Jahrgang 
27-52 (1864)
Seite
482
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Dabei vergaß er jedoch ſeinen Pflegling nicht. Je mehr Agnes emporwuchs und je wunderbarer ſich ihr eminentes Geſangstalent entfaltete, welches ſelbſt die alten Meiſter der Kunſt zur Bewunderung hinriß, um ſo mehr widmete er ihr liebende Sorgfalt und erfreute ſie mit reizenden und koſtbaren Geſchenken. Agnes wurde, nach des Grafen Willen, als Dame er⸗ zogen, und als ſie, ſechszehn Jahre alt, das Conſerva⸗ torium verließ und bei der königlichen Oper Engage⸗ ment erhielt, da richtete er ihr bei einer geachteten Beamtenfamilie eine prächtige Wohnung ein und en⸗ gagirte ein armes adeliges Fräulein als Geſellſchaf⸗ terin für ſie.

Graf Oskar war inzwiſchen dreißig Jahr alt ge⸗ worden, ohne ſich zu einer Vermählung entſchloſſen zu haben. Die idealiſtiſche Richtung ſeiner Anſchau⸗ ungsweiſe und ſeines Empfindens konnte ſich von den Modedamen der eleganten Welt nicht angezogen füh⸗ len; er verlangte mehr, verlangte eine Frau mit ho⸗ hen Anſchauungen und geiſtigem Streben, die ſeinem Innern verwandt begegnete. Er glaubte ein ſolches Weſen zu kennen und liebte daſſelbe, und ſein wonne trunkenes Auge bewachte mit Entzücken die erblühen⸗ den Reize ſeines Pfleglings, deſſen Ruf mit jeder neuen Rolle ſtieg. Er liebte Agnes mit der ganzen Innigkeit eines treuen Mannesherzens, und freute ſich bereits auf den Tag, wo er dem ſchönen Mäd chen, welches ihm Alles dankte, als letztes Gut Herz und Hand bieten und ſie einführen wollte auf das Schloß ſeiner Väter.

Aber je höher Agnes' Stern ſtieg, und je ſchnel ler ſie die Gunſt des Publicums errang, das entzückt den Tönen lauſchte, welche, ſo rein und leicht wie Lerchentriller, gleich köſtlichen Perlen über Agnes' Purpurlippen rollten, um ſo ſchneller und höher ſtieg auch ihr Ehrgeiz und der Hochmuth, welche ſchon im Kinde Wurzel gefaßt hatten, und die durch ihre Er ziehung leider noch genährt worden waren. Sie ſah ſich gefeiert, umſchwärmt, angebetet, und gewöhnte ſich bald ſo ſehr an jede Auszeichnung, daß ſie die höch⸗ ſten Triumphe, die zarteſten Huldigungen nur für natürlich, für ſelbſtverſtändlich hielt.

Da die vornehmſten und eleganteſten Cavaliere die junge Künſtlerin umſchwärmten, ſo iſt es bei dem oberflächlichen Mädchenſinne leicht erklärlich, daß des Grafen Bild, den die Natur im Aeußern ſtiefmütter⸗ lich behandelt hatte, in dieſer glänzenden Geſellſchaft verlor, und daß er ſelber der Gefeierten mit der Zeit gleichgültig wurde, da ihr die ſchönſten Männer hul⸗ digend zu Füßen lagen.

Graf Oskar hatte das junge Mädchen in ſeinem Kunſtſtreben für ſich zum Ideale verklärt, ohne an

Novellen⸗ZJeitung.

das Weib in der Künſtlerin und an die weiblichen Schwächen deſſelben zu denken, die ja gerade leider in der Künſtlerin, dem verzärtelten und verwöhnten Kinde des Publicums, die meiſte Nahrung zur Aus bildung zu finden pflegen. Agnes Lindau war ein Weſen, in welchem das Innerliche von den Aeußer⸗ lichkeiten weit überflügelt wurde. In ihrer Bruſt wohnten edle Gefühle, welche in einfachen Verhält⸗ niſſen vielleicht vorherrſchend geblieben wären; jetzt aber, in dem glänzenden Strudel des Gefeiertſeins, wurden ſie erſtickt, und Egoismus, Hochmuth und Launenhaftigkeit ſchlugen die üppigſten Wurzeln. Der Graf erkannte das mit Schmerz, und er entſchloß ſich, dieſem Zuſtande ein Ende zu machen und der jetzt achtzehnjährigen Künſtlerin ſeine Hand zu bieten.

Doch bevor er mit dieſem Entſchluſſe zur Aus⸗ führung kam, ereilte ihn die Krankheit, riß ihn der Typhus mit raſender Heftigkeit in ſeine verderben⸗ ſchwangere Umarmung.

Als er nach vier Wochen des Leidens, der Be⸗ wußtloſigkeit und Todesgefahr wieder erwachte und nach Agnes fragte, vielleicht heimlich verwundert, ſie nicht als Pflegerin an ſeinem Krankenlager zu finden, erfuhr er, daß ſie zu einem Gaſtſpiele nach Paris gereiſt ſei.

Während er mit dem Tode rang, reiſte ſie in ein fremdes Land, um neue Triumphe zu ernten, überließ ſie ihn ſorglos ſeinem Geſchicke! 3

Das war eine recht ſchmerzliche Nachricht für den armen Grafen, und er empfand, daß ſie ſeinem Herzen eine brennende Wunde ſchlug. Nun er Agnes ferne wußte, begriff er erſt, wie ſehr er ſie liebte, wie jeder ſeiner Gedanken ihr gehörte, wie ſein Glück und ſeine Ruhe von ihrer Liebe abhängig waren.

Täglich hoffte er auf einen Brief von ihr; allein ebenfalls vergeblich, und ſeine Stimmung wurde immer trüber, als er ſich von dem Weſen vergeſſen ſah, welches er aus tiefſter Niedrigkeit emporgezogen und eingeführt hatte in den Tempel der Kunſt, und das er nun noch zu ſeiner eigenen Gattin, zu dem Sterne ſeines Lebens hatte machen wollen. 3

Ach, ſie war es leider ſchon, und der arme Graf war tief unglücklich, als er ſich von Nacht und Ge⸗ wölk umhüllt ſah, und nirgends ihm ſein Stern ent⸗ gegenſtrahlte. Er leuchtete wohl jetzt in fremden Landen und entzückte Fremde mit ſeinem glänzenden Schimmer, der den Grafen Oskar ſo glücklich gemacht haben würde, hätte er für ihn geſtrahlt.

Aber er war vergeſſen, vergeſſen Alles, und ein

tiefes Weh füllte ſeine Bruſt. Eine Zeile der Dank⸗

barkeit wenigſtens hätte er wohl mit Recht erwarten

dürfen.

erntete Trumph einmal nach ih

der noch lebte,

Und er liebte Mannes, welch Jahren findet, liebten und nac wie die ſchwach Die Anze Grafen aufge wurden ihm zu in ſeiner Bruf aus, hinaus i In d ieſe das Dorf, un bewohner, wel ten ihm wohl. Er nat in m üba ihre Inte zu, ud beſuch Cd war Eltern befand Schüſſel voll ſtellt, den ei die bunten, in der Mitt, gelegt. Gra

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