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bewegten Bruſt, und anbetungsvoll liege ich zu Dei⸗
Novellen⸗Zeitung.
nem Füßen alle Tage, und meine Lippen flehen um
das einzige Wort der Erlöſung, das mich heilen kann! O
Wort, welches meine Seligkeit enthält; willſt Du ganz mein ſein, mein werden für alle Ewigkeit?“
Er hatte ſie wiederum leiſe umſchlungen, hatte ihre Hand ergriffen und blickte flehend zu ihr auf, und ſeine magnetiſchen Augen, welche in feuchtem Glanze ſchimmerten, hingen erwartungsvoll an ihrem Munde.
Sie war ruhig und gefaßt geblieben; ſie hatte ja erwartet, was gekommen war; ſie war auf ſein Werben vorbereitet geweſen und mit ſich ſelbſt im Reinen. Es galt alſo nur der Form, dem Anſtande genügen.
Ihre Hand ließ ſie dem Prinzen, der ſie mit leiſem Drucke in der ſeinigen hielt.
.„.,. Die zarten Lider mit den langen dunkeln Wim⸗ 5 d
pern hatten ſich über die ſchönen Augen geſenkt, und ihre Züge waren nachdenkend und gernſt geworden. So ſaß ſie eine Weile, wie im ernften Prüfen und Ueberlegen, bevor ſie Antwort gab.
„Sie überraſchen mich mit einer ernſten Frage, mein Prinz,“ ſagte ſie leiſe,„mit einer Frage, wie ich ſie unter den herrſchenden Verhältniſſen kaum er⸗ warten konnte. Daß ich Sie ſchätzte, mehr ſchätzte, als jeden andern Mann, das mußten Sie längſt be⸗ merkt und verſtanden haben; freilich, an ein Glück, wie Sie mir es heute bieten, durfte ich nicht zu glau— ben wagen. Doch die Scrupel lagen ja auf Ihrer Seite, nicht auf der meinigen; wenn Sie ſie über⸗ wunden, ſo darf ich freudig die Ihrige ſein. Mein Prinz, Sie begehren meine Hand, Sie wollen die einfache Künſtlerin, welche Sie lieben, zur Prinzeſſin⸗ erheben— das liebende Weib wird Ihnen dafür danken.“
Er ſtarrte ſie an voll Verwunderung und Schre⸗ cken; er zog leiſe ſeinen Arm zurück, ließ ihre Hand frei und erhob ſich.
„Gnädiges Fräulein, das iſt ein unſeliges Miß⸗ verſtändniß, welches ich auf Ehre nicht beabſichtigte und welches mich jetzt troſtlos macht. Mein Fräulein, Prinz L, durfte der Künſtlerin wohl ſeine Liebe, nicht aber ſeite Hand bieten. Sein Herz wird ewig an⸗ betend zu ihren Füßen ſchmachten, ſelbſt wenn ſie ihn
jetzt haſſen würde; aber über ſeine Hand beſtimmen
andere Rückſichten.“
Agnes hatte ſich ebenfalls erhoben. Ihre Geſtalt erſchien höher, ihr Auge flammender, als Prinz L. ſie jemals, ſelbſt in den Augenblicken des höchſten Bühneneffectes, geſehen hatte, und um die feinen Lip⸗
O, ſprich, meine angebetete Göttin, ſprich das eine
pen, welche ſich erſt feſt aufeinanderpreßten, zuckte ein unausſprechlicher Zug.
„Eure Durchlaucht wagten mir alſo Anträge zu machen, welche mich entehren, und welche ich nur, Ihrer Leidenſchaft Rechnung tragend, zu verzeihen und vergeſſen ſuchen werde; Eure Durchlaucht irrten, von Leidenſchaft verblendet, einen Augenblick über meine Perſon, und ich bin überzeugt, mein Prinz, Sie bereuen ſchon jetzt, was Sie mir anzubieten wag— ten. Schweigen wir alſo für ewig darüber und be⸗ graben dieſe dunkle Minute in den entlegenſten Winkel unſerer Bruſt; unter dieſer Bedingung allein iſt ein fernerer freundſchaftlicher Verkehr zwiſchen uns mög⸗ lich. Sie haben mich verkannt, mein Prinz, und es iſt jetzt Pflicht für mich, Sie erkennen zu lehren, daß Agnes Lindau nicht zu ſchlecht geweſen ſein würde, Ihre Gattin zu werden, daß ſie aber zu gut iſt, um eines Prinzen Maitreſſe zu ſein.“
Sie ließ ſich voll Hoheit nieder und winkte dem Prinzen, ebenfalls Platz zu nehmen. Mit bewun⸗ dernswerther Beherrſchung verbarg ſie den Eindruck der Enttäuſchung und Beleidigung unter der ſtereo⸗ typen Maske der Convenienz und lenkte das Geſpräch auf einen andern, gleichgültigen Gegenſtand.
Doch hielt der Prinz nicht lange mehr Stand; auch ſeine Eitelkeit, welche ſich unwiderſtehlich geach⸗ tet hatte, war verletzt; ſeine Situation ungemüthlich geworden, und er empfahl ſich bald.
„Schade um den Schmuck!“ murmelte er draußen ärgerlich;„er hätte mir auf Ehre noch beſſere Dienſte leiſten können. Wer hätte auch annehmen dürfen, daß die ſchöne Primadonna alles Ernſtes eine ſo prüde Gans wäre?“
Murrend trat er in eine elegante Weinſtube, um ſeinen Groll zu ertränken. Als er nach Hauſe kam, fand er ein verſiegeltes Paket vor.
Agnes Lindau hatte den Schmuck zurückgeſchickt.
(Schluß folgt.)
Gedicht von Ernſt Dietrich).
Die Gletſcherbraut.
Vom Scheidegruß der Sonne Die Alpen roſig erglühn, Da ſteigt an ſchwindelnder Höhe
C.
Empor ein Jäger kühn.
*) Aus: Lieder und Balladen. Neue Sammlung von Original⸗Bei⸗ trägen. Herausgegeben von der Breslauer Dichterſchule. Breslau, Verlag von Maruſchke und Berendt. 1864.


