, „ich bitte, beſtürmen Sie mich nicht— übereilen Sie nichts— ich weiß nicht— kann nicht—“
„O Fräulein, handeln Sie nicht egoiſtiſch, Sie finden ja zu jeder Stunde eine Stellvertreterin für Mariannen. Ich bitte Sie, gnädiges Fräulein, geben Sie noch heute Mariannen frei; denn ich kann mich nicht mit ihr verloben, ſo lange ſie in dieſer Stellung lebt; aber ich hoffe von Ihrer Güte.“
Agnes Lindau erſtarrte, ihre eben noch leicht ge⸗ rötheten Wangen erbleichten plötzlich, ihre Augen ver⸗ loren den gewöhnlichen Glanz, und ein heller Bluts⸗ tropfen netzte die feine Lippe und den Perlenzahn, welcher ſie gebiſſen hatte.
Rudolph von Löwen beobachtete ſie mit feinem Lächeln. Er hatte das Mißverſtändniß begriffen, ohne es beabſichtigt zu haben, und er ſah mit heinlicher Genugthuung die Demüthigung der ſtolzen Künſtlerin. Er freute ſich, den armen Freund an der Hochmüthi— gen gerächt zu haben.
In demſelben Augenblicke ertönte draußen die Glocke, und Stimmen wurden laut. Agnes Lindau vernahm es; ſie raffte ſich gewaltſam zuſammen; ſie fühlte, daß an dieſem Augenblicke ihr Leben hing, daß ſie ſtark ſein mußte und nicht zeigen durfte, was in ihrem Innern vorging. Noch glaubte ſie ſich nicht verrathen, und ein wenig zitternd zwar, doch eiſig kalt ſagte ſie:„Fräulein Marianne iſt frei, Herr von Löwen, empfangen Sie meine Gratulation!“
Mit einer leichten Handbewegung winkte ſie ihm Abſchied und wandte ſich der Thür des nächſten Zim⸗ mers zu. Sie hatte dieſe noch nicht erreicht, als ein Diener in das Boudoir ſtürmte, von der entſetzten


